Schlagwort: TCM

  • Warum wir im Frühling so müde sind

    Frühjahrsmüdigkeit aus Sicht der TCM verstehen und sanft in die Kraft kommen

    Kennst du das? Die Sonne scheint, die Vögel sind schon im Aktivmodus und eigentlich sollte alles nach Aufbruch und Neuanfang klingen. Und du? Du könntest dich wieder ins Bett legen. Schwere Beine. Träge Gedanken. Null Motivation.
    Willkommen in der berühmten Frühjahrsmüdigkeit.
    Während sie im Westen oft mit Hormonen oder Wetterumschwüngen erklärt wird, schaut die Traditionelle Chinesische Medizin etwas tiefer. Und vor allem freundlicher. Denn aus Sicht der TCM ist das kein „Fehler“ deines Körpers, sondern ein Zeichen, dass er gerade im Übergang ist. Und Übergänge dürfen langsam sein.

    Frühling bedeutet Neubeginn im Körper

    In der TCM ist jede Jahreszeit mit einer bestimmten Energie verbunden. Der Frühling gehört zum Element Holz und zu Leber und Gallenblase. Diese Energie steht für Wachstum, Bewegung, Kreativität und Aufbruch. Alles möchte nach oben und nach außen. So wie die Knospen an den Bäumen.
    Auch dein Qi, deine Lebensenergie, will jetzt wieder fließen.
    Nach dem Winter, der eher ruhig, speichernd und zurückgezogen ist, braucht der Körper allerdings einen Moment, um hochzufahren. Wenn dieser Wechsel stockt, fühlen wir uns müde statt lebendig. Das bedeutet nicht, dass ein Fehler im System ist. Wir sind nur noch nicht ganz angekommen.

    Warum wir uns schlapp fühlen

    Drei typische Muster aus Sicht der TCM

    1. Das Leber-Qi kommt nicht ins Fließen

    Die Leber sorgt in der TCM dafür, dass Energie frei zirkulieren kann. Wenn wir im Winter viel gesessen, schwer gegessen oder Stress angesammelt haben, staut sich diese Energie. Das fühlt sich an wie eine Blockade im Inneren.
    Typische Zeichen sind: Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, Druck im Kopf oder Brustkorb und
    Stimmungsschwankungen. Man könnte sagen: Die Energie wäre da. Sie kommt nur nicht vom Fleck.

    2. Die Milz ist erschöpft

    Unsere Verdauungskraft, in der TCM Milz genannt, wandelt Nahrung in Energie um. Zu viel Zucker, Brot, Milchprodukte oder kalte Speisen schwächen sie. Dann entsteht sogenannte Feuchtigkeit. Das klingt harmlos, fühlt sich aber an wie ein nasser Wollmantel: Schwer, träge und Bewegung hindernd. Viele kennen das als  typisches Nachmittagstief oder Müdigkeit direkt nach dem Essen.

    3. Das Yang ist noch im Winterschlaf

    Der Winter gehört zum Yin. Wir ziehen uns zurück, schützen und vor der Kälte, sollten eher passiv sein. Im Frühling soll das Yang wieder aufsteigen. Dann geht es um Aktivität, Wärme und Aufbruch. Manche Körper brauchen dafür einfach länger. 
    Das zeigt sich durch Frieren, langsamen Kreislauf, müdes Aufwachen und Startschwierigkeiten am Morgen. Wie ein alter Computer, der erst einmal hochfahren muss.

    Was jetzt wirklich hilft

    Sanfte Wege zurück in deine Kraft

    Die gute Nachricht ist: Du musst dich nicht zwingen, produktiver zu sein. Der Frühling will keine Härte. Er will Bewegung und Leichtigkeit. Hier kommen einfache und bewährte TCM-Tipps.

    Bewegung ist Medizin

    Nichts bringt das Leber-Qi schneller ins Fließen als sanfte Bewegung. Spaziergänge, Qigong, Dehnen, Schütteln, Tanzen in der Küche oder einfach draußen sein. Es muss kein Workout sein. Dein Körper möchte eher geschmeidig als erschöpft sein. Bewege dich so, dass du danach mehr Energie hast als vorher.

