Schlagwort: dao

  • Wenn das Leben scheinbar aus dem Ruder läuft

    Das Leben stellt uns immer wieder vor Situationen, die wir nicht steuern können. Entwicklungen, die kommen, ob wir bereit sind oder nicht. Veränderungen, die sich unserem Wunsch nach Sicherheit entziehen. Manchmal sind es große Einschnitte, manchmal scheinbar banale Dinge wie das Wetter.

    Ein Ereignis, viele Wirklichkeiten

    Ein Wintereinbruch mit Glatteis. Warnungen sprechen von einer Unwetterkatastrophe und von Gefahr für Leib und Leben. Und sofort zeigen sich ganz unterschiedliche Reaktionen.
    Die einen sagen gelassen oder genervt: vollkommen übertrieben, es ist halt Winter.
    Andere sind froh über die Vorsicht, über Hinweise und Empfehlungen, und fühlen sich dadurch sicherer.
    Wieder andere werden sehr ängstlich, sagen Termine ab, bleiben lieber zu Hause und hoffen, dass alles schnell vorübergeht.

    Das Ereignis ist für alle gleich. Das Erleben ist es nicht.

    Wenn andere anders reagieren als wir

    Was oft noch dazukommt, ist etwas sehr Menschliches. Wir fühlen uns schnell angegriffen, wenn andere ganz anders reagieren als wir selbst. Wer die Warnungen ernst nimmt, versteht nicht, wie man das auf die leichte Schulter nehmen kann. Wer gelassen bleibt, fühlt sich bevormundet. Und wer Angst hat, wünscht sich, die anderen würden bitte endlich auch erkennen, wie gefährlich das alles ist.

    Plötzlich geht es nicht mehr nur um Eis und Wetter, sondern darum, recht zu haben. Oder verstanden zu werden. Oder darum, die eigene Sichtweise bestätigt zu bekommen.

    Der Wunsch nach Kontrolle und seine Grenzen

    Das Leben fordert uns nicht nur durch das, was geschieht, sondern auch durch die Art, wie wir darauf reagieren und wie wir mit den Reaktionen der anderen umgehen. Wir sind es gewohnt zu glauben, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet. Wenn alle die Dinge so sehen würden wie wir, dann wäre die Welt doch schon viel übersichtlicher. Leider oder vielleicht auch zum Glück funktioniert das nicht.

    Die daoistische Sicht auf Wandel

    Daoistisch betrachtet ist das Leben ständiger Wandel. Alles ist in Bewegung, nichts bleibt, wie es ist. Das Dao folgt keinem Plan, den wir verstehen oder beeinflussen könnten. Es geschieht. Und jeder Mensch begegnet diesem Geschehen aus seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Ängsten und seinem Vertrauen heraus.

    Qigong als Einladung zur inneren Klärung

    Qigong lädt uns ein, einen Schritt zurückzutreten. Nicht weil wir gleichgültig sind, sondern achtsam. Wenn wir unseren Körper spüren, den Atem, die innere Bewegung, dann erkennen wir klarer, was wirklich im Außen liegt und was in uns entsteht.

    Weich bleiben, ohne sich zu verlieren

    Qigong bedeutet nicht, dass wir alles gut finden oder alles hinnehmen müssen. Es bedeutet, in Beziehung zu gehen mit dem, was ist. Flexibel zu bleiben, ohne uns zu verlieren. Standfest zu sein, ohne hart zu werden. Wie Wasser, das fließt, Umwege nimmt und trotzdem seinen Weg findet.

    Weniger kämpfen, mehr atmen

    Die Haltung des Dao macht das Leben nicht einfacher, indem sie Herausforderungen verschwinden lässt. Sie macht es leichter, weil wir weniger gegen das ankämpfen, was wir ohnehin nicht ändern können. Wenn wir aufhören, das Leben und die anderen Menschen ständig überzeugen zu wollen, entsteht etwas Entlastendes.

    Eine leise Vereinfachung des Lebens

    Vielleicht ist das die eigentliche Vereinfachung. Nicht weniger Herausforderungen, sondern mehr Gelassenheit im Umgang mit ihnen. Nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Vertrauen. Und manchmal beginnt all das ganz unscheinbar. Mit einer Übung. Mit einem Atemzug. Oder mit der Erkenntnis, dass wir nicht alle das Gleiche denken müssen, um gemeinsam durchs Leben zu gehen.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.

