Kategorie: Qigong

  • Zuversicht – die Kunst, weiter nach vorn zu sehen

    Zuversicht – die Kunst, weiter nach vorn zu sehen

    Zuversicht. Was für ein wunderbares Wort.

    Eines dieser Wörter, die wir ganz selbstverständlich benutzen und bei denen es sich lohnt, einmal genauer hinzuschauen. Das Wort geht auf das mittelhochdeutsche Zuoversiht zurück und hatte mit Voraussehen zu tun, mit dem Blick auf das Kommende. In der Ursprungsbedeutung ist es verwandt mit dem Ausspruch „sich einer Sache versehen“. Der Ausspruch beinhaltet etwas Hoffnungsvolles und Vertrauen und Hingabe an eine höhere Bestimmung.

    Dieser Gedanke berührt mich gerade sehr. Denn manchmal fällt es schwer, nach vorn zu schauen. Der Ton in unserer Gesellschaft wird rauer, Menschen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Es herrschen Kriege, Weltpolitik macht sprachlos und die Veränderungen unseres Klimas sind längst keine abstrakten Szenarien mehr.

    Dazu kommen unsere ganz persönlichen Sorgen. Krankheit, Abschied, Menschen, um die wir uns sorgen, berufliche Unsicherheit, Veränderungen, die wir nicht wollten, und Entscheidungen, deren Folgen wir noch nicht kennen. Es gibt genügend Gründe, mit Sorge auf das Morgen zu schauen.

    Und dann kommt dieses Wort: Zuversicht.

    Zuversicht ist nicht: Es wird schon alles gut

    Zuversicht bedeutet nicht, die Augen vor dem zu verschließen, was ist. Sie ist kein „Denk doch positiv“ und auch kein Versprechen, dass schon alles gutgehen wird. Denn das wissen wir nicht.

    Für mich liegt genau darin der Unterschied zum reinen Optimismus. Optimismus richtet den Blick häufig auf den Ausgang: Es wird gutgehen. Zuversicht braucht dieses Versprechen nicht. Sie sagt:

    Ich sehe, was ist. Auch das, was nicht schön ist. Ich weiß nicht, was kommt. Und trotzdem gehe ich weiter.

    Das ist keine naive Haltung. Im Gegenteil. Zuversicht hält aus, dass wir nicht alles wissen. Sie erkennt an, dass vieles außerhalb unserer Kontrolle liegt, ohne deshalb der Angst und der Hoffnungslosigkeit das letzte Wort zu überlassen.

    Ziran – dem Leben seine eigene Bewegung lassen

    Dieser Gedanke führt mich unmittelbar zum Daoismus. Besonders zu einem Begriff, den ich in diesem Zusammenhang sehe: Ziran .

    Ziran wird meist mit „Natürlichkeit“ übersetzt. Wörtlich lässt es sich ungefähr mit „von selbst so“ oder „aus sich selbst heraus so“ wiedergeben. Darin liegt ein tiefes Vertrauen in die Eigendynamik des Lebens.

    Das Leben muss nicht vollständig von uns gemacht, gelenkt und kontrolliert werden. Es entfaltet sich. Es verändert sich. Es entstehen Wege, die wir vorher nicht sehen konnten. Tag wird zu Nacht, Sommer wird zu Herbst, Einatmen wird zu Ausatmen. Entstehen und Vergehen gehören zum Leben.

    Wir Menschen versuchen trotzdem unglaublich viel festzuhalten. Wir möchten wissen, wie etwas ausgeht. Wir planen, sichern uns ab und suchen Gewissheiten. Und wenn die Welt unübersichtlich wird, versuchen wir oft noch stärker, Kontrolle herzustellen.

    Nur: Das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren.

    Ziran bedeutet für mich deshalb nicht: Ich lehne mich zurück und überlasse alles seinem Schicksal. Es bedeutet auch nicht: Alles wird schon irgendwie richtig sein. Es ist vielmehr die Anerkennung, dass das Leben eine eigene Bewegung hat, die größer ist als meine Pläne.

    Zuversicht heißt dann nicht: Ich vertraue darauf, dass alles so kommt, wie ich es möchte. Zuversicht heißt: Ich vertraue darauf, dass Leben sich entfaltet – und dass ich ihm begegnen kann.

    Und dann kommt Wu Wei

    Hier begegnet Ziran dem Wu Wei. Wu Wei wird oft mit „Nichtstun“ übersetzt, doch das greift zu kurz. Es geht nicht darum, passiv zu werden oder alles hinzunehmen. Es geht darum, nicht ständig gegen das anzukämpfen, was gerade ist, und nicht mit aller Kraft etwas erzwingen zu wollen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

    Wir nehmen wahr, was ist. Wir unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Und dann handeln wir angemessen aus der jeweiligen Situation heraus. Nicht aus Panik und nicht aus dem Bedürfnis, die gesamte Zukunft kontrollieren zu müssen.

    Ziran beschreibt das Vertrauen in die natürliche Entfaltung. Wu Wei beschreibt eine Art, darin zu handeln. Und Zuversicht verbindet für mich beides.

    Ich muss nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, um meinen Platz darin einzunehmen. Ich kann darauf achten, wie ich mit anderen Menschen spreche, wo ich widerspreche, wem ich zuhöre, was ich unterstütze, wie ich mit unserer Erde umgehe und was ich selbst in diese Welt hineintragen möchte.

    Ich kann keinen Krieg allein beenden und nicht im Alleingang das Klima retten. Ich kann die Weltpolitik nicht bestimmen. Aber daraus folgt nicht, dass mein Handeln bedeutungslos ist.

    Wir müssen nicht die ganze Zukunft überblicken. Es reicht, den nächsten Schritt zu sehen und ihn bewusst zu gehen.

    Zuversicht lässt sich üben

    Hier wird aus einem schönen Gedanken, einem altmodischen Wort etwas ganz Praktisches. Zuversicht lässt sich stärken. Nicht, indem wir uns einreden, dass alles gut wird, sondern indem wir immer wieder aus unseren Gedanken über das Morgen in den gegenwärtigen Moment zurückkehren.

    Dafür tragen wir ein wunderbares Werkzeug ständig bei uns: unseren Atem.

    Wenn Sorgen groß werden, sind unsere Gedanken oft längst in der Zukunft. Was passiert, wenn …? Wie soll das weitergehen? Was wird aus …? Der Atem dagegen findet immer jetzt statt.

    Und auch darin steckt für mich Ziran. Bevor wir den Atem bewusst vertiefen oder verändern, können wir etwas ganz Einfaches wahrnehmen: Er ist schon da. Er geschieht. Wir müssen nicht jeden Atemzug herstellen. Wir können ihn für einen Moment einfach kommen und gehen lassen.

    Halte also inne und spüre zunächst den Boden unter deinen Füßen oder deinen Körper auf dem Stuhl. Dann nimm deinen Atem wahr, ohne etwas daran zu verändern. Spüre, wie er kommt und wie er wieder geht.

    Nach einigen Atemzügen kannst du ihn mit zwei einfachen Sätzen verbinden:

    Einatmen: Ich bin hier.
    Ausatmen: Ich lasse los, was ich gerade nicht lösen kann.

    Nicht, um die Welt auszublenden. Nicht, um Probleme wegzuatmen. Sondern um wieder dort anzukommen, wo du tatsächlich handeln kannst: hier und jetzt.

    Und dann stell dir eine einzige Frage:

    Was ist jetzt mein nächster Schritt?