    Iss leichter und grüner

    Der Frühling liebt frische, leichte Nahrung. Gut tun: Blattgemüse, Kräuter, Sprossen, Suppen, Gedünstetes Gemüse, ein Spritzer Zitrone, Bitterstoffe wie Löwenzahn oder Rucola.
    Weniger hilfreich sind: Zucker, viel Brot und Weizen, Milchprodukte, frittierte oder sehr schwere Speisen. Dein Bauch wird es dir danken. Und dein Kopf gleich mit.

    Geh mit dem Licht

    Die Natur steht früher auf. Wir dürfen das auch: Früher schlafen, morgens Licht tanken, Fenster öffnen, tief durchatmen. Das hilft deinem inneren Rhythmus enorm. Der Körper versteht Licht besser als jeden Wecker.

    Nutze die Zwischenzeiten – deine Dojozeiten

    Gerade jetzt, in der Zeit dazwischen, der Dojozeit liegt ein Schlüssel. Hier können wir bewusst auf uns achten. Und uns auf den Wandel vorbereiten. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional und energetisch.
    Ein paar Minuten Meditation, bewusstes Atmen, sanftes Dehnen oder ein kleiner Spaziergang im Freien sind mehr als Pausen. Sie sind kleine Kraftquellen, die dein Qi wieder ins Fließen bringen.

    Wer diese Zeiten bewusst nutzt, erlebt den Frühling leichter, voller Energie und ohne die bekannten Müdigkeitserscheinungen. So wird Frühjahrsmüdigkeit gar nicht erst zum Dauerbegleiter.

    Räume innerlich und äußerlich auf

    Frühling ist auch eine Zeit des Loslassens: Alte Dinge aussortieren, Gedanken klären, Emotionen bewegen, Ballast abwerfen. In der TCM ist die Leber auch für Gefühle zuständig. Besonders für aufgestaute. Manchmal hilft ein Gespräch. Manchmal ein Tagebuch. Manchmal einfach ein guter Seufzer. Alles darf wieder fließen.

    Mein Blick als Therapeutin

    In meiner Arbeit als Qigonglehrerin, Meditationstrainerin und TCM-Therapeutin erlebe ich jedes Jahr dasselbe. Viele Menschen denken, sie müssten jetzt sofort leistungsfähig sein. Dabei braucht der Körper nur ein bisschen Unterstützung und Freundlichkeit.

    Frühjahrsmüdigkeit ist kein Defizit. Sie ist eine Einladung. Langsamer starten. Dich neu ausrichten. Alte Energie loslassen. Dich wieder bewegen.

    Und die Dojozeit ist die Zeit, in der wir uns auf den Neubeginn, den Wandel vorbereiten. Wie ein Baum im Frühling. Der macht ja auch keinen Stress. Er wächst einfach.

    Ein kleiner Impuls zum Schluss

    Vielleicht fragst du dich heute nicht: Warum bin ich so müde?
    Sondern: Was würde mir jetzt guttun? Ein Spaziergang, eine Tasse Tee, zehn Minuten Qi Gong
    oder einfach ein tiefer Atemzug am offenen Fenster. Manchmal beginnt neue Energie mit einem kleinen Schritt in die richtige Richtung.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.

  • Wenn die Tage kürzer werden: Licht finden in der stillen Zeit

    Wie wir mit der Qualität des Winters und der Kraft achtsamer Kommunikation innere Wärme und Verbundenheit bewahren

    Wenn die Tage kürzer werden

    Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit dehnt sich aus. Für viele Menschen ist das eine Herausforderung. Der Körper reagiert auf weniger Licht, der Geist sehnt sich nach Wärme und Lebendigkeit. Die Natur zieht sich zurück und wir spüren diesen Impuls in uns ebenso deutlich wie die Tiere und Bäume um uns herum.

    Im Jahreskreis von Qigong und chinesischer Medizin hat diese Zeit eine besondere Bedeutung. Sie lädt uns ein, innezuhalten und die feinen Zwischentöne unseres eigenen Lebensrhythmus zu hören.