  • Wenn die Tage kürzer werden: Licht finden in der stillen Zeit

    Wie wir mit der Qualität des Winters und der Kraft achtsamer Kommunikation innere Wärme und Verbundenheit bewahren

    Wenn die Tage kürzer werden

    Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit dehnt sich aus. Für viele Menschen ist das eine Herausforderung. Der Körper reagiert auf weniger Licht, der Geist sehnt sich nach Wärme und Lebendigkeit. Die Natur zieht sich zurück und wir spüren diesen Impuls in uns ebenso deutlich wie die Tiere und Bäume um uns herum.

    Im Jahreskreis von Qigong und chinesischer Medizin hat diese Zeit eine besondere Bedeutung. Sie lädt uns ein, innezuhalten und die feinen Zwischentöne unseres eigenen Lebensrhythmus zu hören.

    Die chinesischen Jahreszeiten und der Rhythmus von Yin und Yang

    Während wir im Westen vor allem in vier Jahreszeiten denken, kennt die traditionelle chinesische Medizin einen differenzierteren Zyklus. Hier entstehen fünf Phasen mit klar erkennbaren energetischen Qualitäten: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Zugleich wird betont, dass jede Jahreszeit eine Übergangszeit besitzt, die sogenannte Dojo-Phase, die dem Element Erde zugeordnet ist.

    In diesem System beginnt der Winter nicht erst mit dem kürzesten Tag des Jahres. Die Wintersonnenwende ist vielmehr die Mitte und der Höhepunkt des Winters.
    Sie markiert die tiefste Yin-Phase. Es ist der Moment größter Ruhe und Verdichtung, eine Zeit, in der die Natur nahezu unsichtbar atmet und im Inneren Kraft sammelt.

    Der Winter beginnt bereits 36 Tage vor dieser tiefsten Dunkelheit. Die Energie zieht sich nach innen zurück, die Tage wirken schwerer und der Körper meldet ein wachsendes Bedürfnis nach Rückzug.

    36 Tage nach der Sonnenwende öffnet sich die Dojo-Phase. Sie dauert 18 Tage und ist eine Erdzeit voller Vorbereitung, Klärung und Stillwerden. Danach beginnt der Frühling, also die Holzphase, deren Mitte wiederum die Tagundnachtgleiche bildet. Der Aufbruch beginnt also lange vor dem sichtbaren Zeichen der Gleichheit von Tag und Nacht.

    Dieses zeitliche Verständnis macht sichtbar, wie feinfühlig die chinesische Naturbeobachtung ist. Alles verläuft in Wellen und Übergängen. Kein Anfang fällt aus dem Himmel, kein Ende stürzt plötzlich ein. Die Natur achtet die Stufen. Und wir können lernen, unsere eigenen Übergänge ebenso achtsam zu begleiten.

    Die Qualität des Winters und des Elements Wasser

    Im Qigong ist der Winter dem Element Wasser zugeordnet. Wasser verkörpert Tiefe, Weisheit, innere Ruhe, Regeneration und die Fähigkeit, mit dem natürlichen Fluss des Lebens zu gehen.

    Das Wasser löst die Härte des Jahres in Stille auf. Es lehrt uns, loszulassen, langsamer zu werden und in der Ruhe Vertrauen zu finden.

    Der Winter ist nicht die Zeit des äußeren Erblühens. Er ist die Zeit, in der wir unsere Wurzeln nähren. Alles, was im Frühling wachsen soll, braucht jetzt Stille, Nahrung und innere Sammlung.

    Ein Blick in die Wissenschaft

    Auch die westliche Wissenschaft bestätigt diese Rhythmen.
    Weniger Tageslicht bedeutet, dass der Körper länger Melatonin bildet und gleichzeitig weniger Serotonin. Viele Menschen erleben dadurch Müdigkeit, weniger Antrieb oder eine gedämpfte Stimmung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine biologische Reaktion.

    Es hilft, sich nicht gegen diese Phase zu stemmen, sondern mit ihr zu gehen. Mehr Schlaf, mehr Pausen, mehr Wärme, mehr Nähe zu sich selbst. Selbstfürsorge ist in dieser Zeit keine Option, sondern ein natürlicher Bestandteil des Jahreszyklus.