    Nicht: Wie löse ich alles? Nicht: Wie wird mein Leben in einem Jahr aussehen? Nicht: Wie bekomme ich die Zukunft wieder unter Kontrolle? Nur der nächste Schritt.

    Mit dem Leben

    Genau darin liegt für mich die Kraft der Zuversicht. Sie entsteht nicht daraus, dass wir die Zukunft kennen. Sie wächst aus dem Vertrauen, dass wir dem begegnen können, was kommt.

    Ziran erinnert uns daran, dass Leben sich entfaltet und nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegt. Wu Wei erinnert uns daran, dass wir trotzdem handeln können – ohne alles erzwingen zu müssen.

    Und unser Atem erinnert uns daran, dass Leben längst geschieht.

    Ich sehe, was ist. Ich weiß nicht, was kommt. Und trotzdem gehe ich weiter.

    Atemzug für Atemzug. Schritt für Schritt.

    Mit dem Leben.

  • Die richtige Welle

    Die richtige Welle

    Früher war ich Wellenreiten.
    Nicht besonders spektakulär und sicher nicht so, dass ich mich heute als Surferin bezeichnen würde. Aber ich erinnere mich noch sehr genau an dieses Gefühl.

    Bevor es überhaupt ins Wasser ging, gehörte die Vorbereitung dazu. Das Brett waxen, damit die Füße Halt finden. Die Leash befestigen, damit das Brett auch dann bei mir bleibt, wenn ich falle. Schauen, wie das Meer heute aussieht. Wo die Wellen brechen. Wo die Strömung läuft.

    Und dann: hinauspaddeln. Gegen die Wellen, durch das Wasser, manchmal mühsam, manchmal mit ordentlich Kraftaufwand. Bis man irgendwann hinter dem Wellenkamm ist.

    Und dann passiert erst einmal: nichts. Man sitzt auf dem Brett und wartet. Man schaut aufs Meer. Beobachtet die Bewegung des Wassers. Sieht Wellen kommen, die vielversprechend aussehen und dann doch in sich zusammenfallen. Andere ziehen vorbei, weil man zu spät reagiert. Manchmal paddelt man los und merkt schon nach wenigen Metern: Das wird nichts.

    Und irgendwann beginnt man zu lernen. Man sieht die Welle schon, wenn sie noch ein gutes Stück entfernt ist. Diese kleine Veränderung in der Wasseroberfläche. Man spürt, dass da etwas kommt.

    Noch ist es nicht der Moment. Also wartet man.

    Dann dreht man das Brett, beginnt zu paddeln und muss genau den richtigen Zeitpunkt erwischen. Nicht zu früh. Nicht zu spät.

    Und wenn alles zusammenkommt, geschieht etwas Wunderbares. Plötzlich trägt die Welle.

    Für einen kurzen Moment braucht es kaum Kraft. Etwas viel Größeres übernimmt die Bewegung. Das Wasser hebt das Brett an, nimmt dich mit und du gleitest.

    Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, an das ich mich bis heute erinnere.

    Nicht jede Welle ist meine Welle

    Damals wollte ich natürlich möglichst jede erwischen. Heute weiß ich, dass das auch im Leben selten funktioniert.

    Nicht jede Möglichkeit ist die richtige Möglichkeit. Nicht jede Idee muss sofort umgesetzt werden. Nicht jede Tür, die sich öffnet, muss ich durchschreiten.

    Manchmal ist eine Welle einfach noch nicht meine.

    Das Dao lehrt uns nicht, passiv auf das Leben zu warten. Für mich bedeutet es vielmehr, aufmerksam zu werden für den richtigen Moment.

    Zu beobachten. Zu spüren. Und unterscheiden zu lernen zwischen dem Impuls, jetzt unbedingt etwas tun zu müssen, und diesem stillen inneren Wissen: Jetzt.

    Wu Wei bedeutet nicht Nichtstun

    Das daoistische Prinzip des Wu Wei wird manchmal mit Nichtstun übersetzt. Dabei beschreibt es etwas viel Feineres. Handeln, ohne gegen den natürlichen Lauf der Dinge anzukämpfen.

    Beim Wellenreiten wäre es ziemlich sinnlos, mit aller Kraft eine Welle erzeugen zu wollen.

    Ich kann mein Brett vorbereiten. Ich kann es waxen. Ich kann die Leash befestigen. Ich kann paddeln. Ich kann lernen. Ich kann meine Balance üben. Ich kann hinausfahren und aufmerksam sein.

    Aber die Welle selbst kommt aus einer Bewegung, die größer ist als ich. Wenn sie kommt, braucht es allerdings meine Bereitschaft. Dann muss ich paddeln. Dann muss ich mich aufrichten. Dann muss ich mich trauen.

    Genau darin liegt die Kunst: nicht ständig Kraft einzusetzen, sondern sie dort einzusetzen, wo sie etwas bewirken kann.

    Und manchmal fällt man einfach runter

    Natürlich gibt es noch die andere Seite.

    Man erwischt eine Welle perfekt, steht auf, fühlt sich für ungefähr drei Sekunden wie die Königin des Ozeans und liegt im nächsten Moment im Wasser. Man wird durchgespült, weiß kurz nicht mehr, wo oben und unten ist, taucht wieder auf und spürt den Zug der Leash am Fuß.

    Das Brett ist noch da. Nicht unbedingt genau dort, wo man es gerne hätte. Aber verbunden.

    Auch das mag ich rückblickend als Bild. Sich auf etwas einzulassen heißt nicht, auf jede Sicherheit zu verzichten. Man darf sich vorbereiten. Man darf wissen, was einen hält. Man darf Verbindungen haben, auf die man sich verlassen kann, wenn es einen einmal ordentlich durchschüttelt. Auch das widerspricht dem Vertrauen nicht. Im Gegenteil.

    Vielleicht macht gerade diese Sicherheit es manchmal erst möglich, mutig in die Welle hineinzugehen.

    Nicht jede Welle trägt bis zum Strand

    Nicht jede Entscheidung führt dorthin, wo wir es uns vorgestellt haben. Manches geht schief. Manches tut weh. Manchmal brauchen wir einen Moment, um wieder Luft zu bekommen.

    Und dann?

    Paddeln wir wieder hinaus.

    Dranbleiben ist etwas anderes als Festhalten

    Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen, die ich vom Meer mitgenommen habe. Dranbleiben bedeutet nicht, dieselbe Welle immer wieder erzwingen zu wollen. Die ist längst vorbei.

    Dranbleiben heißt, wieder hinauszupaddeln. Neu zu schauen. Neu zu spüren. Neu zu entscheiden.

    Das ist ein Unterschied, den ich heute sehr wichtig finde. Wir halten manchmal an Vorstellungen fest, weil wir glauben, das sei Ausdauer. Aber das Leben bewegt sich längst weiter.

    Das Dao bleibt nicht stehen.

    Und vielleicht besteht Beharrlichkeit deshalb nicht darin, einen bestimmten Ausgang zu erzwingen, sondern darin, dem eigenen Weg treu zu bleiben und immer wieder bereit zu sein für das, was sich zeigt.

    Die perfekte Welle

    Ob es sie überhaupt gibt? Wahrscheinlich nicht. Aber es gibt diese Momente, in denen vieles zusammenpasst. Die Vorbereitung. Die Aufmerksamkeit. Der Mut. Der richtige Augenblick.