    Die chinesischen Jahreszeiten und der Rhythmus von Yin und Yang

    Während wir im Westen vor allem in vier Jahreszeiten denken, kennt die traditionelle chinesische Medizin einen differenzierteren Zyklus. Hier entstehen fünf Phasen mit klar erkennbaren energetischen Qualitäten: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Zugleich wird betont, dass jede Jahreszeit eine Übergangszeit besitzt, die sogenannte Dojo-Phase, die dem Element Erde zugeordnet ist.

    In diesem System beginnt der Winter nicht erst mit dem kürzesten Tag des Jahres. Die Wintersonnenwende ist vielmehr die Mitte und der Höhepunkt des Winters.
    Sie markiert die tiefste Yin-Phase. Es ist der Moment größter Ruhe und Verdichtung, eine Zeit, in der die Natur nahezu unsichtbar atmet und im Inneren Kraft sammelt.

    Der Winter beginnt bereits 36 Tage vor dieser tiefsten Dunkelheit. Die Energie zieht sich nach innen zurück, die Tage wirken schwerer und der Körper meldet ein wachsendes Bedürfnis nach Rückzug.

    36 Tage nach der Sonnenwende öffnet sich die Dojo-Phase. Sie dauert 18 Tage und ist eine Erdzeit voller Vorbereitung, Klärung und Stillwerden. Danach beginnt der Frühling, also die Holzphase, deren Mitte wiederum die Tagundnachtgleiche bildet. Der Aufbruch beginnt also lange vor dem sichtbaren Zeichen der Gleichheit von Tag und Nacht.

    Dieses zeitliche Verständnis macht sichtbar, wie feinfühlig die chinesische Naturbeobachtung ist. Alles verläuft in Wellen und Übergängen. Kein Anfang fällt aus dem Himmel, kein Ende stürzt plötzlich ein. Die Natur achtet die Stufen. Und wir können lernen, unsere eigenen Übergänge ebenso achtsam zu begleiten.

    Die Qualität des Winters und des Elements Wasser

    Im Qigong ist der Winter dem Element Wasser zugeordnet. Wasser verkörpert Tiefe, Weisheit, innere Ruhe, Regeneration und die Fähigkeit, mit dem natürlichen Fluss des Lebens zu gehen.

    Das Wasser löst die Härte des Jahres in Stille auf. Es lehrt uns, loszulassen, langsamer zu werden und in der Ruhe Vertrauen zu finden.

    Der Winter ist nicht die Zeit des äußeren Erblühens. Er ist die Zeit, in der wir unsere Wurzeln nähren. Alles, was im Frühling wachsen soll, braucht jetzt Stille, Nahrung und innere Sammlung.

    Ein Blick in die Wissenschaft

    Auch die westliche Wissenschaft bestätigt diese Rhythmen.
    Weniger Tageslicht bedeutet, dass der Körper länger Melatonin bildet und gleichzeitig weniger Serotonin. Viele Menschen erleben dadurch Müdigkeit, weniger Antrieb oder eine gedämpfte Stimmung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine biologische Reaktion.

    Es hilft, sich nicht gegen diese Phase zu stemmen, sondern mit ihr zu gehen. Mehr Schlaf, mehr Pausen, mehr Wärme, mehr Nähe zu sich selbst. Selbstfürsorge ist in dieser Zeit keine Option, sondern ein natürlicher Bestandteil des Jahreszyklus.

    Winter und Kommunikation

    Auch unsere Kommunikation verändert sich im Winter. Während der Sommer oft extrovertiert und lebendig ist, lädt der Winter uns ein, mehr zuzuhören und weniger zu senden.

    Es ist eine Zeit der achtsamen Zwischentöne.
    Eine Zeit, in der wir innehalten, bevor wir reagieren.
    Eine Zeit, in der wir spüren dürfen, was ein Moment braucht, bevor wir ihn mit Worten füllen.

    Achtsame Kommunikation im Winter bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Stille nicht unangenehm ist, sondern nährt. Räume, in denen wir uns selbst hören, bevor wir sprechen. Räume, in denen Verbindung nicht nur durch Worte entsteht, sondern durch Präsenz.

