Schlagwort: TCM

  • Fülle

    Fülle

    Manchmal kommt Fülle nicht leise und hübsch verpackt daher. Manchmal hängt sie kiloweise am Mirabellenbaum.

    Und dann stehen wir davor und denken nicht als Erstes: Wie wunderbar. Sondern eher: Oh wei. So viele. Was mache ich denn jetzt damit? Wann soll ich das alles schaffen?

    Genau da war ich in den letzten Tagen.

    Erst hatte ich Sorge, weil der Sommer so trocken ist. Wir haben die Mirabellen gewässert, den Trauben beim Reifen zugesehen und zwischendurch befürchtet, sie würden uns noch als Rosinen am Stock enden.

    Und dann plötzlich: Fülle.

    Mehr Mirabellen, als wir mal eben essen können. Trauben in einer Menge, die schon jetzt zum täglichen Naschen einlädt. Die Äpfel sind ebenfalls bald dran.

    Und die Feigen?

    Die hängen schon da. Viele sogar. Aber sie sind noch längst nicht reif. Sie brauchen noch Zeit.

    Heute, am zweiten Mirabellen Kampftag in Folge, saß ich mit meinem Mann da und entsteinte eine Mirabelle nach der anderen.

    Und irgendwann geschah etwas Merkwürdiges.

    Aus dem Gedanken Das ist so viel Arbeit wurde ein ganz anderer:

    Wie schön ist das eigentlich?

    Wie befriedigend ist es, diese Fülle annehmen zu können.

    Wenn aus „zu viel“ plötzlich Fülle wird

    Nicht, weil das Entsteinen plötzlich weniger Arbeit gewesen wäre. Nicht weil wir es toll finden, klebrige Finger zu haben und einen wunden Daumen vom Steinpulen. Sondern weil mir bewusst wurde: Genau jetzt ist die Zeit dafür.

    Die Mirabellen sind jetzt reif. Nicht nächste Woche. Nicht dann, wenn es besser in meinen Kalender passt. Jetzt.

    Und plötzlich war da dieses Gefühl, mit der Natur zu gehen, statt gegen sie.

    Mit der Natur gehen

    Genau darin liegt für mich etwas sehr Daoistisches.

    Der Daoismus lädt uns nicht dazu ein, das Leben ständig in eine von uns vorgegebene Form zu zwingen. Er erinnert uns vielmehr daran, wahrzunehmen, was gerade ist, welche Bewegung sich zeigt und wohin das Leben von selbst fließen möchte.

    Die Natur kennt keine Eile und trotzdem verpasst sie ihren Moment nicht.

    Eine Frucht reift, wenn ihre Zeit gekommen ist. Ein Blatt fällt, wenn es sich lösen darf. Ein Samen ruht, bis die Bedingungen stimmen.

    Und auch die Feige lässt sich nicht beeindrucken davon, dass ihre Nachbarn längst geerntet werden.

    Die Mirabellen sind jetzt reif. Die Trauben auch. Die Äpfel folgen.

    Die Feigen brauchen noch ein oder zwei Monate.

    Sie hängen bereits am Baum. Alles ist angelegt. Sie wachsen, sie verändern sich, sie werden irgendwann weich und süß sein.

    Aber heute noch nicht.

    Und auch das ist vollkommen richtig.Nichts davon fragt nach unserem Terminkalender. Nichts davon muss gedrängt werden.

    Im Daoismus begegnet uns dafür der Gedanke des Wu Wei. Oft wird er mit Nichttun übersetzt, aber für mich trifft das nicht wirklich den Kern. Wu Wei bedeutet nicht, untätig daneben zu sitzen. Es bedeutet vielmehr, so zu handeln, dass das eigene Tun mit dem natürlichen Verlauf übereinstimmt.

    Nicht gegen den Strom arbeiten. Nicht an etwas ziehen, das noch nicht reif ist.

    Aber auch nicht den Moment verpassen, wenn die Zeit gekommen ist.

    Die Mirabelle wird nicht schneller reif, weil ich heute Zeit hätte. Und sie wartet auch nicht unbegrenzt, nur weil es mir nächste Woche besser passen würde. Und die Feige wird nicht dadurch reif, dass ich ungeduldig auf sie schaue.

    Es gibt einen Moment, in dem etwas bereit ist.

    Und dann ist Tun keine Anstrengung gegen das Leben mehr, sondern ein Mitgehen mit ihm.

    Alles zu seiner Zeit

    Vielleicht ist das gerade das Schönste an unserem Garten.

    Er schenkt nicht alles auf einmal. Jetzt sind es die Mirabellen.

    Wir naschen die Trauben direkt vom Stock und bald werden auch sie in größeren Mengen verarbeitet.

    Die Äpfel kommen danach.

    Und wenn Mirabellen, Trauben und Äpfel längst ihren Weg in Gläser, Kuchen, Gefrierschrank und unsere Bäuche gefunden haben, werden irgendwann die Feigen weich und süß sein.

    Alles zu seiner Zeit. Nicht alles gleichzeitig. Nicht alles sofort. Nicht alles nach Plan.

    Und trotzdem ist die Fülle längst da.

    Vielleicht ist genau das eine der schlichtesten Formen des Dao. Zu erkennen, was jetzt dran ist. Nicht zu früh zu ziehen und nicht zu spät festzuhalten.

    Auch in uns gibt es Fülle

    Und ich glaube, dass das bei uns Menschen ganz ähnlich ist.

    Auch in uns gibt es Fülle. Ideen. Kreativität. Fähigkeiten. Wünsche. Entwicklungen, die vielleicht schon lange in uns liegen. Aber nicht alles will sofort umgesetzt werden.

    Manches ist wie die Mirabelle.

    Es ist reif. Es will jetzt gepflückt, verarbeitet, gelebt und in die Welt gebracht werden.

    Und manches ist wie die Feige. Es ist längst da. Wir können es vielleicht schon deutlich erkennen. Wir wissen, dass etwas daraus entstehen wird.

    Aber seine Zeit ist noch nicht gekommen. Das macht es nicht weniger wertvoll. Es ist nicht unfertig im Sinne von falsch. Es reift.

    Manchmal braucht etwas Ruhe. Manchmal braucht es Erfahrungen. Manchmal muss sich etwas sortieren oder einfach noch eine Weile wachsen.

    Und dann gibt es diese anderen Momente. Momente, in denen plötzlich etwas in Bewegung kommt.

    Gedanken fließen. Ideen entstehen. Dinge, die lange nur im Hintergrund da waren, wollen auf einmal Wirklichkeit werden.

    Wenn der Moment da ist

    Vielleicht besteht unsere Aufgabe dann gar nicht darin, noch mehr zu planen oder noch mehr zu kontrollieren.

    Vielleicht dürfen wir einfach erkennen: Jetzt ist die Zeit.

    Die Arme ausbreiten. Die Fülle willkommen heißen. Und beginnen, mit ihr zu arbeiten.

    So wie mit einem Baum voller Mirabellen.

    Nicht jede Frucht muss heute gegessen werden. Manches wird zu Konfitüre. Manches wandert in den Gefrierschrank. Manches wird Kuchen. Manches verschenkt man.

    Und gleichzeitig darf etwas anderes einfach am Baum bleiben.