    Und etwas, das wir nicht machen können. Dann fühlt sich Leben plötzlich leicht an. Nicht, weil wir nichts dafür getan hätten. Sondern weil unser eigenes Tun und die Bewegung des Lebens für einen Moment in dieselbe Richtung gehen.

    Vielleicht ist das für mich inzwischen eine der schönsten Beschreibungen des Dao.

    Und heute?

    Mein Surfbrett hängt heute übrigens in meinem Büro.

    Meistens jedenfalls.

    Denn ganz manchmal darf es noch mit ans Meer. Dann paddle ich hinaus, sitze auf meinem Brett und schaue wieder auf das Wasser. Ich warte, beobachte und versuche noch immer zu erkennen, welche Welle meine sein könnte.

    Und ja, manchmal trägt sie mich tatsächlich noch. Heute vielleicht nicht mehr unbedingt elegant im Stehen. Manchmal liege ich einfach auf meinem Brett, lasse mich von der Welle mitnehmen und rausche mit ihr bis an den Strand.

    Und wisst ihr was? Das fühlt sich immer noch ziemlich großartig an.

    Vielleicht hat sich darin über die Jahre sogar etwas verändert. Früher wollte ich die Welle unbedingt stehen. Heute darf sie mich auch einfach tragen.

    Hinauspaddeln. Warten können. Die Welle erkennen. Im richtigen Moment lospaddeln. Sich tragen lassen. Runterfallen. Wieder auftauchen. Und wieder hinauspaddeln.

    Vielleicht ist das für mich eine der schönsten Beschreibungen des Dao. Nicht jede Welle erwischen zu müssen. Aber bereit zu sein, wenn die eigene kommt.

  • Mein Weg zu mir

    Mein Weg zu mir

    Manchmal beginnt ein Weg nicht mit einer großen Entscheidung. Nicht mit dem Gedanken: Jetzt verändere ich mein Leben.

    Manchmal beginnt er mit einer Katze.

    Bei mir hieß diese Katze Luckie.

    Eine schwarze Hexenkatze und ein kleines Fenster

    Luckie kam aus dem Tierheim zu uns. Sie war damals schon elf Jahre alt, chronisch verschnupft, nierenkrank und hatte eine Schilddrüsenüberfunktion. Eine richtige schwarze Hexenkatze mit ganz eigener Persönlichkeit.

    Und sie hat etwas in mir berührt, das lange verschüttet gewesen war.

    Durch sie begann ich wieder zu spüren, dass Verständigung nicht nur über Worte, Gesten und sichtbare Zeichen geschieht. Dass es eine Ebene gibt, auf der wir wahrnehmen, fühlen und manchmal einfach wissen.

    Als Kind war mir das selbstverständlich gewesen. Irgendwann hatte ich es verloren oder vielleicht einfach nur verlernt, darauf zu vertrauen.

    Luckie öffnete dieses Fenster wieder einen Spalt.

    Aus der Verbindung mit ihr entstand meine Neugier auf Tierkommunikation und schließlich besuchte ich ein Seminar dazu. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich damit einen Weg begonnen hatte, der mich immer weiter zu mir selbst führen würde.

    Der Körper wusste längst mehr als mein Kopf

    Luckie hatte ein Fenster geöffnet. Und was zunächst mit der Wahrnehmung einer anderen Form von Verständigung begonnen hatte, wurde nach und nach zu einer viel größeren Frage:

    Wer bin eigentlich ich selbst unter all dem, was ich im Laufe meines Lebens gelernt, übernommen und über mich geglaubt hatte?

    Qigong wurde zu einem ganz wesentlichen Teil dieser Suche.

    Damit wurde mein Weg sehr viel körperlicher.

    Ich begann zu erfahren, dass unser Körper vieles bewahrt, was wir längst vergessen oder tief in uns vergraben haben. Ängste. Erwartungen. Alte Glaubenssätze. Vorstellungen davon, wie wir sein sollten. Muster, die irgendwann einmal sinnvoll waren und die wir später einfach weiterleben, obwohl sie längst nicht mehr zu uns passen.

    Qigong hat bei mir nicht von heute auf morgen etwas verändert.

    Es war viel unspektakulärer und gleichzeitig viel tiefgreifender.

    Schicht für Schicht begann sich etwas zu lösen. Ich lernte meinen Körper anders wahrzunehmen. Ich spürte deutlicher, was mir guttut und was nicht. Wo ich mich zurückhalte. Wo ich mich anpasse. Wo ich gegen mich selbst arbeite.

    Und unter all diesen Schichten kam immer mehr von dem zum Vorschein, was tatsächlich zu mir gehört.

    Nicht ein neuer Mensch.

    Mehr von mir.

    Und immer wieder Wegbegleiter auf vier Pfoten

    Während sich mein eigener Weg weiterentwickelte, waren es immer wieder Tiere, die mir auf ihre ganz eigene Weise etwas gezeigt haben.

    Nach Luckie kam Calimeo, der Freigeist. Von ihm habe ich gelernt, dass Festhalten keine Option ist. Dass Liebe nicht bedeutet, jemanden an sich zu binden und dass Freiheit manchmal auch darin besteht, dem anderen seinen eigenen Weg zuzugestehen.

    Cleo wurde die stille Begleiterin von Oliver. Unaufdringlich, fein und auf ihre ganz eigene Weise immer da.

    Bonnie schien keine Aufgabe zu kennen, die zu schwierig war. Wo es etwas zu lösen gab, wurde eben so lange geschaut, probiert und gedacht, bis sich ein Weg fand.

    Simba hat mir etwas über tiefes Vertrauen gezeigt. Darüber, was möglich werden kann, wenn ein Wesen sich wirklich sicher fühlt und Vertrauen wachsen darf. Bei ihm habe ich erlebt, dass dieses Vertrauen sogar Heilung ermöglichen kann.

    Tobi war für eine ganz andere wichtige Lektion zuständig: Leichtigkeit und Spaß. Nicht alles muss tief sein. Nicht alles muss entwickelt, verstanden oder bearbeitet werden. Manchmal darf das Leben einfach Freude machen.

    Und dann kam Milo.

    Der Sanfte.

    Milo erinnert mich bis heute daran, dass alles seine Zeit braucht. Dass Vertrauen nicht eingefordert werden kann. Dass Entwicklung nicht schneller geschieht, nur weil wir sie gerne beschleunigen würden.

    Manches wächst, wenn wir aufhören, daran zu ziehen.

    Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet sein Name später ein Teil von Milodao wurde: Milo, der Sanfte, und Dao, der Weg.

    Der sanfte Weg.

    Nicht als Weg ohne Herausforderungen. Sondern als Erinnerung daran, dass wir nichts in uns mit Gewalt verändern müssen.

    Veränderung darf auch durch den Körper geschehen

    Irgendwann begegnete mir die Ernährung nach den Fünf Elementen.

    Auch sie wurde ein Teil dieses Weges. Denn ich verstand zunehmend, dass Körper, Geist und Seele für mich keine getrennten Bereiche sind.

    Was wir essen, wie wir uns bewegen, wie wir mit uns sprechen, was wir glauben, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen und wie wir unser Leben gestalten, wirkt zusammen.

    Die Fünf-Elemente-Ernährung half meinem Körper, wieder mehr in sein eigenes Gleichgewicht zu finden. Festgehaltenes durfte sich lösen. Mein Körper begann sich zu verändern und mit ihm veränderte sich auch mein Erleben.

    Für mich wurde immer deutlicher: Entwicklung muss nicht ausschließlich im Kopf stattfinden.