    Ein Licht für jeden Tag

    Zum Abschluss ein kleiner Impuls, der dich sanft durch die dunkleren Wochen begleitet:

    Nimm dir jeden Abend etwas Lichtvolles für den kommenden Tag vor. Etwas, das Verbundenheit schafft und deinen Tag heller macht.

    Das kann ein kurzer Dank sein, ein bewusstes Lächeln, ein liebevoller Gedanke am Morgen, ein Spaziergang im ersten Licht oder ein warmes Wort für jemanden, der dir begegnet.

    Je bewusster du diese kleine Flamme setzt, desto leichter fällt es, morgens aufzustehen, ganz gleich wie dunkel, neblig oder nass der Tag beginnt.

    Denn das Licht, das du suchst, wohnt längst in dir.

  • Den Stürmen des Lebens trotzen und Leichtigkeit im Loslassen finden

    Manchmal schickt uns das Leben genau das Wetter, das wir brauchen, auch wenn es ganz anders ist, als wir es uns vorgestellt hatten.
    Als ich vor Kurzem eine Woche Bildungsurlaub auf Borkum leitete, war alles sorgfältig geplant: Qigong am Strand, Atmung im Rhythmus der Wellen, die Kraft der Weite spüren. Doch kaum waren wir angekommen, fegte ein Sturm über die Insel. Orkanböen, peitschender Regen, aufgewühltes Meer.

    Qigong im Freien? Kaum denkbar. Statt sanfter Bewegungen in der Meeresbrise gab es drinnen eng zusammenrückende Menschen, tropfende Regenjacken und das Heulen des Windes in den Fenstern.

    Mein Widerstand

    Ich spürte, wie sich in mir Widerstand regte. Ich hatte ein Bild von Ruhe, Leichtigkeit und Bewegung in der Natur im Kopf und nun passte nichts davon. Ich wollte den Wind vertreiben, die Wolken auflösen, das Programm „retten“. Doch der Sturm ließ sich nicht beeindrucken.

    Irgendwann merkte ich: Das, was da draußen tobte, tobte auch in mir. Und genau das wollte gesehen werden.

    Loslassen heißt:  mich selbst nicht mehr festhalten

    Im Qigong üben wir, körperlich, geistig und emotional loszulassen. Es klingt leicht, doch in Momenten, in denen wir etwas anders haben wollen, zeigt sich, wie tief das Thema wirklich geht. Ich begann, meinen Plan, meine Vorstellungen, ja, auch meinen Perfektionismus loszulassen. Stattdessen versuchte ich, mich dem Geschehen anzuvertrauen: dem Wind, der Unruhe, dem Unplanbaren.

    Wir übten drinnen, improvisierten, lachten über den Lärm draußen. Ich spürte, wie mit jedem Tag mehr Weichheit in mir entstand. Kein heroisches „Ich trotze dem Sturm“, sondern eher ein inneres „Ich tanze mit dem Sturm“.

    Geschehen lassen – der natürliche Fluss

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist alles in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist. Wind ist Veränderung. Er ist manchmal mild, manchmal heftig, aber immer eine Einladung, flexibel zu bleiben. Ich begann, diesen Wind nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als Lehrer. Er erinnerte mich daran, dass ich nicht alles kontrollieren kann und muss.

    Loslassen heißt nicht, etwas wegzugeben, sondern es fließen zu lassen. Und manchmal bedeutet das einfach: sich hinsetzen, tief atmen und das, was gerade passiert geschehen lassen.

    Das Licht danach

    Erst nach der Woche, auf meiner Rückreise, riss der Himmel auf. Die Sonne brach durch, die Landschaft, durch die ich fuhr, zeigte ihre liebliche Seite. Das Licht war wieder da, sowohl draußen als auch in mir. Nicht, weil der Sturm vorbei war, sondern weil ich aufgehört hatte, gegen ihn anzukämpfen. Und auf einmal fühlte sich mein Herz so voll an, als wollte es überlaufen.