    Noch wachsen. Noch reifen. Noch Zeit haben.

    Aber zuerst muss ich bereit sein, überhaupt zu sehen, was da ist.

    Fülle heißt nicht immer mehr

    Vielleicht bedeutet Fülle deshalb gar nicht, immer mehr haben zu wollen.

    Vielleicht bedeutet Fülle vielmehr, das annehmen zu können, was das Leben gerade in unsere Hände legt.

    Und genauso anzunehmen, dass manches noch nicht in unsere Hände gehört.

    Ohne es kleiner zu machen. Ohne es sofort wegzuorganisieren. Ohne schon wieder beim Nächsten zu sein.

    Sondern wahrzunehmen: Das ist jetzt da. Das darf jetzt sein. Das hier ist reif. Und das dort darf noch wachsen.

    Darin steckt der daoistische Gedanken!

    Nicht ständig mehr zu wollen und auch nicht alles gleichzeitig zur Reife zwingen zu wollen. Sondern im richtigen Moment ganz bei dem zu sein, was sich zeigt.

    Mitgehen. Annehmen. Warten können. Und handeln, wenn die Zeit reif ist.

  • Mein Weg zu mir

    Mein Weg zu mir

    Manchmal beginnt ein Weg nicht mit einer großen Entscheidung. Nicht mit dem Gedanken: Jetzt verändere ich mein Leben.

    Manchmal beginnt er mit einer Katze.

    Bei mir hieß diese Katze Luckie.

    Eine schwarze Hexenkatze und ein kleines Fenster

    Luckie kam aus dem Tierheim zu uns. Sie war damals schon elf Jahre alt, chronisch verschnupft, nierenkrank und hatte eine Schilddrüsenüberfunktion. Eine richtige schwarze Hexenkatze mit ganz eigener Persönlichkeit.

    Und sie hat etwas in mir berührt, das lange verschüttet gewesen war.

    Durch sie begann ich wieder zu spüren, dass Verständigung nicht nur über Worte, Gesten und sichtbare Zeichen geschieht. Dass es eine Ebene gibt, auf der wir wahrnehmen, fühlen und manchmal einfach wissen.

    Als Kind war mir das selbstverständlich gewesen. Irgendwann hatte ich es verloren oder vielleicht einfach nur verlernt, darauf zu vertrauen.

    Luckie öffnete dieses Fenster wieder einen Spalt.

    Aus der Verbindung mit ihr entstand meine Neugier auf Tierkommunikation und schließlich besuchte ich ein Seminar dazu. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich damit einen Weg begonnen hatte, der mich immer weiter zu mir selbst führen würde.

    Der Körper wusste längst mehr als mein Kopf

    Luckie hatte ein Fenster geöffnet. Und was zunächst mit der Wahrnehmung einer anderen Form von Verständigung begonnen hatte, wurde nach und nach zu einer viel größeren Frage:

    Wer bin eigentlich ich selbst unter all dem, was ich im Laufe meines Lebens gelernt, übernommen und über mich geglaubt hatte?

    Qigong wurde zu einem ganz wesentlichen Teil dieser Suche.

    Damit wurde mein Weg sehr viel körperlicher.

    Ich begann zu erfahren, dass unser Körper vieles bewahrt, was wir längst vergessen oder tief in uns vergraben haben. Ängste. Erwartungen. Alte Glaubenssätze. Vorstellungen davon, wie wir sein sollten. Muster, die irgendwann einmal sinnvoll waren und die wir später einfach weiterleben, obwohl sie längst nicht mehr zu uns passen.

    Qigong hat bei mir nicht von heute auf morgen etwas verändert.

    Es war viel unspektakulärer und gleichzeitig viel tiefgreifender.

    Schicht für Schicht begann sich etwas zu lösen. Ich lernte meinen Körper anders wahrzunehmen. Ich spürte deutlicher, was mir guttut und was nicht. Wo ich mich zurückhalte. Wo ich mich anpasse. Wo ich gegen mich selbst arbeite.

    Und unter all diesen Schichten kam immer mehr von dem zum Vorschein, was tatsächlich zu mir gehört.

    Nicht ein neuer Mensch.

    Mehr von mir.

    Und immer wieder Wegbegleiter auf vier Pfoten

    Während sich mein eigener Weg weiterentwickelte, waren es immer wieder Tiere, die mir auf ihre ganz eigene Weise etwas gezeigt haben.

    Nach Luckie kam Calimeo, der Freigeist. Von ihm habe ich gelernt, dass Festhalten keine Option ist. Dass Liebe nicht bedeutet, jemanden an sich zu binden und dass Freiheit manchmal auch darin besteht, dem anderen seinen eigenen Weg zuzugestehen.

    Cleo wurde die stille Begleiterin von Oliver. Unaufdringlich, fein und auf ihre ganz eigene Weise immer da.

    Bonnie schien keine Aufgabe zu kennen, die zu schwierig war. Wo es etwas zu lösen gab, wurde eben so lange geschaut, probiert und gedacht, bis sich ein Weg fand.

    Simba hat mir etwas über tiefes Vertrauen gezeigt. Darüber, was möglich werden kann, wenn ein Wesen sich wirklich sicher fühlt und Vertrauen wachsen darf. Bei ihm habe ich erlebt, dass dieses Vertrauen sogar Heilung ermöglichen kann.

    Tobi war für eine ganz andere wichtige Lektion zuständig: Leichtigkeit und Spaß. Nicht alles muss tief sein. Nicht alles muss entwickelt, verstanden oder bearbeitet werden. Manchmal darf das Leben einfach Freude machen.

    Und dann kam Milo.

    Der Sanfte.

    Milo erinnert mich bis heute daran, dass alles seine Zeit braucht. Dass Vertrauen nicht eingefordert werden kann. Dass Entwicklung nicht schneller geschieht, nur weil wir sie gerne beschleunigen würden.

    Manches wächst, wenn wir aufhören, daran zu ziehen.

    Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet sein Name später ein Teil von Milodao wurde: Milo, der Sanfte, und Dao, der Weg.

    Der sanfte Weg.

    Nicht als Weg ohne Herausforderungen. Sondern als Erinnerung daran, dass wir nichts in uns mit Gewalt verändern müssen.

    Veränderung darf auch durch den Körper geschehen

    Irgendwann begegnete mir die Ernährung nach den Fünf Elementen.

    Auch sie wurde ein Teil dieses Weges. Denn ich verstand zunehmend, dass Körper, Geist und Seele für mich keine getrennten Bereiche sind.

    Was wir essen, wie wir uns bewegen, wie wir mit uns sprechen, was wir glauben, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen und wie wir unser Leben gestalten, wirkt zusammen.

    Die Fünf-Elemente-Ernährung half meinem Körper, wieder mehr in sein eigenes Gleichgewicht zu finden. Festgehaltenes durfte sich lösen. Mein Körper begann sich zu verändern und mit ihm veränderte sich auch mein Erleben.

    Für mich wurde immer deutlicher: Entwicklung muss nicht ausschließlich im Kopf stattfinden.

    Manchmal führt der Weg über eine Bewegung.
    Über den Atem.
    Über eine Mahlzeit.
    Über eine Begegnung.
    Über Stille.

