Schlagwort: Achtsamkeit

  • Frieden beginnt bei dir

    Sanfter Umgang mit dir selbst als Akt der Selbstfürsorge

    In einer Zeit, in der Nachrichten uns täglich mit Konflikten, Unsicherheit und Sorgen konfrontieren, sehnen sich viele von uns nach Frieden. Wir wünschen uns Ruhe inmitten der Unruhe, Klarheit inmitten der Komplexität und ein Gefühl von Sicherheit, das nicht vom Weltgeschehen abhängt.

    Doch Frieden beginnt nicht erst draußen in der Welt. Er beginnt drinnen, bei uns selbst. In der Art, wie wir mit uns umgehen, wie wir uns selbst wahrnehmen und uns selbst begegnen – mit Freundlichkeit, Wertschätzung und einem Hauch Humor. Wenn wir lernen, inneren Frieden zu kultivieren, strahlt er nach außen und prägt unsere Begegnungen, Entscheidungen und Handlungen.

    Freundlichkeit nach innen ist kein Luxus

    Guter Umgang mit dir selbst ist keine Luxusdisziplin. Er ist die Basis für alles, was du in die Welt bringst. Für deine Präsenz, deine Klarheit und auch für deine Fähigkeit, dich sanft abzugrenzen. Im Qigong sagen wir, dass sich innere Haltung im Qi zeigt. Wenn der Umgang mit dir selbst hart ist, wird auch der Atem enger und der Körper hält mehr fest. Frieden beginnt dort, wo du weich wirst und wieder Raum entstehen darf.

    Wenn der innere Ton schärfer ist als nötig

    Viele von uns haben gelernt, freundlich zu sein. Geduldig. Verständig. Oft erstaunlich tolerant mit anderen. Und gleichzeitig erstaunlich streng mit sich selbst. Der innere Ton ist dann eher Ausbilder als Verbündeter. Mach schneller. Reiß dich zusammen. Das kannst du besser. Der Körper reagiert darauf sofort. Schultern heben sich, der Kiefer spannt, der Atem wird flacher. Wahrnehmen ist der erste Schritt zur Veränderung. Ohne Urteil, einfach mit neugieriger Präsenz.

    Sanfte Abgrenzung beginnt mit einem Ja zu dir

    Sanfte Abgrenzung beginnt genau hier. Nicht beim Nein zum anderen, sondern beim Ja zu dir. Im Qigong üben wir, das eigene Feld zu spüren. Wo endet mein Raum, wo beginnt der des anderen. Müde ist müde. Überfordert ist überfordert. Freude darf Freude sein, ohne gleich nützlich sein zu müssen. Wenn du dich selbst ernst nimmst, entsteht Abgrenzung ganz natürlich. Still, klar und ohne Kampf.

    Wertschätzung darf klar sein

    Ein wertschätzender Umgang mit dir selbst ist kein weichgespültes Schönreden. Er ist klar. Freundlich und wahrhaftig. Du darfst dir Grenzen zugestehen, ohne dich zu rechtfertigen. So wie eine Qigong Bewegung eine klare Form hat und gleichzeitig weich bleibt. Stabil in der Mitte, durchlässig nach außen. Diese Qualität darf auch dein innerer Dialog haben.

    Ein bisschen Humor entspannt das Qi

    Humor hilft dabei ungemein. Besonders dann, wenn du bemerkst, dass dein Kopf gerade wieder ein sehr engagiertes Verbesserungsgespräch mit dir führt. Ein inneres Lächeln, wie wir es aus dem Qigong kennen, löst Spannung schneller als jedes Argument. Ah ja, da bist du ja wieder. Nicht alles muss gelöst werden. Manches darf sich einfach im Atem ordnen.

    Ermutigung als nährende Kraft

    Ermutigung ist eine nährende Kraft. Nicht laut, nicht antreibend, sondern wie ein ruhiger Strom. Ich bin da. Ich höre dir zu. Wir gehen Schritt für Schritt. Diese Haltung reguliert dein Nervensystem und stärkt deine innere Mitte. Aus ihr wächst die Fähigkeit, dich auch im Außen sanft abzugrenzen. Klar, ruhig und verbunden.