    Fazit: Mit dem Wind gehen

    Diese Woche auf Borkum hat mich erinnert, dass Leichtigkeit nicht entsteht, wenn alles ruhig ist, sondern wenn wir bereit sind, uns im Unruhigen zu entspannen. Loslassen, geschehen lassen, Leichtigkeit finden. Das ist kein Ziel, sondern eine Haltung.

    Vielleicht ist das die Essenz von Qigong und vom Leben selbst: Nicht starr zu werden, wenn der Wind weht, sondern mitzuschwingen. Nicht alles festhalten zu wollen, sondern dem Wandel zu vertrauen. Denn das Licht ist immer da, manchmal nur verborgen hinter den Wolken.

    Wie Qigong uns dabei unterstützt

    Qigong lehrt uns, in Bewegung und in Ruhe gleichermaßen präsent zu bleiben. Mit jedem Atemzug, mit jeder sanften Bewegung erinnern wir unseren Körper daran, dass Leichtigkeit nicht von außen kommt, sondern aus dem freien Fluss des Qi entsteht. Wenn wir üben, weich zu bleiben, wie etwa die Äste einer Weide, lernen wir, mit den Stürmen des Lebens zu wachsen, statt ihnen zu widerstehen.

    So wird Loslassen zu einer Quelle von Kraft. Und vielleicht ist genau das die wahre Leichtigkeit: nicht die Abwesenheit des Windes, sondern die Fähigkeit, mit ihm zu tanzen.

  • Loslassen

    Die Kunst des Wandels in der TCM und im Qigong

    Herbstzeit – Zeit zum Loslassen

    Der Herbst ist die Zeit des Loslassens. Die Natur zeigt uns jedes Jahr aufs Neue ganz selbstverständlich , wie Wandlung aussieht . Die Blätter verfärben sich, lösen sich vom Baum, und nichts daran ist traurig. Es ist einfach der Lauf der Dinge.

    Auch für mich persönlich ist in diesem Herbst Loslassen das große Thema. Wir geben das Pachtgrundstück auf, das ich zu Coronazeiten gepachtet hatte, um dort im Freien weiter Kurse geben zu dürfen. Fünf Jahre lang haben wir diesen Ort mit Leben gefüllt: Bäume gepflanzt, Früchte geerntet, gemeinsam geübt, gelacht und viele Sonnenuntergänge genossen.

    Dieses Stück Erde war für mich mehr als nur ein Platz. Es war ein Ort des Wachstums, der Begegnung und der Verbindung mit der Natur. Und doch spüre ich: Jetzt ist es Zeit, loszulassen.

    In meinen Kursen und Workshops höre ich von neun von zehn Teilnehmenden, dass ihnen das Loslassen schwerfällt. Das hätte ich vor zehn Jahren genauso gesagt. Damals klang Loslassen für mich nach Verlust, nach Aufgabe, nach Ende. Heute erkenne ich: Loslassen ist Teil des Wandels und Wandlung ist Leben.

    Der Herbst in der TCM – Zeit des Metalls und der Klarheit

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Herbst dem Metall-Element zugeordnet. Es steht für Klarheit, Struktur und das Loslassen von Überflüssigem. So wie die Natur sich jetzt zurückzieht und Ballast abwirft, dürfen auch wir innerlich Ordnung schaffen und loslassen, was nicht mehr zu uns gehört – alte Muster, Erwartungen oder Verpflichtungen.

    Das Metall-Element ist eng verbunden mit der Lunge und dem Dickdarm – zwei Organe, die das Ein- und Ausatmen, das Aufnehmen und Abgeben verkörpern. Wenn wir nicht loslassen, staut sich Energie. Wenn wir zu sehr festhalten, kann das die Energie des Metalls schwächen und uns traurig oder eng machen.

    Im Qigong üben wir genau das: den Wandel zuzulassen. Mit jedem Atemzug nehmen wir Neues auf und geben Altes ab. So entsteht Harmonie zwischen Innen und Außen, Körper und Geist, Mensch und Natur.