    Winter und Kommunikation

    Auch unsere Kommunikation verändert sich im Winter. Während der Sommer oft extrovertiert und lebendig ist, lädt der Winter uns ein, mehr zuzuhören und weniger zu senden.

    Es ist eine Zeit der achtsamen Zwischentöne.
    Eine Zeit, in der wir innehalten, bevor wir reagieren.
    Eine Zeit, in der wir spüren dürfen, was ein Moment braucht, bevor wir ihn mit Worten füllen.

    Achtsame Kommunikation im Winter bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Stille nicht unangenehm ist, sondern nährt. Räume, in denen wir uns selbst hören, bevor wir sprechen. Räume, in denen Verbindung nicht nur durch Worte entsteht, sondern durch Präsenz.

    Ein Licht für jeden Tag

    Zum Abschluss ein kleiner Impuls, der dich sanft durch die dunkleren Wochen begleitet:

    Nimm dir jeden Abend etwas Lichtvolles für den kommenden Tag vor. Etwas, das Verbundenheit schafft und deinen Tag heller macht.

    Das kann ein kurzer Dank sein, ein bewusstes Lächeln, ein liebevoller Gedanke am Morgen, ein Spaziergang im ersten Licht oder ein warmes Wort für jemanden, der dir begegnet.

    Je bewusster du diese kleine Flamme setzt, desto leichter fällt es, morgens aufzustehen, ganz gleich wie dunkel, neblig oder nass der Tag beginnt.

    Denn das Licht, das du suchst, wohnt längst in dir.

  • Den Stürmen des Lebens trotzen und Leichtigkeit im Loslassen finden

    Manchmal schickt uns das Leben genau das Wetter, das wir brauchen, auch wenn es ganz anders ist, als wir es uns vorgestellt hatten.
    Als ich vor Kurzem eine Woche Bildungsurlaub auf Borkum leitete, war alles sorgfältig geplant: Qigong am Strand, Atmung im Rhythmus der Wellen, die Kraft der Weite spüren. Doch kaum waren wir angekommen, fegte ein Sturm über die Insel. Orkanböen, peitschender Regen, aufgewühltes Meer.

    Qigong im Freien? Kaum denkbar. Statt sanfter Bewegungen in der Meeresbrise gab es drinnen eng zusammenrückende Menschen, tropfende Regenjacken und das Heulen des Windes in den Fenstern.

    Mein Widerstand

    Ich spürte, wie sich in mir Widerstand regte. Ich hatte ein Bild von Ruhe, Leichtigkeit und Bewegung in der Natur im Kopf und nun passte nichts davon. Ich wollte den Wind vertreiben, die Wolken auflösen, das Programm „retten“. Doch der Sturm ließ sich nicht beeindrucken.

    Irgendwann merkte ich: Das, was da draußen tobte, tobte auch in mir. Und genau das wollte gesehen werden.

    Loslassen heißt:  mich selbst nicht mehr festhalten

    Im Qigong üben wir, körperlich, geistig und emotional loszulassen. Es klingt leicht, doch in Momenten, in denen wir etwas anders haben wollen, zeigt sich, wie tief das Thema wirklich geht. Ich begann, meinen Plan, meine Vorstellungen, ja, auch meinen Perfektionismus loszulassen. Stattdessen versuchte ich, mich dem Geschehen anzuvertrauen: dem Wind, der Unruhe, dem Unplanbaren.

    Wir übten drinnen, improvisierten, lachten über den Lärm draußen. Ich spürte, wie mit jedem Tag mehr Weichheit in mir entstand. Kein heroisches „Ich trotze dem Sturm“, sondern eher ein inneres „Ich tanze mit dem Sturm“.

    Geschehen lassen – der natürliche Fluss

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist alles in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist. Wind ist Veränderung. Er ist manchmal mild, manchmal heftig, aber immer eine Einladung, flexibel zu bleiben. Ich begann, diesen Wind nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als Lehrer. Er erinnerte mich daran, dass ich nicht alles kontrollieren kann und muss.

    Loslassen heißt nicht, etwas wegzugeben, sondern es fließen zu lassen. Und manchmal bedeutet das einfach: sich hinsetzen, tief atmen und das, was gerade passiert geschehen lassen.

