Ein simpler Erkältungsvirus. Nichts Dramatisches, nichts, was man nicht schon hundertmal hatte. Und doch hat er mich dieses Mal in ein erstaunlich tiefes Loch katapultiert. Mein System: leer. Mein Yin: im Sinkflug. Meine Fähigkeit, die eigenen Grenzen rechtzeitig wahrzunehmen, seit langem außer Betrieb.
Vielleicht kennst du das auch: Du liebst deine Arbeit und machst einfach immer weiter. Vielleicht begleitest du sogar andere mit Achtsamkeit, Präsenz und Herz und übersiehst dabei immer wieder dich selbst. Bis der Körper irgendwann nicht mehr höflich anklopft, sondern sehr deutlich sagt: Stopp! Jetzt bin ich dran!
Selbstfürsorge: Ein Wort, das wir gerne weiterreichen
Selbstfürsorge ist eines dieser schönen Worte, die wir wunderbar erklären können. Wir empfehlen sie, wir unterrichten sie, wir nicken verständnisvoll, wenn andere davon sprechen. Und dann behandeln wir sie manchmal wie ein nettes Extra oder wie etwas, das man macht, wenn noch Zeit übrig ist.
Viele von uns tragen viel: Verantwortung, Fürsorge, emotionale Arbeit, Präsenz. Wir funktionieren leise, zuverlässig, oft lächelnd. Und merken erst spät, dass wir dabei unsere eigenen Ressourcen wie ein Konto ohne Dispo ans Limit führen.
Ein Vergleich: Wir würden nie dauerhaft mit leerem Tank, blinkender Warnleuchte und ignorierten Serviceintervallen Auto fahren. Bei unserem eigenen Körper tun wir es erstaunlich oft.
Abgrenzung ist kein Rückzug, sondern ein Akt der Liebe
Abgrenzung hat einen schlechten Ruf. Klingt hart, kühl und egoistisch. Dabei ist sie etwas sehr Lebendiges. Sie ist das feine Gespür dafür, wo ich ende und wo der andere beginnt. Wo mein „Ja“ stimmig ist und wo ein ehrliches „Nein“ mein Yin retten könnte.
Ohne Abgrenzung versickert unsere Energie. Mit Abgrenzung entsteht Raum. Raum für Regeneration, für Tiefe, für dieses weiche, nährende Yin, das nicht laut ist, aber enorm kraftvoll.
Yinmangel – wenn die Substanz angegriffen ist
In der Sprache der TCM ist Yin weit mehr als ein Ausgleich zum Yang. Yin ist unsere Substanz. Es nährt, befeuchtet, erdet und hält uns innerlich zusammen.
Ein reiner Qi-Mangel fühlt sich oft erschöpfend an, lässt sich aber meist gut ausgleichen. Wenn jedoch das Yin angegriffen ist, wird es ernst. Dann fehlt nicht nur Energie, sondern Grundlage. Schlaf wird oberflächlich, innere Hitze entsteht, Gedanken kommen nicht zur Ruhe, die Regeneration greift nicht mehr.
In solchen Phasen reicht es nicht, einfach ein wenig langsamer zu machen. Dann braucht es so etwas wie einen inneren Notfallplan. Rückzug, klare Prioritäten, konsequente Pausen und echte Nährung.
Manchmal genügt nämlich dann schon ein scheinbar harmloser Virus, um das System kippen zu lassen. Nicht etwa, weil wir schwach sind, sondern weil wir zu lange über unsere Substanz gelebt haben.
Qigong als Rückkehr nach innen
Mein aktueller Hilfsplan ist, wenig überraschend, der Yinaufbau mit Qigong und Akupressur. Langsame Bewegungen, weiche Übergänge, viel Spüren. Den Körper machen lassen, statt Leistungsdruck.
Qigong erinnert mich daran, dass Regeneration keine Belohnung ist, sondern Grundlage. Dass Stille produktiv ist. Und dass ein sanftes Üben manchmal mehr verändert als jede Disziplin.
Ernährung: sich nähren statt nur versorgen
Auch auf dem Teller darf es yinfreundlicher werden: warm, gekocht, saftig. Suppen, Kompotte, Getreide, Wurzelgemüse. Vorsicht mit Gewürzen! Jetzt heißt es: Weniger Reiz, mehr Substanz.
Zum Beispiel Congée! Allein beim Anblick dieser glibberigen Reissuppe ist mir vor Jahren noch ganz anders geworden. Heute weiß ich, wie sehr es mir aus meinem Loch helfen wird. Es ist keine geißelnde Diät, sondern eine Geste der Freundlichkeit mir selbst gegenüber. Allerdings weiß ich heute auch, wie selbst Congée zu einem genussvollen Mahl verarbeitet werden kann.
Vielleicht ist das die eigentliche Praxis
Vielleicht besteht unsere tiefste Praxis nicht darin, noch präsenter, noch hilfreicher, noch bewusster zu werden. Vielleicht besteht sie darin, rechtzeitig stehenzubleiben. Zu lauschen, wenn der Körper flüstert. Und ihm zu glauben, bevor er laut werden muss.
Zum Rezept
Im Bild unten findest du das Grundrezept für die Reissuppe. Je nach Befinden kann das Congée nun gewürzt und mit Gemüse, Pilzen, Fisch oder Fleisch angereichert werden. Welche Gewürze und welche Nahrungsmittel? Nun, das ist ein anderes Thema. Denn welches Gewürz und welches Nahrungsmittel welche Wirkung hat, ist ein sehr weites Feld.