    Loslassen als Bewegung – nicht als Verlust

    Loslassen ist kein passives Geschehen, sondern eine bewusste Bewegung – sanft, aber kraftvoll. Es bedeutet, Vertrauen zu haben: dass das, was gehen darf, seinen Sinn erfüllt hat, und dass Neues entstehen kann.

    Die Natur hält sich nicht am Sommer fest. Sie folgt ihrem Rhythmus, ihrem tiefen Wissen um den Wandel. Wenn wir uns darauf einlassen, spüren wir, dass Loslassen nicht Verlust bedeutet, sondern Befreiung.

    Loslassen ist die Voraussetzung für Neubeginn. So wie jeder Herbst den Samen für den nächsten Frühling in sich trägt, so trägt auch jedes Loslassen den Keim für etwas Neues.

    Loslassen lernen – Schritt für Schritt

    Loslassen fällt uns oft schwer, weil es mit Emotionen wie Trauer oder Angst verbunden ist. Doch wir können lernen, die Perspektive zu verändern: weg vom Verlust, hin zur Leichtigkeit.

    Diese Fragen können dir helfen:

    • Was darf jetzt gehen, damit Platz entsteht für Neues?
    • Was halte ich fest, obwohl es mich mehr kostet als nährt?
    • Und: Was könnte leichter werden, wenn ich loslasse?

    Wenn wir den positiven Aspekt des Loslassens in den Mittelpunkt stellen, wird es zu einem Akt der Selbstfürsorge.
    Loslassen bedeutet dann nicht, etwas aufzugeben, sondern uns selbst Raum zu schenken.

    Fazit: Der Atem des Lebens

    In der TCM und im Qigong ist der Atem Symbol für das Leben selbst: ein ständiges Kommen und Gehen, ein rhythmischer Wechsel von Aufnehmen und Abgeben.

    Loslassen ist kein Ende. Es ist ein Atemzug des Lebens.
    So wie die Natur sich wandelt, dürfen auch wir im Wandel wachsen.

  • Die 8 Bagua als Helfer im bewussten Leben

    Wir alle sehnen uns nach Orientierung, nach einem inneren Kompass, der uns durch die Herausforderungen des Lebens leitet. In der daoistischen Philosophie gibt es ein uraltes Werkzeug, das genau dabei helfen kann: die 8 Bagua. Sie sind mehr als nur ein Bestandteil des Feng Shui oder hübsche Symbole auf einem Kompass – sie sind Ausdruck von Lebensprinzipien, innerer Dynamik und universeller Ordnung.

    Die Bagua stammen aus dem I Ging (Buch der Wandlungen) und symbolisieren grundlegende Kräfte des Lebens. Sie können uns dabei unterstützen, die Welt und unser eigenes Leben besser zu verstehen – und bewusster zu gestalten.

    Was sind die Bagua?

    Die Bagua (auch: Ba Gua) sind acht archetypische Wandlungsbilder oder Lebensaspekte. Sie setzen sich jeweils aus drei durchgezogenen oder unterbrochenen Linien (Trigrammen) zusammen. Diese Linien stehen für Yang (durchgezogen) und Yin (unterbrochen) – die beiden Grundprinzipien der daoistischen Weltanschauung. Aus ihrer Kombination entstehen acht Trigramme, die jeweils für einen bestimmten Lebensbereich, eine Naturkraft und einen inneren Zustand stehen.

    In ihrer Gesamtheit bilden sie eine Art Landkarte des Lebens – innerlich wie äußerlich. Sie laden uns ein, in Balance zu kommen und bewusst mit den natürlichen Zyklen und Qualitäten des Lebens umzugehen.

    Die 8 Bagua im Überblick

    Hier eine kurze charakterisierende Beschreibung jedes Trigramms – verbunden mit einer Einladung zur Reflexion und Anwendung im Alltag:

     Qian – Der Himmel

    Bedeutung: Schöpferkraft, Führung, Durchsetzung, Vaterprinzip
    Element: Himmel
    Qualität: Yang pur – aktiv, initiierend, kraftvoll
    Impuls: Wo kann ich Verantwortung übernehmen und bewusst gestalten? Wo lebe ich meine schöpferische Kraft?

