Niksen und Daoismus: die Kunst, einfach zu sein

„Ich geh mal eben niksen“

Als ich zum ersten Mal den niederländischen Begriff Niksen hörte, musste ich sofort schmunzeln. „Ich geh mal eben niksen“ klingt schließlich herrlich charmant. Fast so, als hätte man plötzlich eine wunderbar legitime Ausrede, einfach kurz aus dem System auszusteigen.

Und genau das brauchen wir vielleicht.

Denn hinter diesem kleinen Wort steckt etwas sehr Heilsames. Niksen beschreibt das bewusste Nichtstun. Kein Handy. Kein Optimieren. Kein „Ich nutze die Zeit mal sinnvoll“. Sondern einfach: sein.

Ich fühlte mich sofort an den Daoismus erinnert. Besonders an das Prinzip des Wu Wei, oft übersetzt als „Handeln durch Nichthandeln“. Gemeint ist damit kein lethargisches Herumliegen auf dem Sofa, sondern ein Leben im natürlichen Fluss. Ein Sein ohne ständiges Drücken, Ziehen und Erzwingen.

Warum Nichtstun heute fast mutig ist

Unsere Welt scheint permanent in Bewegung zu sein. Selbst Entspannung wird inzwischen optimiert. Atemtechnik App hier, Morgenroutine dort, Achtsamkeit bitte effizient in sieben Minuten. Und selbst beim Ausruhen entsteht schnell dieser heimliche Gedanke:
„Ich sollte die Zeit vielleicht doch sinnvoller nutzen.“

Genau darin liegt die kraftvolle Wirkung des Niksens.

Einfach mal aus dem Fenster schauen, ohne nebenbei einen Podcast zu hören.
Im Garten sitzen und den Wolken beim Vorüberziehen zusehen.
Den Tee trinken, solange er noch heiß ist, statt ihn kalt neben dem Laptop wiederzufinden.

Das klingt simpel. Und genau deshalb ist es so wertvoll.

Was der Daoismus uns über Mühelosigkeit lehrt

Im Daoismus begegnet uns immer wieder die Idee, dass das Leben nicht erzwungen werden muss. Das Prinzip des Wu Wei beschreibt eine Haltung der natürlichen Mühelosigkeit.

Die Natur macht es uns vor: Kein Baum wächst pausenlos.
Kein Fluss fließt schneller, weil er sich stresst.
Und selbst unser Herz arbeitet in Rhythmus und Ruhe.

Nur wir Menschen glauben oft, ständig funktionieren zu müssen.

Im Qigong erlebe ich häufig, wie ungewohnt echte Pause geworden ist. Viele Menschen können stillsitzen, aber innerlich rennen sie weiter. Der Körper atmet langsamer, doch der Kopf schreibt bereits die Einkaufsliste für morgen.

Niksen lädt uns ein, aus diesem inneren Dauerlauf auszusteigen.

Nicht um noch mehr zu leisten oder uns selbst zu optimieren.
Sondern einfach, weil wir Menschen sind und keine Maschinen.

Kleine Niksen Momente für den Alltag

Das Schöne am Niksen: Es braucht weder Yogamatte noch Räucherstäbchen. Man kann sofort damit anfangen.

1. Das Fenster Niksen

Setz dich für zwei Minuten ans Fenster und schau hinaus. Ohne Handy. Ohne Aufgabe. Einfach beobachten.

2. Die Tee Pause ohne Nebenbei

Trinke deinen Kaffee oder Tee, ohne gleichzeitig Nachrichten zu lesen oder etwas zu planen.

3. Drei Atemzüge nichts tun

Bevor du auf eine Nachricht antwortest oder das nächste Meeting betrittst:
Drei bewusste Atemzüge. Kein Müssen. Kein Sollen.

4. Mini Niksen unterwegs

An der roten Ampel. Im Wartezimmer. In der Schlange im Supermarkt. Nicht sofort zum Handy greifen. Einfach kurz da sein.

5. Das absichtslose Sitzen

Setz dich für fünf Minuten irgendwo hin. Ohne Meditationstechnik. Ohne Ziel. Einfach sitzen.

Niksen in der achtsamen Kommunikation

Auch in der Kommunikation kann mehr Niksen heilsam sein.

Nicht jede Pause muss gefüllt werden.
Nicht jede Antwort muss sofort kommen.
Nicht jedes Gespräch braucht eine Lösung innerhalb von drei Minuten.

Manchmal entsteht echte Verbindung erst in dem kleinen stillen Moment dazwischen.

Vielleicht wäre vieles friedlicher, wenn wir öfter erst einmal kurz niksen würden, bevor wir reagieren.

Ein kleines Plädoyer für mehr Leerräume

Mehr Menschen sehnen sich heute nach Ruhe, als sie sich selbst erlauben können. Doch Ruhe ist kein Luxus. Sie ist eine menschliche Grundnahrung.

Unsere Gesellschaft braucht nicht noch mehr Selbstoptimierung. Sie braucht mehr bewusste Leerräume. Mehr absichtslose Momente. Mehr Fensterblicke. Mehr Sitzen ohne Zweck. Mehr Atmen ohne Ziel.

Mehr Niksen.

Und vielleicht steckt genau darin eine stille Weisheit, die der Daoismus schon lange kennt:
Dass wir nicht immer etwas tun müssen, um ganz da zu sein.

Manchmal genügt es vollkommen, einfach zu sagen:

„Ich geh mal eben niksen.“

Denn genau in diesen stillen Momenten können Körper, Geist und Nervensystem wieder zueinanderfinden. Erst wenn wir aufhören, permanent im Außen zu funktionieren, entsteht wieder echte Verbindung zu uns selbst.

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