    Frieden fängt im Körper an

    Wenn du beginnst, dir selbst mit mehr Toleranz und Herz zu begegnen, verändert sich etwas Grundlegendes. Dein Atem wird freier. Dein Stand sicherer. Deine Grenzen klarer. Frieden ist dann kein fernes Ideal mehr, sondern eine spürbare Qualität in deinem Alltag. Er beginnt dort, wo du aufhörst, gegen dich zu kämpfen, und anfängst, dich von innen heraus zu unterstützen

    Miniübung: In deiner Mitte ankommen

    Stell dich aufrecht hin oder setz dich bequem hin. Die Füße haben Kontakt zum Boden, der Scheitel ist leicht nach oben ausgerichtet. Nichts machen, nur ankommen.

    Lege eine Hand auf den Unterbauch, die andere auf den Brustraum oder lass beide Hände locker ruhen. Spüre den Atem, so wie er jetzt fließt. Nicht tiefer, nicht ruhiger. Einfach da.

    Mit dem nächsten Einatmen nimm innerlich wahr:
    „Ich bin hier.“
    Mit dem Ausatmen:
    „Ich darf Raum haben.“

    Stell dir vor, dein Atem weitet deinen inneren Raum sanft nach allen Seiten, wie ein Feld um dich herum, weich und klar zugleich.

    Bleib für drei ruhige Atemzüge in diesem Gefühl von Mitte und Weite. Wenn Gedanken auftauchen, lass sie vorbeiziehen wie Wolken. Ein inneres Lächeln darf helfen.

    Zum Abschluss nimm wahr: Was brauche ich jetzt? Ohne Antwort zu erzwingen. Dann öffne langsam die Augen oder richte dich neu aus und nimm diese Qualität von Klarheit und Freundlichkeit mit in deinen nächsten Schritt.

  • Impulse wahrnehmen – Zurück zur eigenen inneren Stimme

    Fühlst du dich manchmal von dir selbst entfernt, als würdest du dich nur noch durch den Alltag treiben lassen? Entscheidungen fallen schwer, Wünsche wirken fremd, und selbst das, was objektiv gut erscheint, fühlt sich leer an. Oft liegt das daran, dass die Verbindung zu deiner inneren Stimme leiser geworden ist.

    Impulse sind ein Schlüssel, um diesen Kontakt wieder zu spüren. Sie sind keine fertigen Lebenspläne, sondern leise Hinweise darauf, was stimmig ist und was nicht. Sie tauchen auf als feines Ja oder Nein, ein inneres Ziehen, ein Aufatmen oder ein Gefühl von Weite oder Rückzug. Impulse reagieren, bevor wir alles analysieren, während Gedanken erklären, planen und rechtfertigen.

    Was Impulse wirklich sind

    Impulse unterscheiden sich von Gedanken durch ihre unmittelbare Echtheit. Sie zeigen, was sich für dich richtig anfühlt, bevor Anpassung, Erwartungen oder alte Muster übernehmen. In der Hektik des Alltags werden sie leicht überhört. Doch wer ihnen zuhört, kann Schritt für Schritt wieder in Resonanz mit sich selbst kommen und seine eigene innere Wahrheit erleben.

    Innere Wahrheit ist kein Ziel, das man einmal erreicht. Sie zeigt sich immer wieder neu in kleinen Momenten, und Impulse sind die leisen Einladungen zu diesem Dialog mit dir selbst.

    Wege, Impulse wahrzunehmen

    Impulse im Alltag zu spüren, braucht vor allem Raum und Aufmerksamkeit. Qigong hat mir selbst geholfen, wieder Zugang zu meiner inneren Stimme zu finden. Die langsamen, bewussten Bewegungen lenken die Aufmerksamkeit auf den Körper, sodass kleine Regungen wahrnehmbar werden. Ein leichtes Ziehen, ein Aufatmen, eine Ausdehnung – Signale, die uns zeigen, was stimmig ist.

    Auch Meditation öffnet diesen Raum. In der Stille und in der bewussten Beobachtung von Atem und Körper wird das Denken leiser, und Impulse werden hörbar. Meditation bedeutet nicht Kontrolle, sondern Lauschhaltung: Beobachten, ohne zu bewerten, und zulassen, dass die innere Stimme sich meldet.