    Manchmal führt der Weg über eine Bewegung.
    Über den Atem.
    Über eine Mahlzeit.
    Über eine Begegnung.
    Über Stille.

    Und manchmal über ein Tier, das uns etwas über uns selbst zeigt.

    Leitplanken auf meinem Weg

    Zwei Dinge begleiten mich inzwischen wie Leitplanken: der Daoismus und die Achtsame Kommunikation.

    Der Daoismus erinnert mich daran, dass nicht alles erzwungen werden muss. Dass Entwicklung ihren eigenen Rhythmus hat. Dass wir nicht ständig an uns arbeiten und uns optimieren müssen, sondern lernen dürfen wahrzunehmen, was gerade wirklich dran ist.

    Die Achtsame Kommunikation hilft mir, dabei ehrlich mit mir selbst und anderen zu bleiben. Hinzuschauen, was in mir geschieht, Verantwortung dafür zu übernehmen und gleichzeitig in Verbindung zu bleiben.

    Beides bringt mich immer wieder zurück zu einer einfachen Frage:

    Was ist wirklich meins?

    Nicht: Was wird von mir erwartet?
    Nicht: Wie sollte ich sein?
    Nicht: Was macht man eben so?

    Sondern: Was entspricht mir?

    Es gibt nicht den einen Weg zu sich selbst

    Heute glaube ich mehr denn je, dass in jedem Menschen die Möglichkeit steckt, sich selbst wiederzuentdecken.

    Dabei muss niemand meinen Weg gehen.

    Für den einen beginnt etwas durch Bewegung. Für eine andere durch Meditation. Durch ein Gespräch, eine Krise, die Natur, eine körperliche Veränderung, eine spirituelle Erfahrung oder die leise Erkenntnis, dass das bisherige Leben irgendwie nicht mehr passt.

    Vielleicht beginnt es sogar mit einer schwarzen Hexenkatze.

    Entscheidend ist für mich nicht, wo wir anfangen.

    Entscheidend ist, dass wir bereit werden hinzuhören.

    Auf unseren Körper. Auf unsere Gefühle. Auf das, was uns lebendig macht. Auf das, was sich eng anfühlt. Und auf diese manchmal sehr leise innere Stimme, die längst weiß, wenn etwas nicht mehr zu uns gehört.

    Ich glaube nicht, dass wir dafür jemanden brauchen, der uns sagt, wer wir sind oder wohin wir gehen müssen.

    Aber ich glaube an die Kraft einer guten Begleitung.

    An Menschen, die ein Stück mitgehen, ohne zu ziehen. Die Impulse geben, ohne Antworten vorzugeben. Die einen Raum halten können, wenn etwas in Bewegung kommt. Und die darauf vertrauen, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo und seinen eigenen Weg hat.

    Vielleicht ist genau das der rote Faden meines eigenen Weges geworden.

    Ich habe nicht gelernt, wie man ein anderer Mensch wird.

    Ich habe gelernt, immer mehr von dem loszulassen, was mich daran gehindert hat, ich selbst zu sein.

    Und genau darin liegt für mich heute die eigentliche Veränderung: nicht jemand Neues zu werden, sondern endlich bei mir anzukommen.

    Alles, was ich gesucht habe, war nie außerhalb von mir – es war der Weg zurück zu mir selbst.

  • Stärke beginnt unten

    Stärke beginnt unten

    Neulich, mitten in einer Qigong-Stunde, tauchte ein Wort auf, das mich seitdem nicht mehr loslässt: Stärke.

    Wir alle kennen es. Wir benutzen es oft. Aber was meinen wir eigentlich damit?

    Für viele bedeutet Stärke Durchhalten. Leisten. Nicht aufgeben. Eine Kraft, die wir uns irgendwie zusammenreißen müssen, wenn es schwer wird. Und ich verstehe das, denn das Leben fordert uns heraus, manchmal täglich.

    Im Qigong begegnet mir eine andere Antwort auf diese Frage. Eine, die mich jedes Mal wieder überrascht, obwohl ich sie schon so oft erfahren habe.

    Füße auf dem Boden – und schon beginnt etwas

    Jede Qigong-Übung beginnt gleich: mit Ankommen. Wir stehen. Wir spüren die Füße auf dem Boden. Wir nehmen wahr, wo wir sind.

    Das klingt unspektakulär. Und das ist es auch, zumindest auf den ersten Blick.

    Aber genau in diesem Moment geschieht etwas Entscheidendes. Der Körper beginnt, sich zu sortieren. Die Schultern sinken. Die Wirbelsäule richtet sich auf. Der Atem fließt ein bisschen tiefer. Die Gedanken, die eben noch in alle Richtungen zogen, werden ruhiger.

    Erdung ist kein passiver Zustand. Sie ist der erste Schritt zu echter Handlungsfähigkeit.

    Wie Kraft durch den Körper fließt

    Wer Qigong praktiziert, lernt irgendwann, Bewegung anders zu denken. Nicht als Aktion, die aus Armen oder Schultern kommt, sondern als etwas, das aus der Erde aufsteigt.

    In der chinesischen Medizin gibt es eine Vorstellung, die das sehr schön beschreibt: Die Energie steigt durch die Fußleitbahnen auf und sammelt sich zunächst im unteren Dantian, dem energetischen Zentrum im Unterbauch. Von dort fließt sie weiter durch den Chong Mai, den „Durchströmungskanal“, der durch den Rumpf verläuft, bis ins Brustbein. Und von hier kann sie sich, wenn der Körper offen und entspannt ist, bis in die Fingerspitzen ausbreiten.

    Was dann entsteht, fühlt sich nicht nach Anstrengung an. Es fühlt sich nach Fluss an.

    Die Arme heben sich, als würden sie getragen. Gesten, die sonst Kraft kosten, werden leicht. Nicht weil wir schwach geworden sind, sondern weil wir aufgehört haben, gegen uns selbst zu arbeiten.

    Das Paradox der Mühelosigkeit

    Hier liegt eine der schönsten Überraschungen des Qigong: Wirkliche Stärke hat nichts mit gestählten Muskeln oder Gewalt zu tun.

    Wir sind es gewohnt, Stärke mit Spannung zu verbinden. Schultern hochziehen. Bauch anspannen. Zähne zusammenbeißen. Doch wer einmal erlebt hat, wie ein entspannter Körper plötzlich aufrecht steht und gleichzeitig geschmeidig ist, der versteht: Unnötige Spannung kostet Kraft, sie erzeugt sie nicht.

    Im Daoismus, aus dem das Qigong schöpft, heißt dieses Prinzip Wu Wei: mühelos handeln, ohne zu erzwingen. Es bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet, so zu handeln, dass man sich selbst dabei nicht im Weg steht.

    Erdung ist dafür die Voraussetzung. Wer sich getragen fühlt, vom Boden, vom Moment, von der Stille im Körper, muss nicht mehr kämpfen, um stabil zu sein.

    In der Mitte bleiben

    Ein Sturm bricht Bäume, die zu steif sind. Und er bricht Bäume, die keine Wurzeln haben. Was standhält, ist das, was beides verbindet: Tiefe unten und Beweglichkeit oben.

    Das ist auch das Bild, das mir in meiner Qigong-Praxis immer wieder begegnet. Die Mitte, im chinesischen Denken oft das Bild des Dantian, des energetischen Zentrums im Unterbauch, ist nicht starr. Sie ist lebendig. Sie erlaubt Schwingung, ohne den Boden zu verlieren.