    Das Licht danach

    Erst nach der Woche, auf meiner Rückreise, riss der Himmel auf. Die Sonne brach durch, die Landschaft, durch die ich fuhr, zeigte ihre liebliche Seite. Das Licht war wieder da, sowohl draußen als auch in mir. Nicht, weil der Sturm vorbei war, sondern weil ich aufgehört hatte, gegen ihn anzukämpfen. Und auf einmal fühlte sich mein Herz so voll an, als wollte es überlaufen.

    Fazit: Mit dem Wind gehen

    Diese Woche auf Borkum hat mich erinnert, dass Leichtigkeit nicht entsteht, wenn alles ruhig ist, sondern wenn wir bereit sind, uns im Unruhigen zu entspannen. Loslassen, geschehen lassen, Leichtigkeit finden. Das ist kein Ziel, sondern eine Haltung.

    Vielleicht ist das die Essenz von Qigong und vom Leben selbst: Nicht starr zu werden, wenn der Wind weht, sondern mitzuschwingen. Nicht alles festhalten zu wollen, sondern dem Wandel zu vertrauen. Denn das Licht ist immer da, manchmal nur verborgen hinter den Wolken.

    Wie Qigong uns dabei unterstützt

    Qigong lehrt uns, in Bewegung und in Ruhe gleichermaßen präsent zu bleiben. Mit jedem Atemzug, mit jeder sanften Bewegung erinnern wir unseren Körper daran, dass Leichtigkeit nicht von außen kommt, sondern aus dem freien Fluss des Qi entsteht. Wenn wir üben, weich zu bleiben, wie etwa die Äste einer Weide, lernen wir, mit den Stürmen des Lebens zu wachsen, statt ihnen zu widerstehen.

    So wird Loslassen zu einer Quelle von Kraft. Und vielleicht ist genau das die wahre Leichtigkeit: nicht die Abwesenheit des Windes, sondern die Fähigkeit, mit ihm zu tanzen.

  • Loslassen

    Die Kunst des Wandels in der TCM und im Qigong

    Herbstzeit – Zeit zum Loslassen

    Der Herbst ist die Zeit des Loslassens. Die Natur zeigt uns jedes Jahr aufs Neue ganz selbstverständlich , wie Wandlung aussieht . Die Blätter verfärben sich, lösen sich vom Baum, und nichts daran ist traurig. Es ist einfach der Lauf der Dinge.

    Auch für mich persönlich ist in diesem Herbst Loslassen das große Thema. Wir geben das Pachtgrundstück auf, das ich zu Coronazeiten gepachtet hatte, um dort im Freien weiter Kurse geben zu dürfen. Fünf Jahre lang haben wir diesen Ort mit Leben gefüllt: Bäume gepflanzt, Früchte geerntet, gemeinsam geübt, gelacht und viele Sonnenuntergänge genossen.

    Dieses Stück Erde war für mich mehr als nur ein Platz. Es war ein Ort des Wachstums, der Begegnung und der Verbindung mit der Natur. Und doch spüre ich: Jetzt ist es Zeit, loszulassen.

    In meinen Kursen und Workshops höre ich von neun von zehn Teilnehmenden, dass ihnen das Loslassen schwerfällt. Das hätte ich vor zehn Jahren genauso gesagt. Damals klang Loslassen für mich nach Verlust, nach Aufgabe, nach Ende. Heute erkenne ich: Loslassen ist Teil des Wandels und Wandlung ist Leben.

    Der Herbst in der TCM – Zeit des Metalls und der Klarheit

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Herbst dem Metall-Element zugeordnet. Es steht für Klarheit, Struktur und das Loslassen von Überflüssigem. So wie die Natur sich jetzt zurückzieht und Ballast abwirft, dürfen auch wir innerlich Ordnung schaffen und loslassen, was nicht mehr zu uns gehört – alte Muster, Erwartungen oder Verpflichtungen.

    Das Metall-Element ist eng verbunden mit der Lunge und dem Dickdarm – zwei Organe, die das Ein- und Ausatmen, das Aufnehmen und Abgeben verkörpern. Wenn wir nicht loslassen, staut sich Energie. Wenn wir zu sehr festhalten, kann das die Energie des Metalls schwächen und uns traurig oder eng machen.

    Im Qigong üben wir genau das: den Wandel zuzulassen. Mit jedem Atemzug nehmen wir Neues auf und geben Altes ab. So entsteht Harmonie zwischen Innen und Außen, Körper und Geist, Mensch und Natur.

