Warum ich nicht immer höher, schneller und weiter will.
Höher, schneller, weiter. Mehr erreichen, mehr verdienen, erfolgreicher werden. Das eigene Unternehmen vergrößern, neue Ziele setzen, die nächste Stufe erklimmen. Und wenn ein Ziel erreicht ist, steht das nächste schon bereit.
Manchmal frage ich mich, wann wir eigentlich angefangen haben, unser Leben so sehr an Wachstum und Erfolg zu messen. Und vor allem: Wann haben wir aufgehört, uns zu fragen, ob das, was wir tun, uns wirklich erfüllt?
Ich beobachte, wie sehr sich diese Vorstellung von Erfolg in unserer Gesellschaft festgesetzt hat. Besonders in der Welt der Selbstständigkeit begegnet sie mir immer wieder. Da wird von Skalierung gesprochen, von Reichweite, Umsatzsteigerung, finanzieller Freiheit und dem nächsten großen Schritt. Erfolg wird sichtbar gemacht, vorgeführt und nicht selten zum Maßstab dafür, wie gelungen ein Leben ist.
Ich kann damit wenig anfangen.
Nicht, weil ich etwas gegen Erfolg hätte. Sondern weil ich Erfolg anders verstehe.
Was treibt uns eigentlich an?
Ich war schon immer so. Schon in meinem früheren Berufsleben war es für mich nie ein erstrebenswertes Ziel, auf der Karriereleiter möglichst weit nach oben zu kommen oder immer mehr Geld zu verdienen.
Ich wollte eine Arbeit, die Sinn ergibt. Eine Arbeit, hinter der ich stehen kann, die mich fordert, die mir Freude macht und bei der ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles beizutragen.
Natürlich wollte und will ich für meine Arbeit angemessen bezahlt werden. Wirtschaftliche Sicherheit ist wichtig. Sie gibt uns Handlungsspielraum, Unabhängigkeit und die Möglichkeit, unser Leben zu gestalten.
Aber Geld war für mich nie der eigentliche Antrieb. Und eine höhere Position war für mich nie automatisch eine bessere Position.
Ich glaube, es macht einen großen Unterschied, ob wir etwas tun, weil es uns am Herzen liegt, oder ob wir es tun, um dadurch etwas zu werden.
Ob wir unsere Fähigkeiten einsetzen, weil wir Freude an unserer Arbeit haben und etwas bewirken möchten, oder ob die Arbeit vor allem ein Mittel ist, um Anerkennung, Status und immer neue Erfolge zu erreichen.
Von außen kann beides ganz ähnlich aussehen. Menschen können engagiert sein, viel arbeiten, Verantwortung übernehmen und erfolgreich werden. Aber die innere Bewegung ist eine andere.
Eine Welt mit sehr viel Yang
Im daoistischen Denken begegnen uns Yin und Yang als zwei Kräfte, die einander ergänzen und bedingen.
Yang steht unter anderem für Aktivität, Bewegung, Wachstum, Gestaltung und das nach außen Gerichtete. Yin für Ruhe, Empfänglichkeit, Sammlung, Tiefe und das nach innen Gerichtete.
Beides gehört zum Leben. Beides braucht seinen Raum.
Wenn ich unsere heutige Arbeits- und Leistungsgesellschaft betrachte, sehe ich allerdings eine deutliche Überbetonung des Yang.
Immer in Bewegung bleiben. Immer neue Ziele erreichen. Sich weiterentwickeln, optimieren, vergrößern. Möglichst sichtbar sein und bloß nicht stehen bleiben.
Selbst die persönliche Entwicklung wird manchmal zu einer Art Karriereleiter. Auch hier soll es immer noch bewusster, gelassener, erfolgreicher und erfüllter werden.
Aber wohin führt uns dieses ständige Streben?
Und was geschieht mit uns, wenn wir uns kaum noch erlauben, einfach zufrieden zu sein?
Yin bedeutet nicht, untätig zu werden. Es bedeutet auch nicht, auf Entwicklung zu verzichten. Es schafft den Raum, in dem wir wahrnehmen können, was bereits da ist. In dem Erfahrungen sich setzen, Erkenntnisse reifen und wir wieder spüren, was uns wirklich wichtig ist.