    Und manchmal über ein Tier, das uns etwas über uns selbst zeigt.

    Leitplanken auf meinem Weg

    Zwei Dinge begleiten mich inzwischen wie Leitplanken: der Daoismus und die Achtsame Kommunikation.

    Der Daoismus erinnert mich daran, dass nicht alles erzwungen werden muss. Dass Entwicklung ihren eigenen Rhythmus hat. Dass wir nicht ständig an uns arbeiten und uns optimieren müssen, sondern lernen dürfen wahrzunehmen, was gerade wirklich dran ist.

    Die Achtsame Kommunikation hilft mir, dabei ehrlich mit mir selbst und anderen zu bleiben. Hinzuschauen, was in mir geschieht, Verantwortung dafür zu übernehmen und gleichzeitig in Verbindung zu bleiben.

    Beides bringt mich immer wieder zurück zu einer einfachen Frage:

    Was ist wirklich meins?

    Nicht: Was wird von mir erwartet?
    Nicht: Wie sollte ich sein?
    Nicht: Was macht man eben so?

    Sondern: Was entspricht mir?

    Es gibt nicht den einen Weg zu sich selbst

    Heute glaube ich mehr denn je, dass in jedem Menschen die Möglichkeit steckt, sich selbst wiederzuentdecken.

    Dabei muss niemand meinen Weg gehen.

    Für den einen beginnt etwas durch Bewegung. Für eine andere durch Meditation. Durch ein Gespräch, eine Krise, die Natur, eine körperliche Veränderung, eine spirituelle Erfahrung oder die leise Erkenntnis, dass das bisherige Leben irgendwie nicht mehr passt.

    Vielleicht beginnt es sogar mit einer schwarzen Hexenkatze.

    Entscheidend ist für mich nicht, wo wir anfangen.

    Entscheidend ist, dass wir bereit werden hinzuhören.

    Auf unseren Körper. Auf unsere Gefühle. Auf das, was uns lebendig macht. Auf das, was sich eng anfühlt. Und auf diese manchmal sehr leise innere Stimme, die längst weiß, wenn etwas nicht mehr zu uns gehört.

    Ich glaube nicht, dass wir dafür jemanden brauchen, der uns sagt, wer wir sind oder wohin wir gehen müssen.

    Aber ich glaube an die Kraft einer guten Begleitung.

    An Menschen, die ein Stück mitgehen, ohne zu ziehen. Die Impulse geben, ohne Antworten vorzugeben. Die einen Raum halten können, wenn etwas in Bewegung kommt. Und die darauf vertrauen, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo und seinen eigenen Weg hat.

    Vielleicht ist genau das der rote Faden meines eigenen Weges geworden.

    Ich habe nicht gelernt, wie man ein anderer Mensch wird.

    Ich habe gelernt, immer mehr von dem loszulassen, was mich daran gehindert hat, ich selbst zu sein.

    Und genau darin liegt für mich heute die eigentliche Veränderung: nicht jemand Neues zu werden, sondern endlich bei mir anzukommen.

    Alles, was ich gesucht habe, war nie außerhalb von mir – es war der Weg zurück zu mir selbst.

  • Sommerhitze und Mittagsruhe

    Sommerhitze und Mittagsruhe

    Sommerhitze? Dann ist die Mittagsruhe kein Luxus, sondern Selbstfürsorge

    Früher habe ich den Sommer geliebt. Heute gibt es Tage, an denen ich ab 30 Grad das Gefühl habe, mein Körper schaltet einfach einen Gang herunter. Die Energie ist weg, der Kreislauf wird weich und der Wunsch, mich hinzulegen, wird immer größer.

    Lange dachte ich, ich müsste einfach lernen, besser mit Hitze umzugehen. Heute sehe ich das anders.

    Unser Körper ist klug. Er meldet sich, wenn er Unterstützung braucht.

    Was Hitze mit unserem Körper macht

    An heißen Tagen erweitert der Körper die Blutgefäße, damit überschüssige Wärme abgegeben werden kann. Gleichzeitig verlieren wir durch das Schwitzen nicht nur Wasser, sondern auch Mineralstoffe, vor allem Natrium.

    Die Folge können Müdigkeit, Benommenheit, Konzentrationsprobleme oder Kreislaufbeschwerden sein. Viele Menschen trinken dann noch mehr Wasser. Das ist grundsätzlich richtig. Fehlen jedoch Elektrolyte, reicht Wasser allein manchmal nicht aus.

    Gerade Menschen mit einem eher niedrigen Blutdruck merken oft, dass sie sich mit etwas mehr Salz oder einem Elektrolytgetränk deutlich wohler fühlen.

    Die Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

    Auch die TCM betrachtet den Sommer als eine Zeit mit besonderen Anforderungen.

    Der Sommer gehört zum Element Feuer. Yang ist auf seinem Höhepunkt. Wärme und Bewegung bestimmen diese Jahreszeit. Gleichzeitig kann zu viel Hitze die Körpersäfte angreifen.

    Sind diese Säfte erschöpft, fühlen wir uns trocken, müde und erschöpft. Manche schlafen schlechter, andere reagieren mit Kreislaufproblemen oder fühlen sich einfach kraftlos.

    Die TCM empfiehlt deshalb nicht, den Körper mit eisigen Getränken zu schocken. Viel hilfreicher sind lauwarme Getränke und Lebensmittel, die sanft kühlen und gleichzeitig die Körpersäfte nähren.

    Dazu gehören zum Beispiel Gurke, Zucchini, Blattsalate, Mangold, Mungbohnen, Wassermelone, Minze oder frische Kräuter, sofern sie gut vertragen werden.

    Warum die Mittagsruhe so sinnvoll ist

    In unserer Leistungsgesellschaft gilt Ausruhen oft noch immer als Schwäche.

    Dabei machen uns viele südliche Länder seit Jahrhunderten etwas vor.

    Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, wird das Leben ruhiger. Die körperlich anstrengenden Arbeiten finden morgens oder am Abend statt. Dazwischen gönnen sich viele Menschen eine Pause.

    Eigentlich ist das keine Faulheit.

    Es ist eine intelligente Anpassung an die Natur.

    Auch aus daoistischer Sicht ergibt das vollkommen Sinn. Wu Wei bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet, mit den Gegebenheiten zu gehen, statt gegen sie anzukämpfen.

    Wenn die Natur in der Mittagshitze langsamer wird, dürfen auch wir langsamer werden.

    Ich nenne die Mittagsruhe deshalb gern augenzwinkernd ein Grundrecht.

    Und ehrlich gesagt steckt darin mehr Wahrheit, als man zunächst vermutet.

    Was tun, wenn der Beruf keine Siesta zulässt?

    Natürlich können nicht alle Menschen mittags eine Stunde schlafen.

    Dennoch gibt es Möglichkeiten, den Körper zu entlasten.

    Ein paar Minuten in einem kühlen Raum verbringen.

    Die Unterarme oder Handgelenke mit kaltem Wasser kühlen.

    Ein leichtes Mittagessen wählen.

    Genügend trinken und an heißen Tagen auch an die Elektrolyte denken.

    Bewusst langsamer sprechen und arbeiten, wenn es möglich ist.