    Loslassen als Bewegung – nicht als Verlust

    Loslassen ist kein passives Geschehen, sondern eine bewusste Bewegung – sanft, aber kraftvoll. Es bedeutet, Vertrauen zu haben: dass das, was gehen darf, seinen Sinn erfüllt hat, und dass Neues entstehen kann.

    Die Natur hält sich nicht am Sommer fest. Sie folgt ihrem Rhythmus, ihrem tiefen Wissen um den Wandel. Wenn wir uns darauf einlassen, spüren wir, dass Loslassen nicht Verlust bedeutet, sondern Befreiung.

    Loslassen ist die Voraussetzung für Neubeginn. So wie jeder Herbst den Samen für den nächsten Frühling in sich trägt, so trägt auch jedes Loslassen den Keim für etwas Neues.

    Loslassen lernen – Schritt für Schritt

    Loslassen fällt uns oft schwer, weil es mit Emotionen wie Trauer oder Angst verbunden ist. Doch wir können lernen, die Perspektive zu verändern: weg vom Verlust, hin zur Leichtigkeit.

    Diese Fragen können dir helfen:

    • Was darf jetzt gehen, damit Platz entsteht für Neues?
    • Was halte ich fest, obwohl es mich mehr kostet als nährt?
    • Und: Was könnte leichter werden, wenn ich loslasse?

    Wenn wir den positiven Aspekt des Loslassens in den Mittelpunkt stellen, wird es zu einem Akt der Selbstfürsorge.
    Loslassen bedeutet dann nicht, etwas aufzugeben, sondern uns selbst Raum zu schenken.

    Fazit: Der Atem des Lebens

    In der TCM und im Qigong ist der Atem Symbol für das Leben selbst: ein ständiges Kommen und Gehen, ein rhythmischer Wechsel von Aufnehmen und Abgeben.

    Loslassen ist kein Ende. Es ist ein Atemzug des Lebens.
    So wie die Natur sich wandelt, dürfen auch wir im Wandel wachsen.

  • Wu Wei: Die Kunst des Nicht -Handelns

    Hast du alles unter Kontrolle oder fließt du schon? Wann war das letzte Mal, dass du alles Streben, alles Wollen einfach losgelassen hast und die Lösung wie von selbst zu dir kam? Erinnerst du dich an diesen Moment? Das war Wu wei, die Kunst des Nichthandelns.

    Was bedeutet Wu Wei?

    Wu Wei ist ein zentraler Begriff aus der taoistischen Philosophie und bedeutet wörtlich „Nicht-Handeln“ oder „Handeln ohne Zwang“. Dabei geht es nicht um Passivität oder Faulheit, sondern um ein natürliches, müheloses Handeln, das im Einklang mit der Welt und ihren natürlichen Prozessen steht. Wu Wei beschreibt eine Haltung, bei der man nicht gegen den Fluss der Dinge ankämpft, sondern mit dem natürlichen Rhythmus fließt. Es ist zu vergleichen mit dem Überlassen der Strömung, wenn man zu weit hinausgeschwommen ist. Kämpfe ich gegen den Sog an, ist meist alle Anstrengung vergebens, ich verbrauche meine Kraft und verliere letztlich. Lass ich mich jedoch mit der Strömung treiben, spare ich Kraft und komme aus der Situation heraus. Vielleicht erreiche ich das rettende Ufer an anderer Stelle als geplant, aber ich erreiche es.

    In der Praxis bedeutet Wu Wei, in Harmonie mit den Umständen zu agieren und sich der natürlichen Ordnung des Universums anzupassen. Es steht für das Loslassen von zwanghaftem Streben, Kontrolle und unnötigem Eingreifen, was oft zu größerem Erfolg und innerem Frieden führt.

    Die Lebensanschauung hinter Wu Wei

    Wu Wei ist fest im Taoismus verankert, einer chinesischen Philosophie und Spiritualität, die auf den Lehren von Laotze und seinem Werk, dem Tao Te King, basiert. Der Taoismus betont die Bedeutung des „Tao“, was so viel wie „Weg“ oder „Pfad“ bedeutet. Das Tao ist die allumfassende natürliche Ordnung des Universums, und Wu Wei ist der Schlüssel, um sich in dieser Ordnung mühelos zu bewegen.

