Manchmal kommt Fülle nicht leise und hübsch verpackt daher. Manchmal hängt sie kiloweise am Mirabellenbaum.
Und dann stehen wir davor und denken nicht als Erstes: Wie wunderbar. Sondern eher: Oh wei. So viele. Was mache ich denn jetzt damit? Wann soll ich das alles schaffen?
Genau da war ich in den letzten Tagen.
Erst hatte ich Sorge, weil der Sommer so trocken ist. Wir haben die Mirabellen gewässert, den Trauben beim Reifen zugesehen und zwischendurch befürchtet, sie würden uns noch als Rosinen am Stock enden.
Und dann plötzlich: Fülle.
Mehr Mirabellen, als wir mal eben essen können. Trauben in einer Menge, die schon jetzt zum täglichen Naschen einlädt. Die Äpfel sind ebenfalls bald dran.
Und die Feigen?
Die hängen schon da. Viele sogar. Aber sie sind noch längst nicht reif. Sie brauchen noch Zeit.
Heute, am zweiten Mirabellen Kampftag in Folge, saß ich mit meinem Mann da und entsteinte eine Mirabelle nach der anderen.
Und irgendwann geschah etwas Merkwürdiges.
Aus dem Gedanken Das ist so viel Arbeit wurde ein ganz anderer:
Wie schön ist das eigentlich?
Wie befriedigend ist es, diese Fülle annehmen zu können.
Wenn aus „zu viel“ plötzlich Fülle wird
Nicht, weil das Entsteinen plötzlich weniger Arbeit gewesen wäre. Nicht weil wir es toll finden, klebrige Finger zu haben und einen wunden Daumen vom Steinpulen. Sondern weil mir bewusst wurde: Genau jetzt ist die Zeit dafür.
Die Mirabellen sind jetzt reif. Nicht nächste Woche. Nicht dann, wenn es besser in meinen Kalender passt. Jetzt.
Und plötzlich war da dieses Gefühl, mit der Natur zu gehen, statt gegen sie.
Mit der Natur gehen
Genau darin liegt für mich etwas sehr Daoistisches.
Der Daoismus lädt uns nicht dazu ein, das Leben ständig in eine von uns vorgegebene Form zu zwingen. Er erinnert uns vielmehr daran, wahrzunehmen, was gerade ist, welche Bewegung sich zeigt und wohin das Leben von selbst fließen möchte.
Die Natur kennt keine Eile und trotzdem verpasst sie ihren Moment nicht.
Eine Frucht reift, wenn ihre Zeit gekommen ist. Ein Blatt fällt, wenn es sich lösen darf. Ein Samen ruht, bis die Bedingungen stimmen.
Und auch die Feige lässt sich nicht beeindrucken davon, dass ihre Nachbarn längst geerntet werden.
Die Mirabellen sind jetzt reif. Die Trauben auch. Die Äpfel folgen.
Die Feigen brauchen noch ein oder zwei Monate.
Sie hängen bereits am Baum. Alles ist angelegt. Sie wachsen, sie verändern sich, sie werden irgendwann weich und süß sein.
Aber heute noch nicht.
Und auch das ist vollkommen richtig.Nichts davon fragt nach unserem Terminkalender. Nichts davon muss gedrängt werden.
Im Daoismus begegnet uns dafür der Gedanke des Wu Wei. Oft wird er mit Nichttun übersetzt, aber für mich trifft das nicht wirklich den Kern. Wu Wei bedeutet nicht, untätig daneben zu sitzen. Es bedeutet vielmehr, so zu handeln, dass das eigene Tun mit dem natürlichen Verlauf übereinstimmt.
Nicht gegen den Strom arbeiten. Nicht an etwas ziehen, das noch nicht reif ist.
Aber auch nicht den Moment verpassen, wenn die Zeit gekommen ist.
Die Mirabelle wird nicht schneller reif, weil ich heute Zeit hätte. Und sie wartet auch nicht unbegrenzt, nur weil es mir nächste Woche besser passen würde. Und die Feige wird nicht dadurch reif, dass ich ungeduldig auf sie schaue.
