Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte

Manchmal bringt dir das Leben etwas bei. Nicht durch ein Buch, nicht durch eine kluge Übung, sondern durch ein kleines zitterndes Wesen unter dem Sofa.

Ich hatte schon Katzen. Ich dachte also, ich kenne das. Eine neue Katze kommt ins Haus, braucht ein paar Tage, vielleicht ein bisschen länger, und dann wird das schon. So war es bisher immer gewesen. Also ging ich ganz entspannt davon aus, dass ich auch diesmal weiß, wie es läuft.

Milo hatte offenbar andere Pläne.

Er kam als Angsttier. Kein Schnurren, kein vorsichtiges Um-die-Ecke-Schauen, kein neugieriges Beschnuppern. Er war einfach weg. Unsichtbar. Er fraß nur, wenn niemand hinsah, und verschwand sofort, sobald ich mich auch nur ein kleines bisschen bewegte. Die ersten Wochen sahen wir ihn nur über die Infrarot-Catcam in seinem sicheren Einzelzimmer. Alles in mir schrie, dass ich etwas tun sollte. Ihm zeigen, dass er sicher ist. Ihn überzeugen. Ein bisschen nachhelfen.

Ich hatte dreißig Jahre Achtsamkeit und Kommunikation im Gepäck. Ich kannte all die klugen Konzepte. Und trotzdem war mein erster Impuls ganz schlicht: Ich muss das jetzt regeln.

Genau da wurde es interessant.

Wu Wei. Handeln ohne zu erzwingen

Wu Wei ist ein Prinzip aus dem Daoismus. Oft wird es als Nicht-Handeln übersetzt, was ein bisschen in die Irre führt. Es geht nicht darum, nichts zu tun. Es geht darum, nichts zu erzwingen. Das Richtige geschehen zu lassen, statt es mit Druck herbeizuführen.

Für mich bedeutete das im Zusammenhang mit Milo etwas sehr Konkretes: aufhören, ihn überzeugen zu wollen. Keine ausgestreckte Hand, kein Locken, kein leises Überreden. Stattdessen einfach im Raum sein. Lesen, Tee trinken, leben. So, als wäre er längst Teil von allem.

Klingt einfach. War es nicht.

Ziran. Die Dinge sie selbst sein lassen

Ziran beschreibt so etwas wie Natürlichkeit. Das, was entsteht, wenn niemand mehr daran herumformt. Wenn nichts gedrückt, gezogen oder beschleunigt wird.

Genau das brauchte Milo. Einen Raum ohne Erwartungen. Ohne dieses sanfte, aber doch spürbare „Komm doch mal raus“. Einfach Zeit. Und die Erlaubnis, genau so zu sein, wie er eben war.

Also habe ich ihn in Ruhe gelassen. Nicht im Sinne von egal. Ich habe ihm Futter hingestellt, leise mit ihm gesprochen und für Sicherheit gesorgt. Aber ich habe aufgehört, an ihm herumzudenken. Kein innerer Zeitplan, kein heimliches Hoffen auf Fortschritte.

Ich habe gewartet, ohne zu warten.

Und dann, eines Tages, saß er einfach neben mir. Umkreiste mich immer näher, bis er schließlich mich berührte.

Nicht, weil ich etwas richtig gemacht hatte. Sondern weil er so weit war.

Spieltrieb, Cleo und eine ziemlich entspannte Annäherung

Was danach kam, hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten. Milo entpuppte sich als kleiner Wirbelwind mit einer großen Leidenschaft für alles, was sich bewegt. Stoffmäuse hatten plötzlich keine Chance mehr, der Flur wurde zur Rennstrecke, und jeder Kratzbaum zum Abenteuerspielplatz.

Und dann war da noch Cleo. Unsere ältere Katze nahm das Ganze mit einer Mischung aus Würde und milder Genervtheit hin. Milo forderte sie mit einer charmanten Dreistigkeit heraus, die mich mehr als einmal zum Lachen brachte. Und irgendwie fanden die beiden ihren Rhythmus. Ohne dass ich eingreifen musste. Ohne großes Management.

Auch hier wieder: nichts erzwingen, einfach geschehen lassen.

Und was hat das mit uns zu tun

Ich denke oft an Milo, wenn ich mit Menschen arbeite. Der Impuls ist erstaunlich ähnlich. Wenn etwas nicht funktioniert, versuchen wir meist mehr. Mehr erklären, mehr analysieren, mehr tun. Dabei brauchen viele Prozesse vor allem eines: Raum.

Wu Wei erinnert daran, dass nicht alles besser wird, wenn wir uns mehr anstrengen. Und Ziran zeigt, dass sich vieles von selbst ordnet, wenn wir aufhören, ständig daran herumzuziehen.

Milo liegt heute auf dem Kratzbaum neben mir, während ich das schreibe. Entspannt, präsent und ziemlich zufrieden mit sich und der Welt. Er ist übrigens auch der Namensgeber von Milodao geworden.

Warum? Weil seine Geschichte genau das zeigt, was mir wichtig ist: Sanfter sein. Geduldiger sein. Mit sich selbst und der Welt.
Dem Leben zutrauen, dass es seinen eigenen Rhythmus hat.

Kommentare

2 Antworten zu „Was mein Kater mich über den Daoismus lehrte“

  1. Avatar von profoundlynachoe0b1ec9164
    profoundlynachoe0b1ec9164

    was für eine schön Geschichte von Milo. Wir haben etwas Ähnliches vor einigen Jahren auch erlebt. Wir haben eine Katze, die aus einem Animalhording sichergestellt wurde, aufgenommen: Conny. Sie hat fast 2 Monate konsequent unter meinem Bett gelebt. Wir haben dann ein Katzenklo und die Fressnäpfe ins Schlafzimmer gestellt. Nachts war sie dann unterwegs – ein kleiner flinker Schatten: Conny TheGhostcat. Wir haben sie einfach machen lassen. Nach 2 Monaten kam sie raus, entdeckte nach und nach die Wohnung und auch Ihre Zickigkeit LadyCat Hexe, die Katze, die schon bei uns lebte. Aus Conny TheGhostcat wurde KampfKuschel ConnyCat. Leider erkrankte sie irgendwann an einem bösartigen nicht operabelen Gesäugentumor. Weil auch Hexe inzwischen verstorben war, wurde sie unsere Einzelprinzessin als Palliativkatze. Wir konnten ihr noch mehr als ein Jahre unglaublich verwöhntes Leben schenken. Sie ist in unseren Armen eingeschlafen.

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    1. Avatar von energieraumhs

      Wie schön, dass sie bei euch sein durfte!

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