     Dui – Der See

    Bedeutung: Freude, Kommunikation, Offenheit, jugendliche Leichtigkeit
    Element: See
    Qualität: Heiter, inspirierend, verbindend
    Impuls: Wo darf mehr Leichtigkeit in mein Leben kommen? Wo kann ich mehr Freude zulassen?

     Li – Das Feuer

    Bedeutung: Klarheit, Erkenntnis, Leidenschaft, Vision
    Element: Feuer
    Qualität: Leuchtend, durchdringend, bewegend
    Impuls: Was entfacht mein inneres Feuer? Wo wünsche ich mir mehr Klarheit?

     Zhen – Der Donner

    Bedeutung: Neubeginn, Veränderung, Impuls, Aufbruch
    Element: Donner
    Qualität: Plötzlich, kraftvoll, erschütternd
    Impuls: Wo bin ich zu sehr in der Komfortzone? Wo wartet ein Neuanfang auf mich?

     Xun – Der Wind

    Bedeutung: Sanfte Durchdringung, Einfluss, Weisheit, Flexibilität
    Element: Wind
    Qualität: Still und stetig wirkend, tief
    Impuls: Wo kann ich sanfter, aber beharrlich wirken? Wo wünsche ich mir mehr Tiefe?

     Kan – Das Wasser

    Bedeutung: Tiefe Gefühle, Intuition, Krise, Wandlung
    Element: Wasser
    Qualität: Fließend, geheimnisvoll, durchdringend
    Impuls: Welche Ängste oder Unsicherheiten darf ich anschauen? Was will durchflossen werden?

     Gen – Der Berg

    Bedeutung: Ruhe, Rückzug, Kontemplation, Grenze
    Element: Berg
    Qualität: Stabil, ruhig, bewahrend
    Impuls: Wo brauche ich mehr Rückzug und Klarheit? Wo darf ich eine Grenze setzen?

     Kun – Die Erde

    Bedeutung: Hingabe, Fürsorge, Empfang, Mutterprinzip
    Element: Erde
    Qualität: Yin pur – nährend, empfangend, tragend
    Impuls: Wo darf ich mich mehr hingeben? Was braucht Fürsorge – in mir oder im Außen?

    Die Bagua im Alltag leben

    Die Bagua sind keine abstrakten Konzepte, sondern kraftvolle Spiegel des Lebens. Du kannst sie ganz praktisch nutzen:

    Reflexion: Spüre regelmäßig in dich hinein. Welcher Lebensaspekt ruft gerade nach Aufmerksamkeit? Nutze die Bagua als Spiegel für deine innere Verfassung.

    Meditation: Nimm dir jeden Tag ein Trigramm und erforsche, wie es sich in deinem Leben zeigt. Was will gelebt werden? Was braucht Balance?

    Ein Weg zu mehr innerer Balance

    Die acht Bagua erinnern uns daran, dass das Leben aus unterschiedlichen Qualitäten besteht und dass jede davon ihren Platz hat. Es geht nicht darum, immer in Harmonie zu sein, sondern im Wandel bewusst zu leben. So, wie sich Tag und Nacht, Sonne und Regen, Aktivität und Ruhe abwechseln, so bewegen wir uns auch innerlich durch verschiedene Phasen und Themen.

    Die Bagua können dabei zu einem liebevollen Wegweiser werden und uns lehren, bewusster, weiser und verbundener mit dem großen Ganzen zu leben.

    Für die Kurse im Energieraum habe ich zu jedem der Bagua Meditationen geschrieben, die ich nach und nach in die Kurse und Workshops einbinde. Damit möchte ich dabei unterstützen, einen Zugang zu diesem alten Wissen der Daoisten zu finden.