    Wenn ich erschöpft bin, wenn der Alltag zu viel Richtungen zieht, komme ich zu dieser Frage zurück: Spüre ich noch, wo ich stehe?

    Oft reicht genau das.

    Eine andere Definition von Stärke

    Was wäre, wenn Stärke nicht bedeutet, niemals zu wanken, sondern immer wieder zurückzufinden?

    Nicht die Fähigkeit, allem standzuhalten. Sondern die Fähigkeit, sich wieder zu erden. Den Boden zu spüren. Den Atem zu finden. Die Energie, die durch einen hindurchfließen möchte, nicht zu blockieren.

    Das ist die Stärke, die ich im Qigong immer wieder entdecke. Sie beginnt nicht im Kopf. Sie beginnt nicht im Willen.

    Sie beginnt unten. Mit beiden Füßen auf dem Boden. Und dem tiefen Vertrauen, dass das genug ist.

  • Niksen und Daoismus: die Kunst, einfach zu sein

    Niksen und Daoismus: die Kunst, einfach zu sein

    „Ich geh mal eben niksen“

    Als ich zum ersten Mal den niederländischen Begriff Niksen hörte, musste ich sofort schmunzeln. „Ich geh mal eben niksen“ klingt schließlich herrlich charmant. Fast so, als hätte man plötzlich eine wunderbar legitime Ausrede, einfach kurz aus dem System auszusteigen.

    Und genau das brauchen wir vielleicht.

    Denn hinter diesem kleinen Wort steckt etwas sehr Heilsames. Niksen beschreibt das bewusste Nichtstun. Kein Handy. Kein Optimieren. Kein „Ich nutze die Zeit mal sinnvoll“. Sondern einfach: sein.

    Ich fühlte mich sofort an den Daoismus erinnert. Besonders an das Prinzip des Wu Wei, oft übersetzt als „Handeln durch Nichthandeln“. Gemeint ist damit kein lethargisches Herumliegen auf dem Sofa, sondern ein Leben im natürlichen Fluss. Ein Sein ohne ständiges Drücken, Ziehen und Erzwingen.

    Warum Nichtstun heute fast mutig ist

    Unsere Welt scheint permanent in Bewegung zu sein. Selbst Entspannung wird inzwischen optimiert. Atemtechnik App hier, Morgenroutine dort, Achtsamkeit bitte effizient in sieben Minuten. Und selbst beim Ausruhen entsteht schnell dieser heimliche Gedanke:
    „Ich sollte die Zeit vielleicht doch sinnvoller nutzen.“

    Genau darin liegt die kraftvolle Wirkung des Niksens.

    Einfach mal aus dem Fenster schauen, ohne nebenbei einen Podcast zu hören.
    Im Garten sitzen und den Wolken beim Vorüberziehen zusehen.
    Den Tee trinken, solange er noch heiß ist, statt ihn kalt neben dem Laptop wiederzufinden.

    Das klingt simpel. Und genau deshalb ist es so wertvoll.

    Was der Daoismus uns über Mühelosigkeit lehrt

    Im Daoismus begegnet uns immer wieder die Idee, dass das Leben nicht erzwungen werden muss. Das Prinzip des Wu Wei beschreibt eine Haltung der natürlichen Mühelosigkeit.

    Die Natur macht es uns vor: Kein Baum wächst pausenlos.
    Kein Fluss fließt schneller, weil er sich stresst.
    Und selbst unser Herz arbeitet in Rhythmus und Ruhe.

    Nur wir Menschen glauben oft, ständig funktionieren zu müssen.

    Im Qigong erlebe ich häufig, wie ungewohnt echte Pause geworden ist. Viele Menschen können stillsitzen, aber innerlich rennen sie weiter. Der Körper atmet langsamer, doch der Kopf schreibt bereits die Einkaufsliste für morgen.

    Niksen lädt uns ein, aus diesem inneren Dauerlauf auszusteigen.

    Nicht um noch mehr zu leisten oder uns selbst zu optimieren.
    Sondern einfach, weil wir Menschen sind und keine Maschinen.

    Kleine Niksen Momente für den Alltag

    Das Schöne am Niksen: Es braucht weder Yogamatte noch Räucherstäbchen. Man kann sofort damit anfangen.

    1. Das Fenster Niksen

    Setz dich für zwei Minuten ans Fenster und schau hinaus. Ohne Handy. Ohne Aufgabe. Einfach beobachten.

    2. Die Tee Pause ohne Nebenbei

    Trinke deinen Kaffee oder Tee, ohne gleichzeitig Nachrichten zu lesen oder etwas zu planen.

    3. Drei Atemzüge nichts tun

    Bevor du auf eine Nachricht antwortest oder das nächste Meeting betrittst:
    Drei bewusste Atemzüge. Kein Müssen. Kein Sollen.

    4. Mini Niksen unterwegs

    An der roten Ampel. Im Wartezimmer. In der Schlange im Supermarkt. Nicht sofort zum Handy greifen. Einfach kurz da sein.

    5. Das absichtslose Sitzen

    Setz dich für fünf Minuten irgendwo hin. Ohne Meditationstechnik. Ohne Ziel. Einfach sitzen.

    Niksen in der achtsamen Kommunikation

    Auch in der Kommunikation kann mehr Niksen heilsam sein.

    Nicht jede Pause muss gefüllt werden.
    Nicht jede Antwort muss sofort kommen.
    Nicht jedes Gespräch braucht eine Lösung innerhalb von drei Minuten.

    Manchmal entsteht echte Verbindung erst in dem kleinen stillen Moment dazwischen.

    Vielleicht wäre vieles friedlicher, wenn wir öfter erst einmal kurz niksen würden, bevor wir reagieren.

    Ein kleines Plädoyer für mehr Leerräume

    Mehr Menschen sehnen sich heute nach Ruhe, als sie sich selbst erlauben können. Doch Ruhe ist kein Luxus. Sie ist eine menschliche Grundnahrung.

    Unsere Gesellschaft braucht nicht noch mehr Selbstoptimierung. Sie braucht mehr bewusste Leerräume. Mehr absichtslose Momente. Mehr Fensterblicke. Mehr Sitzen ohne Zweck. Mehr Atmen ohne Ziel.

    Mehr Niksen.

    Und vielleicht steckt genau darin eine stille Weisheit, die der Daoismus schon lange kennt:
    Dass wir nicht immer etwas tun müssen, um ganz da zu sein.

    Manchmal genügt es vollkommen, einfach zu sagen:

    „Ich geh mal eben niksen.“

    Denn genau in diesen stillen Momenten können Körper, Geist und Nervensystem wieder zueinanderfinden. Erst wenn wir aufhören, permanent im Außen zu funktionieren, entsteht wieder echte Verbindung zu uns selbst.

  • Das Leben feiern

    Das Leben feiern

    Wenn Nachrichten uns innehalten lassen

    Manchmal sind es Nachrichten, die uns unvermittelt aus dem Alltag holen. Berührende, manchmal erschütternde Worte aus dem Bekanntenkreis, die einen Moment lang alles leiser werden lassen und einen unerwarteten Raum öffnen. In diesem Raum taucht sie auf, ganz ohne Ankündigung, diese stille Erkenntnis: Unsere Zeit ist endlich. Und genau daraus wächst etwas, leise, aber mit erstaunlicher Kraft: der Entschluss, das Leben zu feiern, solange es uns geschenkt ist.