    Mehrere kleine Pausen statt einer langen einplanen.

    Schon zehn Minuten mit geschlossenen Augen und ruhigem Atmen können erstaunlich erholsam sein.

    Kleine Sommerhelfer

    Viele Menschen profitieren an heißen Tagen von einer etwas höheren Natriumzufuhr. Das kann ein Elektrolytgetränk sein oder auch eine kräftige Gemüsebrühe.

    Auch leichte Kleidung aus Naturfasern, Schatten, ein Ventilator oder ein kühlendes Tuch im Nacken können den Kreislauf entlasten.

    Wichtig ist vor allem, den eigenen Körper ernst zu nehmen.

    Mein persönliches Sommergesetz

    Früher hätte ich mich vielleicht geärgert, wenn ich mittags eine Pause brauchte.

    Heute sehe ich es anders. Mein Körper sagt mir, was er braucht. Und je besser ich auf ihn höre, desto besser geht es mir.

    Vielleicht dürfen wir uns alle daran erinnern, dass Gesundheit nicht bedeutet, immer funktionieren zu müssen.

    Manchmal bedeutet sie einfach, zur richtigen Zeit langsamer zu werden.

    Denn die Mittagsruhe ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist gelebte Selbstfürsorge.

    Oder, um es mit einem Lächeln zu sagen: Die Mittagsruhe ist ein Grundrecht. Besonders im Sommer.

    Fünft sanfte Sommerhelfer aus der TCM

    Milodao

    1. Trinke regelmäßig, aber nicht eiskalt.

    Eiskalte Getränke fühlen sich im ersten Moment herrlich an. Aus Sicht der TCM muss der Körper sie jedoch zunächst erwärmen. Das kostet Energie. Lauwarme oder angenehm kühle Getränke unterstützen den Organismus oft besser.

    2. Iss leicht und wasserreich.

    Der Sommer ist die Zeit für Gurken, Blattsalate, Zucchini, Mangold, frische Kräuter und viele andere saisonale Gemüse. Sie versorgen den Körper mit Flüssigkeit und belasten die Verdauung weniger als schwere Mahlzeiten.

    3. Bewahre deine Energie.

    Nicht jede Aufgabe muss um die Mittagszeit erledigt werden. Plane körperlich oder geistig anstrengende Tätigkeiten möglichst für den Morgen oder den Abend. Das ist keine Schwäche, sondern kluges Energiemanagement.

    4. Unterstütze deinen Kreislauf.

    Wenn du an heißen Tagen zu Benommenheit oder niedrigem Blutdruck neigst, können Elektrolyte oder auch eine kräftige Gemüsebrühe sinnvoll sein. Viele Menschen trinken ausreichend Wasser, vergessen dabei aber die Mineralstoffe.

    5. Erlaube dir Ruhe.

    Die Natur kennt Rhythmen. Mittags steht die Sonne am höchsten und selbst Tiere ziehen sich oft in den Schatten zurück. Warum sollten ausgerechnet wir Menschen glauben, ohne Pause leistungsfähig bleiben zu müssen?

    Sommer bedeutet nicht, gegen die Hitze zu kämpfen

    Aus daoistischer Sicht geht es nicht darum, den Sommer zu besiegen.

    Es geht darum, ihn zu verstehen.

    Der Sommer lädt uns ein, etwas langsamer zu werden. Mehr im Schatten zu sitzen. Leichter zu essen. Den Wind auf der Haut zu spüren. Früher aufzustehen und den Abend länger zu genießen.

    Denn Gesundheit entsteht oft dort, wo wir aufhören, gegen unseren Körper zu arbeiten.

    Und vielleicht gilt deshalb gerade im Sommer: Wer mittags ruht, lebt nicht weniger. Er lebt im Einklang mit der Natur.

  • Als meine Schultern „Nein“ sagten

    Als meine Schultern „Nein“ sagten

    Manchmal glauben wir, wir müssten etwas komplett neu erfinden. Eine neue Website. Eine neue Marke. Ein neuer Auftritt. So begann meine Reise mit der Idee, eine völlig neue Online-Präsenz zu erschaffen. Monatelang beschäftigte ich mich mit WordPress, Themes, Plugins und technischen Möglichkeiten, während mein Körper zunehmend seine eigene Meinung dazu entwickelte. Mein Nacken verspannte sich, die Schultern wurden schwer und zogen sich zusammen, als trügen sie eine Last, die gar nicht ihre war. Natürlich kann man das als Zufall abtun. Man kann aber auch neugierig werden.

    Wenn der Körper zum Berater wird

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin betrachten wir den Körper nicht als Maschine, die gelegentlich Fehlermeldungen produziert. Er ist ein Gesprächspartner, einer, der selten in vollständigen Sätzen spricht, sondern in einer eigenen Sprache aus Ziehen, Druck und Verspannungen, die wir meist erst bemerken, wenn sie lauter werden.

    Nacken und Schultern sind dabei besonders beredte Stellen. In der TCM stehen sie in enger Verbindung mit dem, was wir tragen, was wir kontrollieren wollen und wo wir uns innerlich verkrampfen. Je mehr ich versuchte, die neue Website zu erzwingen, desto schwerer wurden die Schultern, desto steifer der Nacken. Als hätte mein Körper längst verstanden, was mein Kopf noch nicht wahrhaben wollte: Hier stimmt die Richtung nicht.

    Im Daoismus gibt es das Bild des Wassers, das nicht gegen seinen Weg kämpft, sondern ihn findet. Ich hingegen versuchte offenbar, einen Berg hinaufzuschwimmen, was keine besonders elegante Strategie war.

    Die entscheidende Verwechslung

    Irgendwann bemerkte ich etwas Wesentliches: Ich wollte gar nicht einfach eine neue Website erstellen. Ich wollte eine neue Idee sichtbar machen. Das ist ein Unterschied. Denn plötzlich stellte sich eine ganz andere Frage: Muss wirklich alles neu sein, oder darf etwas Gewachsenes weiterleben?

    Meine Website begleitet mich seit vielen Jahren. Sie trägt Erfahrungen, Begegnungen und Geschichten in sich und ist Ausdruck meines Weges als Qigong-Lehrerin, TCM-Therapeutin und Trainerin für achtsame Kommunikation. Warum sollte ich all das zurücklassen, nur weil eine neue Idee an die Tür klopft?

    Der Moment der Klarheit

    Die Antwort kam nicht nach stundenlangem Grübeln oder dem hundertsten Tutorial, sondern in einem ruhigen Moment ganz von selbst. Die bestehende Website bleibt. Energieraum-hs.de bleibt mein Zuhause, Milodao.de wird integriert, das Design darf frischer und klarer werden, aber die Wurzeln bleiben dort, wo sie hingehören. In dem Moment, in dem diese Entscheidung getroffen war, wurde etwas erstaunlich leicht.

    Und dann passierte etwas, das mich selbst zum Schmunzeln brachte: Die Schultern senkten sich. Der Nacken gab nach. Als hätte mein Körper nur darauf gewartet, dass der Kopf aufhört, gegen den Strom zu paddeln. Ich behaupte nicht, dass jede körperliche Beschwerde sofort verschwindet, wenn man die richtige Entscheidung trifft, aber manchmal zeigt uns der Körper sehr deutlich, wenn wir einen Umweg gehen, und genauso deutlich, wenn wir wieder auf unserem Weg angekommen sind.