    Alles hat nach dieser Philosophie seinen eigenen natürlichen Rhythmus, und wenn man versucht, diesen zu erzwingen oder zu kontrollieren, schafft man eher Chaos oder Widerstand. Wu Wei bedeutet, diesen Rhythmus zu erkennen und sich ihm anzupassen.

    Wu Wei lädt dazu ein, das eigene Ego und den Wunsch nach Kontrolle zu hinterfragen. Oft ist es unser Drang, alles zu kontrollieren, der Stress und Konflikte erzeugt. Wer nicht arbeitet, um bestimmte Hierarchiestufen zu erreichen, die das Ego sich wünscht, sondern die Arbeit um ihrer selbst willen tut, mag überrascht sein, wieviel Frieden und Zufriedenheit sich einstellen können.

    Die Überzeugung der Philosophie des Wu Wei ist, dass man durch weniger Anstrengung oft mehr erreichen kann. Ein Handeln, das im Einklang mit der Situation steht, führt oft zu besseren Ergebnissen als ein erzwungenes Vorgehen.

    Wu Wei ermutigt dazu, darauf zu vertrauen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sollen. Es lehrt Geduld und Akzeptanz (siehe auch Blogartikel zum Thema Akzeptanz).

    Achtsamkeit und Wu Wei

    Sich im Lebensprinzip des Wu Wei zu üben, führt automatisch auch zu einer achtsameren Lebensweise. Wer weniger plant, strebt und mit dem Kopf durch die Wand will, ist eher im Hier und jetzt, präsent und achtsam im gegenwärtigen Moment.

    Wie wende ich Wu Wei im Alltag an?

    Konzentriere dich immer auf eine Sache. Praktiziere weniger Multi Tasking und fokussiere dich mehr auf eine wichtige Sache.

    Gib deinen fruchtlosen Widerstand auf. Akzeptiere die Dinge, die du nicht ändern kannst und spare dir deine Kräfte für die Dinge, bei denen du etwas bewirken kannst und die dir Freude bereiten. (Artikel über Akzeptanz).

    Vertraue deinem Bauchgefühl und entscheide und handle intuitiv. Mit achtsamer Präsenz im Augenblick erkennst du Chancen besser, die sich dir bieten. Wenn du nicht permanent einem bestimmten Plan folgst und die Erreichung deiner Ziele im Blick hast, nimmst du viel besser wahr, welche Geschenke sich dir jenseits des geplanten Weges anbieten.

    Stell dir vor, wie ein Fluss fließt. Meist wählt er den Weg des geringsten Widerstands und fließt so durch die Landschaft, wie die Landschaft es ihm anbietet. Denk dabei auch an die Überschwemmungen der letzten Jahre. Insbesondere dort, wo Planung, Kontrolle und der menschliche Wille Flussbetten in andere Formen gezwungen hatte sind die Schäden durch die Überschwemmungen besonders schlimm ausgefallen.

    Leichter Leben mit Wu Wei

    Zusammengefasst kann uns ein Leben mit mehr Wu Wei zu weniger Stress und mehr innerer Ruhe verhelfen. Dem Fluss des Lebens zu vertrauen kann eine tiefere Verbindung zu unserem Umfeld und uns selbst verhelfen. Schließlich erwarten uns häufig bessere Ergebnisse mit weniger Planung und mehr Loslassen.

    Vertrauen in den Fluss des Lebens bedeutet, anzuerkennen, dass nicht jede Antwort sofort sichtbar und nicht jeder Weg sofort klar ist. Wenn wir loslassen, entstehen Räume für Lösungen und Wege, die wir uns nie hätten vorstellen können. Vertraue darauf, dass jede Strömung dich lehrt, wachsen lässt und näher zu deinem wahren Selbst führt. Probiere einmal im Alltag ein wenig mehr Wu Wei aus und lass mich bei Gelegenheit wissen, wie es sich für dich angefühlt hat.

    Wu wu wei, er wu bu wei (Durch Nichthandeln bleibt nichts ungetan)

    Wer im Forschen wandelt, nimmt täglich zu.
    Wer im SINNE wandelt, nimmt täglich ab.
    er verringert sein Tun und verringert es immer mehr,
    bis er Anlangt beim Nichts-Tun.
    Beim Nichts-Tun bleibt nichts ungetan.
    Das Reich erlangen kann man nur,
    wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.
    Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt, das Reich zu erlangen.
    (Laotze, Tao te king, Kap. 48)