    Nicht laut und zwanghaft, nicht als Pflichtprogramm, sondern als eine ganz bewusste Entscheidung für das, was uns lebendig fühlen lässt.

    Was es gestern war

    Gestern war es laut, lebendig und voller Freude. Eine Party bei Freunden, ein Abend, der noch nachklingt. Gutes Essen, ein Glas Wein, Musik, die Erinnerungen aus drei Jahrzehnten geweckt hat. Lachen, Tanzen, Begegnungen, die man so nicht plant und hinterher nicht missen möchte. Und für diejenigen, die das Tanzen lieber anderen überlassen, standen Flipper, Kicker und Pac-Man bereit, spielerisch, leicht und auf ihre ganz eigene Weise verbindend.

    Ein Abend, der auf wunderbar vielfältige Weise gezeigt hat, wie viele Gesichter Lebensfreude haben kann.

    Und was es heute sein kann

    Das Leben feiern braucht keinen besonderen Anlass und keine große Bühne. Es darf auch leise sein, fast unscheinbar, und ist deswegen nicht weniger wert.

    Ein Kaffee im Garten, während die ersten Sonnenstrahlen ganz sachte den Tag öffnen. Ein Spaziergang im Wald, bei dem jeder Schritt den Kopf ein kleines bisschen freier macht. Eine Qigong-Session, in der Atem und Bewegung langsam und fast wie von selbst wieder zusammenfinden.

    Entscheidend ist nicht die Form, sondern das Gefühl dahinter: dieses stille Einverständnis mit dem Moment, dieses herzliche Ja zum Jetzt.

    Die daoistische Perspektive

    Im Daoismus steckt eine einfache und zugleich tiefgehende Wahrheit: Das Leben entfaltet sich im Einklang mit dem Dao, dem natürlichen Fluss der Dinge. Wu Wei, das Handeln ohne Erzwingen, erinnert uns behutsam daran, dass wir das Leben weder festhalten noch kontrollieren müssen, um es wirklich zu würdigen.

    Das Leben feiern bedeutet aus dieser Sicht nicht, ständig nach Höhepunkten zu suchen oder jeden Moment dramatisch aufzuladen. Es bedeutet, einfach präsent zu sein, den Augenblick weder zu überladen noch achtlos zu übersehen. Freude entsteht dort, wo wir uns nicht gegen das Leben stemmen, sondern uns von ihm tragen lassen, mal tanzend, mal ganz still.

    So kann ein lauter Abend ebenso im Einklang sein wie ein stiller Morgen, weil beides Ausdruck desselben Flusses ist.

    Dein eigenes Feiern

    Für jeden Menschen sieht das Leben feiern ein bisschen anders aus, und das ist gut so. Für die einen ist es Gemeinschaft, Musik und Bewegung. Für andere ist es Ruhe, Natur und ein wohltuender Rückzug.

    Vielleicht ist genau diese Vielfalt das, was das Leben so kostbar macht. Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur die ehrliche, freundliche Frage an sich selbst: Was tut mir gerade jetzt gut? Und dann, mit etwas Mut und etwas Nachsicht mit sich selbst, dieser Antwort zu folgen.

    Ein leiser Entschluss

    Vielleicht braucht es gar keine großen Vorsätze. Vielleicht reicht dieser eine Gedanke, der einfach bleibt: Ich möchte meine Zeit bewusst erleben, nicht perfekt, nicht dauerhaft euphorisch, aber wach, verbunden und dankbar für das, was ist.

    Das Leben feiern heißt nicht, dem Schweren aus dem Weg zu gehen. Es heißt, trotz allem immer wieder das Schöne wahrzunehmen, hier, in diesem Moment, mit einem leisen Lächeln für das, was gerade ist.

  • Der innere Zweifler und die leise Stimme in dir

    Der innere Zweifler und die leise Stimme in dir

    Kennst du diesen Moment, in dem du eigentlich spürst, was für dich richtig wäre und gleichzeitig meldet sich sofort etwas in dir, das fragt: „Bist du sicher?“ Genau dort zeigt sich oft der innere Zweifler. Ein leises, aber störendes Hintergrundrauschen.

    Er taucht besonders gern dann auf, wenn es still werden könnte. Wenn du im Begriff bist, dich mit dir selbst zu verbinden. Und manchmal wirkt er plötzlich sehr überzeugend, obwohl er eigentlich nur alte Muster wiederholt.

     

    Wenn Dein Bauchgefühl spricht

    In den letzten Jahren habe ich immer mehr gelernt, diesem leisen inneren Wissen zu vertrauen. Dem Bauchgefühl, das nicht diskutiert, sondern einfach da ist. Vielleicht kennst du das auch. Du triffst eine Entscheidung und sie fühlt sich ruhig an. Alles ist klar und stimmig.

    Immer dann, wenn ich diesem Gefühl gefolgt bin, hat sich mein Weg auf eine angenehme Weise entfaltet. Oft sogar so, dass es nicht nur für mich gepasst hat, sondern auch für die Menschen um mich herum.

    Und trotzdem gibt es diese anderen Stimmen.

     

    Alte Muster sind oft gut trainiert

    Gedanken wie „Das solltest du lieber anders machen“ oder „Das klappt doch so sicher nicht?“ sind meist nicht neu. Es sind vertraute Glaubenssätze, Erwartungen oder innere Strategien, die dich schützen wollten.

    Das Problem ist nicht, dass sie da sind. Das Problem entsteht erst, wenn sie lauter werden als deine eigene innere Stimme.

    Im Alltag passiert das schnell. Wir funktionieren, reagieren, passen uns an. Und plötzlich ist die Verbindung zu uns selbst etwas leiser geworden.

    Zurück in den eigenen Fluss finden

    Im Qigong arbeiten wir genau mit diesem Punkt. Wir üben, wieder bei uns anzukommen. Im Körper, im Atem, im gegenwärtigen Moment.

    Qi folgt der Aufmerksamkeit. Das bedeutet ganz praktisch: Dort, wo du deine Aufmerksamkeit hinlenkst, entsteht Bewegung. Wenn du ständig den Zweifeln folgst, verstärken sie sich. Wenn du beginnst, dich wieder zu spüren, entsteht ein anderer Raum.

    Ein Raum, in dem du nicht sofort reagieren musst. Ein Raum, in dem du wahrnehmen kannst, was wirklich in dir da ist.

     

    Wu Wei – Handeln aus Stimmigkeit

    Ein zentraler daoistischer Gedanke ist Wu Wei. Oft wird das als „Nicht-Handeln“ übersetzt, aber eigentlich geht es um etwas anderes. Es geht um ein Handeln ohne inneren Widerstand.

    Vielleicht hast du das schon erlebt. Du entscheidest etwas und es fühlt sich leicht an. Nicht, weil es keine Herausforderung gibt, sondern weil es für dich stimmig ist.

    Wenn du mit dir verbunden bist, entsteht genau daraus deine Klarheit. Entscheidungen werden ruhiger. Der Druck nimmt ab. Und du beginnst, deinen eigenen Rhythmus wieder wahrzunehmen.

     

    Selbstempathie als Basis

    In meinen Bildungsurlauben zur achtsamen Kommunikation zeigt sich immer wieder etwas sehr Menschliches. Viele Menschen können unglaublich gut auf andere eingehen. Sie spüren Bedürfnisse, hören zwischen den Zeilen, sind aufmerksam und präsent.

    Und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich selbst mit der gleichen Klarheit und Freundlichkeit zu begegnen.

    Vielleicht erkennst du dich darin wieder.