    Wu Wei statt Website-Kampf

    Im Daoismus gibt es das Prinzip des Wu Wei, das oft mit „Nicht-Handeln” übersetzt wird, aber eigentlich etwas anderes meint: Handeln ohne Verkrampfung, im Einklang, zur richtigen Zeit, aus Klarheit heraus. Rückblickend war genau das die Einladung. Nicht mehr kämpfen, nicht mehr etwas erzwingen, sondern das Vorhandene ehren und daraus etwas Neues wachsen lassen. Wie ein Baum, der neue Zweige bildet, ohne seine Wurzeln zu verleugnen.

    Was bleibt

    Veränderung muss nicht laut sein. Oft geschieht die tiefste Veränderung viel leiser: Wir erkennen, dass wir nicht bei null anfangen müssen, dass das bereits Aufgebaute getragen werden darf, und dass Entwicklung nicht bedeutet, die Vergangenheit wegzuwerfen, sondern sie liebevoll mitzunehmen.

    Vielleicht stehst auch du gerade vor einer Entscheidung und versuchst mit aller Kraft, etwas durchzusetzen, während deine Schultern sich längst nach oben ziehen und dein Nacken immer steifer wird. Dann lohnt es sich, einen Moment innezuhalten, nicht um aufzugeben, sondern um zu lauschen. Wo fließt das Leben bereits? Wo wird es leicht? Das Dao hat selten eine Trillerpfeife dabei. Meist flüstert es, manchmal über eine Idee, manchmal über ein Gefühl, und gelegentlich sogar über einen verspannten Nacken.

  • Niksen und Daoismus: die Kunst, einfach zu sein

    Niksen und Daoismus: die Kunst, einfach zu sein

    „Ich geh mal eben niksen“

    Als ich zum ersten Mal den niederländischen Begriff Niksen hörte, musste ich sofort schmunzeln. „Ich geh mal eben niksen“ klingt schließlich herrlich charmant. Fast so, als hätte man plötzlich eine wunderbar legitime Ausrede, einfach kurz aus dem System auszusteigen.

    Und genau das brauchen wir vielleicht.

    Denn hinter diesem kleinen Wort steckt etwas sehr Heilsames. Niksen beschreibt das bewusste Nichtstun. Kein Handy. Kein Optimieren. Kein „Ich nutze die Zeit mal sinnvoll“. Sondern einfach: sein.

    Ich fühlte mich sofort an den Daoismus erinnert. Besonders an das Prinzip des Wu Wei, oft übersetzt als „Handeln durch Nichthandeln“. Gemeint ist damit kein lethargisches Herumliegen auf dem Sofa, sondern ein Leben im natürlichen Fluss. Ein Sein ohne ständiges Drücken, Ziehen und Erzwingen.

    Warum Nichtstun heute fast mutig ist

    Unsere Welt scheint permanent in Bewegung zu sein. Selbst Entspannung wird inzwischen optimiert. Atemtechnik App hier, Morgenroutine dort, Achtsamkeit bitte effizient in sieben Minuten. Und selbst beim Ausruhen entsteht schnell dieser heimliche Gedanke:
    „Ich sollte die Zeit vielleicht doch sinnvoller nutzen.“

    Genau darin liegt die kraftvolle Wirkung des Niksens.

    Einfach mal aus dem Fenster schauen, ohne nebenbei einen Podcast zu hören.
    Im Garten sitzen und den Wolken beim Vorüberziehen zusehen.
    Den Tee trinken, solange er noch heiß ist, statt ihn kalt neben dem Laptop wiederzufinden.

    Das klingt simpel. Und genau deshalb ist es so wertvoll.

    Was der Daoismus uns über Mühelosigkeit lehrt

    Im Daoismus begegnet uns immer wieder die Idee, dass das Leben nicht erzwungen werden muss. Das Prinzip des Wu Wei beschreibt eine Haltung der natürlichen Mühelosigkeit.

    Die Natur macht es uns vor: Kein Baum wächst pausenlos.
    Kein Fluss fließt schneller, weil er sich stresst.
    Und selbst unser Herz arbeitet in Rhythmus und Ruhe.

    Nur wir Menschen glauben oft, ständig funktionieren zu müssen.

    Im Qigong erlebe ich häufig, wie ungewohnt echte Pause geworden ist. Viele Menschen können stillsitzen, aber innerlich rennen sie weiter. Der Körper atmet langsamer, doch der Kopf schreibt bereits die Einkaufsliste für morgen.

    Niksen lädt uns ein, aus diesem inneren Dauerlauf auszusteigen.

    Nicht um noch mehr zu leisten oder uns selbst zu optimieren.
    Sondern einfach, weil wir Menschen sind und keine Maschinen.

    Kleine Niksen Momente für den Alltag

    Das Schöne am Niksen: Es braucht weder Yogamatte noch Räucherstäbchen. Man kann sofort damit anfangen.

    1. Das Fenster Niksen

    Setz dich für zwei Minuten ans Fenster und schau hinaus. Ohne Handy. Ohne Aufgabe. Einfach beobachten.

    2. Die Tee Pause ohne Nebenbei

    Trinke deinen Kaffee oder Tee, ohne gleichzeitig Nachrichten zu lesen oder etwas zu planen.

    3. Drei Atemzüge nichts tun

    Bevor du auf eine Nachricht antwortest oder das nächste Meeting betrittst:
    Drei bewusste Atemzüge. Kein Müssen. Kein Sollen.

    4. Mini Niksen unterwegs

    An der roten Ampel. Im Wartezimmer. In der Schlange im Supermarkt. Nicht sofort zum Handy greifen. Einfach kurz da sein.

    5. Das absichtslose Sitzen

    Setz dich für fünf Minuten irgendwo hin. Ohne Meditationstechnik. Ohne Ziel. Einfach sitzen.

    Niksen in der achtsamen Kommunikation

    Auch in der Kommunikation kann mehr Niksen heilsam sein.

    Nicht jede Pause muss gefüllt werden.
    Nicht jede Antwort muss sofort kommen.
    Nicht jedes Gespräch braucht eine Lösung innerhalb von drei Minuten.

    Manchmal entsteht echte Verbindung erst in dem kleinen stillen Moment dazwischen.

    Vielleicht wäre vieles friedlicher, wenn wir öfter erst einmal kurz niksen würden, bevor wir reagieren.

    Ein kleines Plädoyer für mehr Leerräume

    Mehr Menschen sehnen sich heute nach Ruhe, als sie sich selbst erlauben können. Doch Ruhe ist kein Luxus. Sie ist eine menschliche Grundnahrung.

    Unsere Gesellschaft braucht nicht noch mehr Selbstoptimierung. Sie braucht mehr bewusste Leerräume. Mehr absichtslose Momente. Mehr Fensterblicke. Mehr Sitzen ohne Zweck. Mehr Atmen ohne Ziel.

    Mehr Niksen.

    Und vielleicht steckt genau darin eine stille Weisheit, die der Daoismus schon lange kennt:
    Dass wir nicht immer etwas tun müssen, um ganz da zu sein.