    Achtsame Kommunikation unterstützt die Verbindung zu dir selbst. Wer sich aufmerksam zuhört, Fragen stellt und innere Impulse registriert, entwickelt Vertrauen in seine Wahrnehmung. Ein Impuls muss nicht sofort umgesetzt werden; es reicht, ihn wahrzunehmen und anzuerkennen.

    Impulse im Alltag entdecken

    Besonders gut lassen sich Impulse in kleinen Übergängen erkennen: beim Gehen, Warten, beim Tee oder kurz vor dem Einschlafen. In diesen Momenten treten sie klarer hervor, weil sie nicht gegen Lärm und Hektik ansprechen müssen.

    Impulse zeigen sich häufig zuerst im Körper. Körperliche Empfindungen sind oft deutlicher wahrnehmbar als Gedanken oder Gefühle. Qigong lenkt den Fokus auf diese Empfindungen und schafft gleichzeitig Ruhe, um sie bewusst wahrzunehmen.

    Impulse wollen zunächst nur gehört werden. Einige bleiben als Erfahrung, andere wiederholen sich und werden klarer. Gerade bei größeren Entscheidungen kann es helfen, sie über mehrere Tage zu beobachten. Geduld ist ein wichtiger Teil des Prozesses und fördert das Vertrauen in die eigene innere Orientierung.

    Vertrauen in die eigene Stimme entwickeln

    Impulse ernst zu nehmen bedeutet nicht, impulsiv zu handeln. Es bedeutet, die eigene Wahrnehmung als wertvolle Informationsquelle anzuerkennen. Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Entscheidungen, sondern durch die Erfahrung, dass du dir selbst zuhören kannst.

    Qigong, Meditation und Achtsame Kommunikation wirken wie Brücken. Sie schaffen Raum, Ruhe und Aufmerksamkeit und erinnern daran, dass die innere Stimme immer da ist, selbst wenn sie lange überhört wurde. Wer Impulsen lauscht, sie spürt, benennt und beobachtet, entwickelt Schritt für Schritt ein feines Gespür für die eigene innere Wahrheit.

    Es ist ein leiser, stetiger Weg zurück zu dir selbst und oft genau der Weg, der sich am ehrlichsten anfühlt.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.

  • Grenzen ziehen, ohne sich abzugrenzen

    Wie Qigong und Achtsame Kommunikation uns zeigen, dass Nähe und Klarheit wunderbar zusammenpassen.

    Grenzen klingen oft nach Mauern, Schlussstrich oder Rückzug ins Schneckenhaus. In Wahrheit sind sie etwas ganz Natürliches. Die Neurowissenschaft spricht inzwischen davon, dass Grenzen vor allem ein Mechanismus der Selbstregulation sind. Unser Nervensystem prüft stetig, ob etwas stimmig ist und welche Form von Kontakt uns guttut. Grenzen trennen dabei nicht zwingend. Sie sorgen im besten Fall dafür, dass wir präsent, weich und ansprechbar bleiben.

    Qigong und Achtsame Kommunikation zeigen genau diesen Weg. Beide Traditionen lehren, dass Kontakt und Klarheit ein wunderbares Paar sind. Wer in sich ruht, kann offener auf andere zugehen. Und wer sich gut abgrenzt, muss nicht hart werden. Das ist eine gute Nachricht für alle, die befürchten, dass Grenzen automatisch als Ablehnung und Härte verstanden werden.

    Grenzen als Sensorfeld des Nervensystems

    Aus neurobiologischer Sicht arbeitet unser Körper wie ein hochsensibles Radar. Er spürt, was uns guttut und was zu viel ist. Wenn wir diesen inneren Signalen folgen, bleibt das autonome Nervensystem in Balance. Menschen mit einem regulierten Nervensystem können Nähe besser halten und echte Verbindung erleben.

    Das bedeutet: Eine Grenze ist kein Stoppschild. Sie ist eher eine Art Wellenbrecher. Sie hält den inneren Raum stabil und sorgt dafür, dass wir präsent bleiben, statt zu überfluten oder uns zu verlieren. So entsteht Kontakt auf Augenhöhe.