    Selbstempathie hat nichts mit Egoismus zu tun. Sie ist die Grundlage dafür, dass du klar, verbunden und authentisch sein kannst.

     

    Was wünschst du dir eigentlich wirklich

    Diese Frage wirkt einfach und ist gleichzeitig oft überraschend schwierig.

    Es geht nicht darum, sofort eine perfekte Antwort zu haben. Im Daoismus geht es eher darum, dranzubleiben. Dir Zeit zu geben. Zu vertrauen, dass sich das Wesentliche zeigt, wenn du bereit bist, hinzuhören.

    Der erste Schritt ist nicht Nachdenken – sondern Ankommen.

    Ein bewusster Atemzug. Ein Moment, in dem du deinen Körper spürst. Ein kurzes Innehalten, bevor du reagierst.

    Nicht gegen den Strom. Nur ein kleines Nachgeben und der Weg zeigt sich. Schritt für Schritt zurück zu dir.

    Und genau dort wird Deine innere Stimme wieder hörbar.

  • Ostern in unserer Zeit

    Ostern in unserer Zeit

    Ein leiser Hoffnungsschimmer zwischen Unsicherheit und Sehnsucht

    Es ist deutlich zu spüren, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Vieles ist unsicher geworden und Vertrautes hat Risse bekommen. Die Nachwirkungen von Corona, Bilder von Krieg, wirtschaftliche Spannungen und dieses leise Gefühl von Ungewissheit begleiten viele von uns. Und gleichzeitig bleibt da etwas anderes. Eine Sehnsucht nach Halt, nach Sinn, nach einem inneren Ort, der ruhiger ist als das Außen. Vielleicht ist genau hier der Punkt, an dem Ostern eine neue Bedeutung bekommt.

    Ostern beginnt im Dunkeln

    Im christlichen Sinne erzählt Ostern keine Geschichte von einer heilen Welt. Es beginnt im Dunkeln, in Angst, in Verlust, in einem Moment, in dem vieles zerbricht. Und genau dort geschieht Wandlung. Still und fast unbemerkt. Wie ein erstes Licht, das sich ganz vorsichtig zeigt. Ein Licht der Hoffnung, das nicht alles sofort hell macht, aber dennoch sichtbar wird. Das Leben kehrt zurück, nicht als fertige Lösung, sondern als Möglichkeit.

    Hoffnung als innere Bewegung

    Vielleicht können wir Ostern heute so verstehen. Hoffnung ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist eine Bewegung. Eine Bewegung, die wir auch aus dem Qigong kennen, wenn etwas in uns wieder ins Fließen kommt, wenn Enge sich ein wenig weitet und der Atem tiefer wird, ohne dass wir ihn zwingen. Im Dao heißt es, dass alles im Wandel ist und dass Festhalten zu Stagnation führt, während Loslassen Raum schafft für Neues. Ostern erinnert uns genau daran, dass Wandlung nicht entsteht, weil wir sie machen, sondern weil wir aufhören, uns dagegen zu stellen.

    Achtsam bleiben im Ungewissen

    In einer Zeit, die so viele Fragen offenlässt, ist das vielleicht die eigentliche Praxis. Achtsam zu bleiben, nicht innerlich zu verhärten, sondern wahrzunehmen, was gerade da ist, auch wenn es Unsicherheit oder Angst ist. Und gleichzeitig offen zu bleiben für das, was sich zeigen will. Vielleicht ist das eine sehr moderne Form von Auferstehung. Immer wieder neu in Kontakt zu kommen mit dem eigenen Atem, mit dem eigenen Körper, mit dem, was lebendig ist.

    Ein leises Trotzdem

    Ostern sagt nicht, dass alles gut wird. Aber vielleicht sagt es, dass Leben möglich bleibt. Dass sich etwas in uns aufrichten kann, selbst in schwierigen Zeiten. Nicht als große Geste, sondern als leises Trotzdem. Ein Atemzug, der wieder etwas freier wird. Ein Moment, in dem wir weicher werden. Ein kleines inneres Ja zum Leben. Und vielleicht ist genau das das Licht der Hoffnung, das wir gerade brauchen. Still, unaufgeregt und getragen von einer tiefen, kaum sichtbaren Kraft.

  • Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte

    Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte

    Manchmal bringt dir das Leben etwas bei. Nicht durch ein Buch, nicht durch eine kluge Übung, sondern durch ein kleines zitterndes Wesen unter dem Sofa.

    Ich hatte schon Katzen. Ich dachte also, ich kenne das. Eine neue Katze kommt ins Haus, braucht ein paar Tage, vielleicht ein bisschen länger, und dann wird das schon. So war es bisher immer gewesen. Also ging ich ganz entspannt davon aus, dass ich auch diesmal weiß, wie es läuft.

    Milo hatte offenbar andere Pläne.

    Er kam als Angsttier. Kein Schnurren, kein vorsichtiges Um-die-Ecke-Schauen, kein neugieriges Beschnuppern. Er war einfach weg. Unsichtbar. Er fraß nur, wenn niemand hinsah, und verschwand sofort, sobald ich mich auch nur ein kleines bisschen bewegte. Die ersten Wochen sahen wir ihn nur über die Infrarot-Catcam in seinem sicheren Einzelzimmer. Alles in mir schrie, dass ich etwas tun sollte. Ihm zeigen, dass er sicher ist. Ihn überzeugen. Ein bisschen nachhelfen.

    Ich hatte dreißig Jahre Achtsamkeit und Kommunikation im Gepäck. Ich kannte all die klugen Konzepte. Und trotzdem war mein erster Impuls ganz schlicht: Ich muss das jetzt regeln.

    Genau da wurde es interessant.

    Wu Wei. Handeln ohne zu erzwingen

    Wu Wei ist ein Prinzip aus dem Daoismus. Oft wird es als Nicht-Handeln übersetzt, was ein bisschen in die Irre führt. Es geht nicht darum, nichts zu tun. Es geht darum, nichts zu erzwingen. Das Richtige geschehen zu lassen, statt es mit Druck herbeizuführen.

    Für mich bedeutete das im Zusammenhang mit Milo etwas sehr Konkretes: aufhören, ihn überzeugen zu wollen. Keine ausgestreckte Hand, kein Locken, kein leises Überreden. Stattdessen einfach im Raum sein. Lesen, Tee trinken, leben. So, als wäre er längst Teil von allem.

    Klingt einfach. War es nicht.

    Ziran. Die Dinge sie selbst sein lassen

    Ziran beschreibt so etwas wie Natürlichkeit. Das, was entsteht, wenn niemand mehr daran herumformt. Wenn nichts gedrückt, gezogen oder beschleunigt wird.

    Genau das brauchte Milo. Einen Raum ohne Erwartungen. Ohne dieses sanfte, aber doch spürbare „Komm doch mal raus“. Einfach Zeit. Und die Erlaubnis, genau so zu sein, wie er eben war.

    Also habe ich ihn in Ruhe gelassen. Nicht im Sinne von egal. Ich habe ihm Futter hingestellt, leise mit ihm gesprochen und für Sicherheit gesorgt. Aber ich habe aufgehört, an ihm herumzudenken. Kein innerer Zeitplan, kein heimliches Hoffen auf Fortschritte.

    Ich habe gewartet, ohne zu warten.

    Und dann, eines Tages, saß er einfach neben mir. Umkreiste mich immer näher, bis er schließlich mich berührte.