    Manchmal genügt es vollkommen, einfach zu sagen:

    „Ich geh mal eben niksen.“

    Denn genau in diesen stillen Momenten können Körper, Geist und Nervensystem wieder zueinanderfinden. Erst wenn wir aufhören, permanent im Außen zu funktionieren, entsteht wieder echte Verbindung zu uns selbst.

  • Ostern in unserer Zeit

    Ostern in unserer Zeit

    Ein leiser Hoffnungsschimmer zwischen Unsicherheit und Sehnsucht

    Es ist deutlich zu spüren, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Vieles ist unsicher geworden und Vertrautes hat Risse bekommen. Die Nachwirkungen von Corona, Bilder von Krieg, wirtschaftliche Spannungen und dieses leise Gefühl von Ungewissheit begleiten viele von uns. Und gleichzeitig bleibt da etwas anderes. Eine Sehnsucht nach Halt, nach Sinn, nach einem inneren Ort, der ruhiger ist als das Außen. Vielleicht ist genau hier der Punkt, an dem Ostern eine neue Bedeutung bekommt.

    Ostern beginnt im Dunkeln

    Im christlichen Sinne erzählt Ostern keine Geschichte von einer heilen Welt. Es beginnt im Dunkeln, in Angst, in Verlust, in einem Moment, in dem vieles zerbricht. Und genau dort geschieht Wandlung. Still und fast unbemerkt. Wie ein erstes Licht, das sich ganz vorsichtig zeigt. Ein Licht der Hoffnung, das nicht alles sofort hell macht, aber dennoch sichtbar wird. Das Leben kehrt zurück, nicht als fertige Lösung, sondern als Möglichkeit.

    Hoffnung als innere Bewegung

    Vielleicht können wir Ostern heute so verstehen. Hoffnung ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist eine Bewegung. Eine Bewegung, die wir auch aus dem Qigong kennen, wenn etwas in uns wieder ins Fließen kommt, wenn Enge sich ein wenig weitet und der Atem tiefer wird, ohne dass wir ihn zwingen. Im Dao heißt es, dass alles im Wandel ist und dass Festhalten zu Stagnation führt, während Loslassen Raum schafft für Neues. Ostern erinnert uns genau daran, dass Wandlung nicht entsteht, weil wir sie machen, sondern weil wir aufhören, uns dagegen zu stellen.

    Achtsam bleiben im Ungewissen

    In einer Zeit, die so viele Fragen offenlässt, ist das vielleicht die eigentliche Praxis. Achtsam zu bleiben, nicht innerlich zu verhärten, sondern wahrzunehmen, was gerade da ist, auch wenn es Unsicherheit oder Angst ist. Und gleichzeitig offen zu bleiben für das, was sich zeigen will. Vielleicht ist das eine sehr moderne Form von Auferstehung. Immer wieder neu in Kontakt zu kommen mit dem eigenen Atem, mit dem eigenen Körper, mit dem, was lebendig ist.

    Ein leises Trotzdem

    Ostern sagt nicht, dass alles gut wird. Aber vielleicht sagt es, dass Leben möglich bleibt. Dass sich etwas in uns aufrichten kann, selbst in schwierigen Zeiten. Nicht als große Geste, sondern als leises Trotzdem. Ein Atemzug, der wieder etwas freier wird. Ein Moment, in dem wir weicher werden. Ein kleines inneres Ja zum Leben. Und vielleicht ist genau das das Licht der Hoffnung, das wir gerade brauchen. Still, unaufgeregt und getragen von einer tiefen, kaum sichtbaren Kraft.

  • Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte

    Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte

    Manchmal bringt dir das Leben etwas bei. Nicht durch ein Buch, nicht durch eine kluge Übung, sondern durch ein kleines zitterndes Wesen unter dem Sofa.

    Ich hatte schon Katzen. Ich dachte also, ich kenne das. Eine neue Katze kommt ins Haus, braucht ein paar Tage, vielleicht ein bisschen länger, und dann wird das schon. So war es bisher immer gewesen. Also ging ich ganz entspannt davon aus, dass ich auch diesmal weiß, wie es läuft.

    Milo hatte offenbar andere Pläne.

    Er kam als Angsttier. Kein Schnurren, kein vorsichtiges Um-die-Ecke-Schauen, kein neugieriges Beschnuppern. Er war einfach weg. Unsichtbar. Er fraß nur, wenn niemand hinsah, und verschwand sofort, sobald ich mich auch nur ein kleines bisschen bewegte. Die ersten Wochen sahen wir ihn nur über die Infrarot-Catcam in seinem sicheren Einzelzimmer. Alles in mir schrie, dass ich etwas tun sollte. Ihm zeigen, dass er sicher ist. Ihn überzeugen. Ein bisschen nachhelfen.

    Ich hatte dreißig Jahre Achtsamkeit und Kommunikation im Gepäck. Ich kannte all die klugen Konzepte. Und trotzdem war mein erster Impuls ganz schlicht: Ich muss das jetzt regeln.

    Genau da wurde es interessant.

    Wu Wei. Handeln ohne zu erzwingen

    Wu Wei ist ein Prinzip aus dem Daoismus. Oft wird es als Nicht-Handeln übersetzt, was ein bisschen in die Irre führt. Es geht nicht darum, nichts zu tun. Es geht darum, nichts zu erzwingen. Das Richtige geschehen zu lassen, statt es mit Druck herbeizuführen.

    Für mich bedeutete das im Zusammenhang mit Milo etwas sehr Konkretes: aufhören, ihn überzeugen zu wollen. Keine ausgestreckte Hand, kein Locken, kein leises Überreden. Stattdessen einfach im Raum sein. Lesen, Tee trinken, leben. So, als wäre er längst Teil von allem.

    Klingt einfach. War es nicht.

    Ziran. Die Dinge sie selbst sein lassen

    Ziran beschreibt so etwas wie Natürlichkeit. Das, was entsteht, wenn niemand mehr daran herumformt. Wenn nichts gedrückt, gezogen oder beschleunigt wird.

    Genau das brauchte Milo. Einen Raum ohne Erwartungen. Ohne dieses sanfte, aber doch spürbare „Komm doch mal raus“. Einfach Zeit. Und die Erlaubnis, genau so zu sein, wie er eben war.

    Also habe ich ihn in Ruhe gelassen. Nicht im Sinne von egal. Ich habe ihm Futter hingestellt, leise mit ihm gesprochen und für Sicherheit gesorgt. Aber ich habe aufgehört, an ihm herumzudenken. Kein innerer Zeitplan, kein heimliches Hoffen auf Fortschritte.

    Ich habe gewartet, ohne zu warten.

    Und dann, eines Tages, saß er einfach neben mir. Umkreiste mich immer näher, bis er schließlich mich berührte.

    Nicht, weil ich etwas richtig gemacht hatte. Sondern weil er so weit war.

    Spieltrieb, Cleo und eine ziemlich entspannte Annäherung

    Was danach kam, hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten. Milo entpuppte sich als kleiner Wirbelwind mit einer großen Leidenschaft für alles, was sich bewegt. Stoffmäuse hatten plötzlich keine Chance mehr, der Flur wurde zur Rennstrecke, und jeder Kratzbaum zum Abenteuerspielplatz.