  • Akzeptanz

    Wir alle gehen mit einer gewissen Erwartungshaltung durchs Leben, wie es für uns zu laufen hat. Diese Erwartungshaltung wird jedoch zwangsläufig von der Realität nicht immer erfüllt. Es gibt Dinge, Verhalten, Menschen, Schicksalsschläge, die uns nicht gefallen. Unsere spontane Reaktion ist meist Abwehr: „Ich will das nicht!“ „Das ist doch nicht richtig!“, „Das darf so nicht sein!“ Häufig können wir jedoch diese Situationen, das Verhalten anderer Menschen oder bestimmte Zustände nicht ändern. Wir streiten also in diesen Momenten mit der Realität. Zurzeit erlebe ich viele unzufriedene Menschen. Der Frühling war verregnet und immer noch ist kein schönes und trockenes Wetter in Sicht. Wetter – Ein Fakt, auf den wir definitiv keinen Einfluss haben.

    Kraftraubender Kampf

    Streit kostet Kraft und tut uns nicht gut. Und wenn es sich um unabänderliche Dinge handelt, vergeuden wir unsere Kraft in einem Kampf, den wir nicht gewinnen können.

    Dabei verkrampfen und verspannen wir und fügen uns so weitere negative Empfindungen zu. Wir sind damit beschäftigt, in den Widerstand und die Abwehr zu gehen, anstatt zu lernen, wie wir mit der Krise umgehen können.

    Akzeptanz bedeutet, unveränderbare Zustände so anzunehmen, wie sie sind, statt gegen sie anzukämpfen.

    Dabei sollte Akzeptanz keineswegs mit Passivität verwechselt werden, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Statt in einem aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen anzukämpfen, nehmen wir mit bewusster Akzeptanz unser Schicksal aktiv in die Hand. Akzeptanz ist eine aktive Handlung, mit der wir uns bewusst von fruchtlosem Widerstand lösen und Themen bewusst loslassen, um Kraft für wirksame Handlungen zu bewahren.

    Bewusste Akzeptanz ist entspannend und heilsam für Körper und Seele und sorgt für inneren Frieden. Sie hilft dabei, dem Fluss des Lebens zu vertrauen.

    Gefühle annehmen

    Das Akzeptieren einer Situation heißt auch, dass wir alle Gefühle, die aufgrund der Situation in uns aufsteigen, annehmen. Mit den Gefühlen ist es genau so, wie mit aufmerksamkeitsbedürftigen Kindern! Je mehr wir sie ignorieren, umso quengeliger und präsenter werden sie. Drängen wir sie weg, tut es ihnen nicht gut und sie werden immer lauter und lauter, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Genauso verhält es sich mit den Gefühlen. Verdrängte Gefühle können uns beherrschen und überwältigen

    Das Leben hält immer wieder unvorhersehbare Ereignisse für uns bereit, die uns nicht gefallen. Eine akzeptierende Grundhaltung hilft dabei, mit dem Unabänderlichen umzugehen und macht so das Leben leichter.

    Die Akzeptanz bewahrt uns nicht vor den Tiefschlägen des Lebens, aber sie lässt uns leichter damit zurechtkommen.

    Körperlicher Bezug

    In der TCM ist das Thema Akzeptanz im Funktionskreis Lunge/Dickdarm angesiedelt. Die Lunge steht auf der seelischen Ebene für das vorbehaltlose Ja zum Leben und damit zu allem im Leben, ob es uns gefällt oder nicht. Der Dickdarm hingegen steht für das mutige und deutliche Nein. Beide Organe stehen für das Loslassen. Die Lunge für das Loslassen von Zweifeln und Kämpfen, der Dickdarm für das Loslassen von allem, was nicht guttut.

    Die Atmung spielt somit eine besonders große Rolle, wenn wir uns mit dem Thema Akzeptanz auseinandersetzen. Oft sind auch Symptome der Lunge und des Dickdarms zu beobachten, wenn man sich besonders schwertut, zu akzeptieren.

    Symptome der LungeSymptome des Dickdarms
    InfektanfälligkeitVerdauungsprobleme
    MüdigkeitNase/Nebenhöhlen verstopft
    AntriebslosigkeitNacken- und Schulterprobleme
    Zukunftsangst 
    Depressive Verstimmungen 
    Verspannungen in Schulter und Nacken 

    Eine akzeptierende Grundhaltung ist erlernbar. Meditationen können dabei unterstützen, ebenso wie regelmäßige Entspannungsübungen und bewusstes Atmen.