    Nicht, weil ich etwas richtig gemacht hatte. Sondern weil er so weit war.

    Spieltrieb, Cleo und eine ziemlich entspannte Annäherung

    Was danach kam, hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten. Milo entpuppte sich als kleiner Wirbelwind mit einer großen Leidenschaft für alles, was sich bewegt. Stoffmäuse hatten plötzlich keine Chance mehr, der Flur wurde zur Rennstrecke, und jeder Kratzbaum zum Abenteuerspielplatz.

    Und dann war da noch Cleo. Unsere ältere Katze nahm das Ganze mit einer Mischung aus Würde und milder Genervtheit hin. Milo forderte sie mit einer charmanten Dreistigkeit heraus, die mich mehr als einmal zum Lachen brachte. Und irgendwie fanden die beiden ihren Rhythmus. Ohne dass ich eingreifen musste. Ohne großes Management.

    Auch hier wieder: nichts erzwingen, einfach geschehen lassen.

    Und was hat das mit uns zu tun

    Ich denke oft an Milo, wenn ich mit Menschen arbeite. Der Impuls ist erstaunlich ähnlich. Wenn etwas nicht funktioniert, versuchen wir meist mehr. Mehr erklären, mehr analysieren, mehr tun. Dabei brauchen viele Prozesse vor allem eines: Raum.

    Wu Wei erinnert daran, dass nicht alles besser wird, wenn wir uns mehr anstrengen. Und Ziran zeigt, dass sich vieles von selbst ordnet, wenn wir aufhören, ständig daran herumzuziehen.

    Milo liegt heute auf dem Kratzbaum neben mir, während ich das schreibe. Entspannt, präsent und ziemlich zufrieden mit sich und der Welt. Er ist übrigens auch der Namensgeber von Milodao geworden.

    Warum? Weil seine Geschichte genau das zeigt, was mir wichtig ist: Sanfter sein. Geduldiger sein. Mit sich selbst und der Welt.
    Dem Leben zutrauen, dass es seinen eigenen Rhythmus hat.

  • Deine Diagnose bist nicht du!

    Deine Diagnose bist nicht du!

    Über die Kunst, sich nicht mit Krankheit zu identifizieren

    Es passiert schleichend. Irgendwann sagt jemand in weißem Kittel einen Satz, und wir tragen ihn von da an wie einen unsichtbaren Rucksack mit uns. „In Ihrem Alter wird das nicht mehr besser.” „Damit müssen Sie jetzt leben.” „Die Schulter ist halt so.” Und wir nicken. Schreiben es auf. Machen es zu einem Teil unserer Geschichte. Zu einem Teil von uns.

    Ich kenne das. Nicht nur vom Hörensagen.

    Das Etikett klebt – wenn wir es zulassen

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin und im daoistischen Denken gibt es keine Trennung zwischen Körper, Geist und Lebensenergie. Eine Körperregion ist kein defektes Maschinenteil, das irgendwann ausgetauscht oder abgeschrieben werden muss. Er ist Teil eines lebendigen Systems im ständigen Wandel und Wandel ist das einzige, was im Dao wirklich konstant ist.

    Wenn wir aber eine Diagnose annehmen wie ein endgültiges Urteil, wenn wir sagen „Ich habe Arthrose – da kann man nichts machen”, dann tun wir etwas Entscheidendes: Wir hören auf zu fließen. Wir erstarren in einem Bild von uns selbst, das ein Moment, ein Befund, ein müder Satz beim Arzt gezeichnet hat. Und das Qi, unsere Lebensenergie, folgt dem Geist. Stagnation im Denken erzeugt Stagnation im Körper.

    Das ist keine esoterische Behauptung. Das ist beobachtbare Wirklichkeit.

    Selbstverantwortung ist kein Vorwurf

    Ich möchte hier ausdrücklich innehalten, denn dieser Punkt wird leicht missverstanden: Selbstverantwortung bedeutet nicht, dass Krankheit „selbstverschuldet” ist. Es bedeutet nicht, Diagnosen zu ignorieren oder medizinische Behandlung abzulehnen. Es bedeutet etwas ganz anderes und viel Subtileres.

    Es bedeutet: Ich bin nicht meine Diagnose. Ich lebe mit einer Situation – aber ich bin nicht diese Situation.

    Im Daoismus spricht man von Wu Wei, dem Prinzip des nicht erzwingenden Handelns, des Fließens im Einklang mit dem Lebendigen. Das Gegenteil davon ist nicht Aktivismus oder Kontrolle. Das Gegenteil davon ist Resignation. Sich festsetzen. Sich einrichten in dem, was man einem gesagt hat.

    Selbstverantwortung beginnt mit der Frage: Was ist noch möglich? Was kann mein Körper noch lernen, noch spüren, noch entdecken?

    Was Qigong damit zu tun hat

    Qigong ist in seinem Kern kein Bewegungsprogramm. Es ist eine Praxis der Wahrnehmung. Wir lernen, den Körper von innen zu bewohnen – achtsam, neugierig, ohne Urteil. Wir bewegen nicht gegen Schmerz oder Einschränkung, sondern wir bewegen uns in Dialog mit dem, was ist.

    Und in diesem Dialog beginnen viele Menschen etwas zu entdecken, das sie für unmöglich gehalten hatten: dass der Körper sich erinnert. Dass Beweglichkeit zurückkommt, die längst verloren schien. Dass Schmerz nachlässt, wenn er endlich gehört wird, statt bekämpft zu werden.

    Das ist keine Magie. Das ist Physiologie – und es ist Philosophie. Es ist die daoistische Erkenntnis, dass Lebendiges sich verändert, wenn wir aufhören, es festzuhalten.

    Ende der Fünfzig ist kein Verfallsdatum

    Ich beobachte in meinen Kursen und meinem Umfeld immer wieder dasselbe Bild: Menschen Ende vierzig, fünfzig, sechzig, die sich mit Diagnosen abgefunden haben wie mit schlechtem Wetter. Die nicht mehr fragen, sondern verwalten. Die den Körper nicht mehr als Begleiter erleben, sondern als Problemquelle.

    Und ich verstehe das. Ich war selbst dort. Nach einer Schulter-OP, mit der Aussage im Gepäck, dass 80 Prozent Beweglichkeit für mein Alter das Realistischste sei. Und alles in mir wollte diese Aussage annehmen, weil Annehmen so viel einfacher ist als Forschen.

    Aber der Daoismus lehrt uns: Das Wasser findet immer einen Weg. Nicht durch Kraft. Durch Ausdauer, Neugier und die Bereitschaft, sich dem Hindernis nicht zu ergeben, sondern darum herumzufließen.

    Eine Einladung, kein Aufruf

    Ich schreibe das nicht, um Diagnosen kleinzureden oder Ärzte zu kritisieren. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir uns sehr viel schneller mit Urteilen abfinden, als gut für uns ist. Weil ein Satz zur falschen Zeit viel Lebendigkeit stilllegen kann.

    Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst – wenn du spürst, dass du eine Diagnose mit dir trägst, die sich schwerer anfühlt als sie müsste – dann ist das vielleicht eine Einladung. Keine Aufforderung zur Verleugnung. Sondern zur Neugier.

    Was wäre, wenn da noch mehr Spielraum ist, als man dir gesagt hat?

    Was wäre, wenn dein Körper noch nicht fertig ist mit dir?

    Im Dao ist nichts jemals ganz fertig. Alles atmet. Alles wandelt sich. Auch du.​​​​​​​​​​​​​​​​