    Und dann war da noch Cleo. Unsere ältere Katze nahm das Ganze mit einer Mischung aus Würde und milder Genervtheit hin. Milo forderte sie mit einer charmanten Dreistigkeit heraus, die mich mehr als einmal zum Lachen brachte. Und irgendwie fanden die beiden ihren Rhythmus. Ohne dass ich eingreifen musste. Ohne großes Management.

    Auch hier wieder: nichts erzwingen, einfach geschehen lassen.

    Und was hat das mit uns zu tun

    Ich denke oft an Milo, wenn ich mit Menschen arbeite. Der Impuls ist erstaunlich ähnlich. Wenn etwas nicht funktioniert, versuchen wir meist mehr. Mehr erklären, mehr analysieren, mehr tun. Dabei brauchen viele Prozesse vor allem eines: Raum.

    Wu Wei erinnert daran, dass nicht alles besser wird, wenn wir uns mehr anstrengen. Und Ziran zeigt, dass sich vieles von selbst ordnet, wenn wir aufhören, ständig daran herumzuziehen.

    Milo liegt heute auf dem Kratzbaum neben mir, während ich das schreibe. Entspannt, präsent und ziemlich zufrieden mit sich und der Welt. Er ist übrigens auch der Namensgeber von Milodao geworden.

    Warum? Weil seine Geschichte genau das zeigt, was mir wichtig ist: Sanfter sein. Geduldiger sein. Mit sich selbst und der Welt.
    Dem Leben zutrauen, dass es seinen eigenen Rhythmus hat.

  • Deine Diagnose bist nicht du!

    Deine Diagnose bist nicht du!

    Über die Kunst, sich nicht mit Krankheit zu identifizieren

    Es passiert schleichend. Irgendwann sagt jemand in weißem Kittel einen Satz, und wir tragen ihn von da an wie einen unsichtbaren Rucksack mit uns. „In Ihrem Alter wird das nicht mehr besser.” „Damit müssen Sie jetzt leben.” „Die Schulter ist halt so.” Und wir nicken. Schreiben es auf. Machen es zu einem Teil unserer Geschichte. Zu einem Teil von uns.

    Ich kenne das. Nicht nur vom Hörensagen.

    Das Etikett klebt – wenn wir es zulassen

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin und im daoistischen Denken gibt es keine Trennung zwischen Körper, Geist und Lebensenergie. Eine Körperregion ist kein defektes Maschinenteil, das irgendwann ausgetauscht oder abgeschrieben werden muss. Er ist Teil eines lebendigen Systems im ständigen Wandel und Wandel ist das einzige, was im Dao wirklich konstant ist.

    Wenn wir aber eine Diagnose annehmen wie ein endgültiges Urteil, wenn wir sagen „Ich habe Arthrose – da kann man nichts machen”, dann tun wir etwas Entscheidendes: Wir hören auf zu fließen. Wir erstarren in einem Bild von uns selbst, das ein Moment, ein Befund, ein müder Satz beim Arzt gezeichnet hat. Und das Qi, unsere Lebensenergie, folgt dem Geist. Stagnation im Denken erzeugt Stagnation im Körper.

    Das ist keine esoterische Behauptung. Das ist beobachtbare Wirklichkeit.

    Selbstverantwortung ist kein Vorwurf

    Ich möchte hier ausdrücklich innehalten, denn dieser Punkt wird leicht missverstanden: Selbstverantwortung bedeutet nicht, dass Krankheit „selbstverschuldet” ist. Es bedeutet nicht, Diagnosen zu ignorieren oder medizinische Behandlung abzulehnen. Es bedeutet etwas ganz anderes und viel Subtileres.

    Es bedeutet: Ich bin nicht meine Diagnose. Ich lebe mit einer Situation – aber ich bin nicht diese Situation.

    Im Daoismus spricht man von Wu Wei, dem Prinzip des nicht erzwingenden Handelns, des Fließens im Einklang mit dem Lebendigen. Das Gegenteil davon ist nicht Aktivismus oder Kontrolle. Das Gegenteil davon ist Resignation. Sich festsetzen. Sich einrichten in dem, was man einem gesagt hat.

    Selbstverantwortung beginnt mit der Frage: Was ist noch möglich? Was kann mein Körper noch lernen, noch spüren, noch entdecken?

    Was Qigong damit zu tun hat

    Qigong ist in seinem Kern kein Bewegungsprogramm. Es ist eine Praxis der Wahrnehmung. Wir lernen, den Körper von innen zu bewohnen – achtsam, neugierig, ohne Urteil. Wir bewegen nicht gegen Schmerz oder Einschränkung, sondern wir bewegen uns in Dialog mit dem, was ist.

    Und in diesem Dialog beginnen viele Menschen etwas zu entdecken, das sie für unmöglich gehalten hatten: dass der Körper sich erinnert. Dass Beweglichkeit zurückkommt, die längst verloren schien. Dass Schmerz nachlässt, wenn er endlich gehört wird, statt bekämpft zu werden.

    Das ist keine Magie. Das ist Physiologie – und es ist Philosophie. Es ist die daoistische Erkenntnis, dass Lebendiges sich verändert, wenn wir aufhören, es festzuhalten.

    Ende der Fünfzig ist kein Verfallsdatum

    Ich beobachte in meinen Kursen und meinem Umfeld immer wieder dasselbe Bild: Menschen Ende vierzig, fünfzig, sechzig, die sich mit Diagnosen abgefunden haben wie mit schlechtem Wetter. Die nicht mehr fragen, sondern verwalten. Die den Körper nicht mehr als Begleiter erleben, sondern als Problemquelle.

    Und ich verstehe das. Ich war selbst dort. Nach einer Schulter-OP, mit der Aussage im Gepäck, dass 80 Prozent Beweglichkeit für mein Alter das Realistischste sei. Und alles in mir wollte diese Aussage annehmen, weil Annehmen so viel einfacher ist als Forschen.

    Aber der Daoismus lehrt uns: Das Wasser findet immer einen Weg. Nicht durch Kraft. Durch Ausdauer, Neugier und die Bereitschaft, sich dem Hindernis nicht zu ergeben, sondern darum herumzufließen.

    Eine Einladung, kein Aufruf

    Ich schreibe das nicht, um Diagnosen kleinzureden oder Ärzte zu kritisieren. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir uns sehr viel schneller mit Urteilen abfinden, als gut für uns ist. Weil ein Satz zur falschen Zeit viel Lebendigkeit stilllegen kann.

    Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst – wenn du spürst, dass du eine Diagnose mit dir trägst, die sich schwerer anfühlt als sie müsste – dann ist das vielleicht eine Einladung. Keine Aufforderung zur Verleugnung. Sondern zur Neugier.

    Was wäre, wenn da noch mehr Spielraum ist, als man dir gesagt hat?

    Was wäre, wenn dein Körper noch nicht fertig ist mit dir?

