Als meine Schultern „Nein“ sagten

Manchmal glauben wir, wir müssten etwas komplett neu erfinden. Eine neue Website. Eine neue Marke. Ein neuer Auftritt. So begann meine Reise mit der Idee, eine völlig neue Online-Präsenz zu erschaffen. Monatelang beschäftigte ich mich mit WordPress, Themes, Plugins und technischen Möglichkeiten, während mein Körper zunehmend seine eigene Meinung dazu entwickelte. Mein Nacken verspannte sich, die Schultern wurden schwer und zogen sich zusammen, als trügen sie eine Last, die gar nicht ihre war. Natürlich kann man das als Zufall abtun. Man kann aber auch neugierig werden.

Wenn der Körper zum Berater wird

In der Traditionellen Chinesischen Medizin betrachten wir den Körper nicht als Maschine, die gelegentlich Fehlermeldungen produziert. Er ist ein Gesprächspartner, einer, der selten in vollständigen Sätzen spricht, sondern in einer eigenen Sprache aus Ziehen, Druck und Verspannungen, die wir meist erst bemerken, wenn sie lauter werden.

Nacken und Schultern sind dabei besonders beredte Stellen. In der TCM stehen sie in enger Verbindung mit dem, was wir tragen, was wir kontrollieren wollen und wo wir uns innerlich verkrampfen. Je mehr ich versuchte, die neue Website zu erzwingen, desto schwerer wurden die Schultern, desto steifer der Nacken. Als hätte mein Körper längst verstanden, was mein Kopf noch nicht wahrhaben wollte: Hier stimmt die Richtung nicht.

Im Daoismus gibt es das Bild des Wassers, das nicht gegen seinen Weg kämpft, sondern ihn findet. Ich hingegen versuchte offenbar, einen Berg hinaufzuschwimmen, was keine besonders elegante Strategie war.

Die entscheidende Verwechslung

Irgendwann bemerkte ich etwas Wesentliches: Ich wollte gar nicht einfach eine neue Website erstellen. Ich wollte eine neue Idee sichtbar machen. Das ist ein Unterschied. Denn plötzlich stellte sich eine ganz andere Frage: Muss wirklich alles neu sein, oder darf etwas Gewachsenes weiterleben?

Meine Website begleitet mich seit vielen Jahren. Sie trägt Erfahrungen, Begegnungen und Geschichten in sich und ist Ausdruck meines Weges als Qigong-Lehrerin, TCM-Therapeutin und Trainerin für achtsame Kommunikation. Warum sollte ich all das zurücklassen, nur weil eine neue Idee an die Tür klopft?

Der Moment der Klarheit

Die Antwort kam nicht nach stundenlangem Grübeln oder dem hundertsten Tutorial, sondern in einem ruhigen Moment ganz von selbst. Die bestehende Website bleibt. Energieraum-hs.de bleibt mein Zuhause, Milodao.de wird integriert, das Design darf frischer und klarer werden, aber die Wurzeln bleiben dort, wo sie hingehören. In dem Moment, in dem diese Entscheidung getroffen war, wurde etwas erstaunlich leicht.

Und dann passierte etwas, das mich selbst zum Schmunzeln brachte: Die Schultern senkten sich. Der Nacken gab nach. Als hätte mein Körper nur darauf gewartet, dass der Kopf aufhört, gegen den Strom zu paddeln. Ich behaupte nicht, dass jede körperliche Beschwerde sofort verschwindet, wenn man die richtige Entscheidung trifft, aber manchmal zeigt uns der Körper sehr deutlich, wenn wir einen Umweg gehen, und genauso deutlich, wenn wir wieder auf unserem Weg angekommen sind.

Wu Wei statt Website-Kampf

Im Daoismus gibt es das Prinzip des Wu Wei, das oft mit „Nicht-Handeln” übersetzt wird, aber eigentlich etwas anderes meint: Handeln ohne Verkrampfung, im Einklang, zur richtigen Zeit, aus Klarheit heraus. Rückblickend war genau das die Einladung. Nicht mehr kämpfen, nicht mehr etwas erzwingen, sondern das Vorhandene ehren und daraus etwas Neues wachsen lassen. Wie ein Baum, der neue Zweige bildet, ohne seine Wurzeln zu verleugnen.

Was bleibt

Veränderung muss nicht laut sein. Oft geschieht die tiefste Veränderung viel leiser: Wir erkennen, dass wir nicht bei null anfangen müssen, dass das bereits Aufgebaute getragen werden darf, und dass Entwicklung nicht bedeutet, die Vergangenheit wegzuwerfen, sondern sie liebevoll mitzunehmen.

Vielleicht stehst auch du gerade vor einer Entscheidung und versuchst mit aller Kraft, etwas durchzusetzen, während deine Schultern sich längst nach oben ziehen und dein Nacken immer steifer wird. Dann lohnt es sich, einen Moment innezuhalten, nicht um aufzugeben, sondern um zu lauschen. Wo fließt das Leben bereits? Wo wird es leicht? Das Dao hat selten eine Trillerpfeife dabei. Meist flüstert es, manchmal über eine Idee, manchmal über ein Gefühl, und gelegentlich sogar über einen verspannten Nacken.

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