Ohne Yin verliert Yang irgendwann seine Richtung.
Wenn die Arbeit aus dem Herzen kommt
Ich liebe meine Arbeit. Ich liebe es, Menschen zu begleiten, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, Räume für Begegnung zu schaffen und immer wieder selbst dazuzulernen.
Natürlich entwickle ich Ideen. Ich plane neue Angebote, gestalte meine Selbstständigkeit und freue mich, wenn das, was ich tue, auf Interesse stößt. Ich möchte Menschen erreichen und mit meiner Arbeit erfolgreich sein.
Aber ich möchte nicht wachsen, nur um größer zu werden.
Ich möchte nicht mehr arbeiten, um mehr zu verdienen, damit ich mir anschließend einen Lebensstil leisten kann, der wiederum immer mehr Arbeit und Einkommen verlangt.
Ich möchte meine Arbeit nicht zu einem Instrument des Aufstiegs machen.
Ich möchte arbeiten, weil mir meine Arbeit etwas bedeutet.
Und ich möchte mir die Freiheit bewahren, auch einmal zu sagen: Es reicht. Nicht aus Resignation, nicht aus Angst vor Veränderung und nicht, weil ich keine Ideen mehr hätte.
Sondern weil das, was da ist, gut ist.
Weil ich zufrieden bin.
Es ist gut so, wie es ist
Dieser Satz klingt in einer Welt, die ständig nach Verbesserung strebt, beinahe ungewöhnlich.
Es ist gut so, wie es ist.
Heißt das, dass alles perfekt ist? Dass ich nichts mehr verändern möchte? Dass es keine Wünsche, Träume oder Herausforderungen mehr gibt?
Natürlich nicht.
Es bedeutet für mich, den gegenwärtigen Moment nicht ständig an einer besseren Zukunft zu messen.
Es bedeutet, das Erreichte wahrzunehmen, ohne sofort das nächste Ziel daraus abzuleiten.
Es bedeutet, Freude an dem zu haben, was ich tue, ohne mich darüber definieren zu müssen, wie viel ich damit erreiche.
Und es bedeutet auch, zu erkennen, wann Wachstum bereichert und wann es beginnt, uns zu beherrschen.
Im Daoismus begegnet uns dafür das Prinzip des Wu Wei – häufig übersetzt als Handeln ohne Erzwingen.
Wu Wei bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass das Leben etwas für uns erledigt. Es beschreibt eine Art zu handeln, die sich nicht ständig gegen den natürlichen Verlauf der Dinge stemmt.
Wir handeln, wenn Handeln gefragt ist. Wir lassen etwas wachsen, wenn die Bedingungen dafür da sind. Und wir können auch innehalten, wenn es nichts zu tun gibt.
Vielleicht liegt darin eine Freiheit, die größer ist als die viel beschworene finanzielle Freiheit: nicht immer mehr haben, erreichen oder werden zu müssen, um mit dem eigenen Leben zufrieden zu sein.
Und wenn es doch noch weitergeht?
Dann ist das wunderbar.
Vielleicht entstehen neue Ideen. Vielleicht verändern sich meine Aufgaben. Vielleicht wird aus etwas Kleinem etwas Größeres.
Ich verschließe mich dem nicht.
Aber ich möchte nicht, dass mein Leben zu einer endlosen Abfolge von Zielen wird, bei der die Zufriedenheit immer erst hinter dem nächsten Erfolg wartet.
Ich möchte mir die Freude an dem bewahren, was ich gerade tue. Ich möchte Entscheidungen treffen können, weil sie sich für mich richtig anfühlen und zu meinen Werten passen. Nicht, weil ich eine weitere Stufe erklimmen sollte.
Vielleicht brauchen wir gar nicht immer neue Ziele, um ein erfülltes Leben zu führen.
Vielleicht brauchen wir manchmal vor allem den Mut, zufrieden zu sein.
Nicht höher. Nicht schneller. Nicht immer weiter.
Sondern mit dem Leben gehen.
Und zwischendurch aus vollem Herzen sagen können:
Es ist gut so, wie es ist.

Kommentar verfassen