    Im Dao ist nichts jemals ganz fertig. Alles atmet. Alles wandelt sich. Auch du.​​​​​​​​​​​​​​​​

  • Warum wir im Frühling so müde sind

    Warum wir im Frühling so müde sind

    Frühjahrsmüdigkeit aus Sicht der TCM verstehen und sanft in die Kraft kommen

    Kennst du das? Die Sonne scheint, die Vögel sind schon im Aktivmodus und eigentlich sollte alles nach Aufbruch und Neuanfang klingen. Und du? Du könntest dich wieder ins Bett legen. Schwere Beine. Träge Gedanken. Null Motivation.
    Willkommen in der berühmten Frühjahrsmüdigkeit.
    Während sie im Westen oft mit Hormonen oder Wetterumschwüngen erklärt wird, schaut die Traditionelle Chinesische Medizin etwas tiefer. Und vor allem freundlicher. Denn aus Sicht der TCM ist das kein „Fehler“ deines Körpers, sondern ein Zeichen, dass er gerade im Übergang ist. Und Übergänge dürfen langsam sein.

    Frühling bedeutet Neubeginn im Körper

    In der TCM ist jede Jahreszeit mit einer bestimmten Energie verbunden. Der Frühling gehört zum Element Holz und zu Leber und Gallenblase. Diese Energie steht für Wachstum, Bewegung, Kreativität und Aufbruch. Alles möchte nach oben und nach außen. So wie die Knospen an den Bäumen.
    Auch dein Qi, deine Lebensenergie, will jetzt wieder fließen.
    Nach dem Winter, der eher ruhig, speichernd und zurückgezogen ist, braucht der Körper allerdings einen Moment, um hochzufahren. Wenn dieser Wechsel stockt, fühlen wir uns müde statt lebendig. Das bedeutet nicht, dass ein Fehler im System ist. Wir sind nur noch nicht ganz angekommen.

    Warum wir uns schlapp fühlen

    Drei typische Muster aus Sicht der TCM

    1. Das Leber-Qi kommt nicht ins Fließen

    Die Leber sorgt in der TCM dafür, dass Energie frei zirkulieren kann. Wenn wir im Winter viel gesessen, schwer gegessen oder Stress angesammelt haben, staut sich diese Energie. Das fühlt sich an wie eine Blockade im Inneren.
    Typische Zeichen sind: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, Druck im Kopf oder Brustkorb und
    Stimmungsschwankungen. Man könnte sagen: Die Energie wäre da. Sie kommt nur nicht vom Fleck.

    2. Die Milz ist erschöpft

    Unsere Verdauungskraft, in der TCM Milz genannt, wandelt Nahrung in Energie um. Zu viel Zucker, Brot, Milchprodukte oder kalte Speisen schwächen sie. Dann entsteht sogenannte Feuchtigkeit. Das klingt harmlos, fühlt sich aber an wie ein nasser Wollmantel: Schwer, träge und Bewegung hindernd. Viele kennen das als  typisches Nachmittagstief oder Müdigkeit direkt nach dem Essen.

    3. Das Yang ist noch im Winterschlaf

    Der Winter gehört zum Yin. Wir ziehen uns zurück, schützen und vor der Kälte, sollten eher passiv sein. Im Frühling soll das Yang wieder aufsteigen. Dann geht es um Aktivität, Wärme und Aufbruch. Manche Körper brauchen dafür einfach länger. 
    Das zeigt sich durch Frieren, langsamen Kreislauf, müdes Aufwachen und Startschwierigkeiten am Morgen. Wie ein alter Computer, der erst einmal hochfahren muss.

    Was jetzt wirklich hilft

    Sanfte Wege zurück in deine Kraft

    Die gute Nachricht ist: Du musst dich nicht zwingen, produktiver zu sein. Der Frühling will keine Härte. Er will Bewegung und Leichtigkeit. Hier kommen einfache und bewährte TCM-Tipps.

    Bewegung ist Medizin

    Nichts bringt das Leber-Qi schneller ins Fließen als sanfte Bewegung. Spaziergänge, Qigong, Dehnen, Schütteln, Tanzen in der Küche oder einfach draußen sein. Es muss kein Workout sein. Dein Körper möchte eher geschmeidig als erschöpft sein. Bewege dich so, dass du danach mehr Energie hast als vorher.

    Iss leichter und grüner

    Der Frühling liebt frische, leichte Nahrung. Gut tun: Blattgemüse, Kräuter, Sprossen, Suppen, Gedünstetes Gemüse, ein Spritzer Zitrone, Bitterstoffe wie Löwenzahn oder Rucola.
    Weniger hilfreich sind: Zucker, viel Brot und Weizen, Milchprodukte, frittierte oder sehr schwere Speisen. Dein Bauch wird es dir danken. Und dein Kopf gleich mit.

    Geh mit dem Licht

    Die Natur steht früher auf. Wir dürfen das auch: Früher schlafen, morgens Licht tanken, Fenster öffnen, tief durchatmen. Das hilft deinem inneren Rhythmus enorm. Der Körper versteht Licht besser als jeden Wecker.

    Nutze die Zwischenzeiten – deine Dojozeiten

    Gerade jetzt, in der Zeit dazwischen, der Dojozeit liegt ein Schlüssel. Hier können wir bewusst auf uns achten. Und uns auf den Wandel vorbereiten. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional und energetisch.
    Ein paar Minuten Meditation, bewusstes Atmen, sanftes Dehnen oder ein kleiner Spaziergang im Freien sind mehr als Pausen. Sie sind kleine Kraftquellen, die dein Qi wieder ins Fließen bringen.

    Wer diese Zeiten bewusst nutzt, erlebt den Frühling leichter, voller Energie und ohne die bekannten Müdigkeitserscheinungen. So wird Frühjahrsmüdigkeit gar nicht erst zum Dauerbegleiter.

    Räume innerlich und äußerlich auf

    Frühling ist auch eine Zeit des Loslassens: Alte Dinge aussortieren, Gedanken klären, Emotionen bewegen, Ballast abwerfen. In der TCM ist die Leber auch für Gefühle zuständig. Besonders für aufgestaute. Manchmal hilft ein Gespräch. Manchmal ein Tagebuch. Manchmal einfach ein guter Seufzer. Alles darf wieder fließen.

    Mein Blick als Therapeutin

    In meiner Arbeit als Qigonglehrerin, Meditationstrainerin und TCM-Therapeutin erlebe ich jedes Jahr dasselbe. Viele Menschen denken, sie müssten jetzt sofort leistungsfähig sein. Dabei braucht der Körper nur ein bisschen Unterstützung und Freundlichkeit.

    Frühjahrsmüdigkeit ist kein Defizit. Sie ist eine Einladung. Langsamer starten. Dich neu ausrichten. Alte Energie loslassen. Dich wieder bewegen.

    Und die Dojozeit ist die Zeit, in der wir uns auf den Neubeginn, den Wandel vorbereiten. Wie ein Baum im Frühling. Der macht ja auch keinen Stress. Er wächst einfach.

    Ein kleiner Impuls zum Schluss

    Vielleicht fragst du dich heute nicht: Warum bin ich so müde?
    Sondern: Was würde mir jetzt guttun? Ein Spaziergang, eine Tasse Tee, zehn Minuten Qi Gong
    oder einfach ein tiefer Atemzug am offenen Fenster. Manchmal beginnt neue Energie mit einem kleinen Schritt in die richtige Richtung.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.