Es gibt einen Moment, in dem etwas bereit ist.
Und dann ist Tun keine Anstrengung gegen das Leben mehr, sondern ein Mitgehen mit ihm.
Alles zu seiner Zeit
Vielleicht ist das gerade das Schönste an unserem Garten.
Er schenkt nicht alles auf einmal. Jetzt sind es die Mirabellen.
Wir naschen die Trauben direkt vom Stock und bald werden auch sie in größeren Mengen verarbeitet.
Die Äpfel kommen danach.
Und wenn Mirabellen, Trauben und Äpfel längst ihren Weg in Gläser, Kuchen, Gefrierschrank und unsere Bäuche gefunden haben, werden irgendwann die Feigen weich und süß sein.
Alles zu seiner Zeit. Nicht alles gleichzeitig. Nicht alles sofort. Nicht alles nach Plan.
Und trotzdem ist die Fülle längst da.
Vielleicht ist genau das eine der schlichtesten Formen des Dao. Zu erkennen, was jetzt dran ist. Nicht zu früh zu ziehen und nicht zu spät festzuhalten.
Auch in uns gibt es Fülle
Und ich glaube, dass das bei uns Menschen ganz ähnlich ist.
Auch in uns gibt es Fülle. Ideen. Kreativität. Fähigkeiten. Wünsche. Entwicklungen, die vielleicht schon lange in uns liegen. Aber nicht alles will sofort umgesetzt werden.
Manches ist wie die Mirabelle.
Es ist reif. Es will jetzt gepflückt, verarbeitet, gelebt und in die Welt gebracht werden.
Und manches ist wie die Feige. Es ist längst da. Wir können es vielleicht schon deutlich erkennen. Wir wissen, dass etwas daraus entstehen wird.
Aber seine Zeit ist noch nicht gekommen. Das macht es nicht weniger wertvoll. Es ist nicht unfertig im Sinne von falsch. Es reift.
Manchmal braucht etwas Ruhe. Manchmal braucht es Erfahrungen. Manchmal muss sich etwas sortieren oder einfach noch eine Weile wachsen.
Und dann gibt es diese anderen Momente. Momente, in denen plötzlich etwas in Bewegung kommt.
Gedanken fließen. Ideen entstehen. Dinge, die lange nur im Hintergrund da waren, wollen auf einmal Wirklichkeit werden.
Wenn der Moment da ist
Vielleicht besteht unsere Aufgabe dann gar nicht darin, noch mehr zu planen oder noch mehr zu kontrollieren.
Vielleicht dürfen wir einfach erkennen: Jetzt ist die Zeit.
Die Arme ausbreiten. Die Fülle willkommen heißen. Und beginnen, mit ihr zu arbeiten.
So wie mit einem Baum voller Mirabellen.
Nicht jede Frucht muss heute gegessen werden. Manches wird zu Konfitüre. Manches wandert in den Gefrierschrank. Manches wird Kuchen. Manches verschenkt man.
Und gleichzeitig darf etwas anderes einfach am Baum bleiben.
Noch wachsen. Noch reifen. Noch Zeit haben.
Aber zuerst muss ich bereit sein, überhaupt zu sehen, was da ist.
Fülle heißt nicht immer mehr
Vielleicht bedeutet Fülle deshalb gar nicht, immer mehr haben zu wollen.
Vielleicht bedeutet Fülle vielmehr, das annehmen zu können, was das Leben gerade in unsere Hände legt.
Und genauso anzunehmen, dass manches noch nicht in unsere Hände gehört.
Ohne es kleiner zu machen. Ohne es sofort wegzuorganisieren. Ohne schon wieder beim Nächsten zu sein.
Sondern wahrzunehmen: Das ist jetzt da. Das darf jetzt sein. Das hier ist reif. Und das dort darf noch wachsen.
Darin steckt der daoistische Gedanken!
Nicht ständig mehr zu wollen und auch nicht alles gleichzeitig zur Reife zwingen zu wollen. Sondern im richtigen Moment ganz bei dem zu sein, was sich zeigt.
Mitgehen. Annehmen. Warten können. Und handeln, wenn die Zeit reif ist.