    Neurowissenschaftlich betrachtet ist spannend, dass das Setzen von Grenzen nicht nur eine Persönlichkeitseigenschaft ist. Es ist ein trainierbarer Prozess. Unser Gehirn baut durch Wiederholung neue Verknüpfungen auf. Das nennen Neurobiologen Neuroplastizität. Jedes klare Nein, das wir freundlich formulieren, stärkt die Bahnen für Selbstregulation. Jedes Mal, wenn wir innehalten und spüren, ob etwas zu uns passt, üben wir die Fähigkeit, stimmige Entscheidungen zu treffen. Grenzen setzen ist also kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist vielmehr wie ein Muskel, der mit sanfter Übung wächst und uns Schritt für Schritt sicherer in der Kommunikation mit uns selbst und anderen macht.

    Qigong betrachtet Grenzen als Energiefeld

    Im Qigong ist unser Schutz ein lebendiges Feld aus Qi (Energie). Es umgibt uns wie eine unsichtbare, weiche und elastische Schicht. Sie lässt Verbindung zu, schützt uns aber gleichzeitig im Kern.

    Ein gutes Qi-Feld ist flexibel und durchlässig. Wenn wir unser Qi gut pflegen und die innere Stabilität trainieren, entsteht automatisch ein Zustand entspannter Wachheit. Mithilfe dieser achtsamen Präsenz gelingt es uns besser, unseren eigenen Raum zu schützen. Der andere darf da sein. Wir auch.

    Wer Qigong praktiziert, lernt nicht nur den eigenen Raum bewusst zu spüren, sondern gleichzeitig die Räume der anderen zu respektieren. So werden Begegnungen möglich, die keine Sieger benötigen, sondern auf Augenhöhe stattfinden können.

    Grenzen mit Herz und Klarheit ausdrücken

    In der Achtsamen Kommunikation entsteht eine Grenze nicht erst, wenn wir etwas sagen. Sie beginnt viel früher und ist ein innerer Prozess, der überraschend nüchtern und alltagstauglich ist. Vier Schritte helfen dabei, präsent zu bleiben und gleichzeitig für sich zu sorgen. Am einfachsten lassen sich die Schritte anhand eines Beispiels erklären, das wir sicher alle kennen: „Jemand übt Kritik an uns, die wir als unberechtigt empfinden.“

    Schritt 1: Ich nehme den Moment wahr, in dem etwas in mir reagiert. Vielleicht zieht sich etwas zusammen, vielleicht entsteht ein kurzer Stich oder ein innerer Widerstand. Der Körper zeigt mir früher als der Verstand, ob mir etwas missfällt.

    Schritt 2: Bevor ich jetzt impulsiv reagiere, atme ich durch und unterziehe die Botschaft einem Realitätscheck. Ich frage mich: Ist das wahr? Hat der andere Recht? Habe ich einen Fehler gemacht? Oder meint der andere vielleicht in diesem Moment gar nicht mich, sondern überträgt etwas aus seiner eigenen Gefühlswelt auf mich?

    Dieser Schritt soll nicht der Entschuldigung oder Rechtfertigung des Geäußerten dienen, sondern ist ein Akt der Selbstreflektion und des Schutzes.

    Schritt 3: Wenn ich zu dem Schluss komme, dass die Kritik keine objektive Wahrheit wiedergibt, ziehe ich eine unsichtbare Grenze. Wenn ich merke, dass etwas nicht meiner Realität entspricht, lasse ich es draußen.

    Schritt 4: Erst mit Schritt 4 retten wir die Verbindung. Hier reagiere ich bewusst. Ich spreche erst dann, wenn ich klar bin. Und ich sende eine Botschaft aus, die den anderen nicht zurechtweist, aber klar zeigt, warum ich es anders sehe und mir einen anderen Umgang wünsche.  In dem oben genannten Kritikbeispiel kann das so etwas sein wie: „Das ist eine interessante Perspektive, ich sehe es so…“ – „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass…“  

    So wird Abgrenzung zu einem ruhigen inneren Vorgang, der die Verbindung nicht stört. Im Gegenteil. Er schafft Verlässlichkeit, weil wir nicht impulsiv reagieren, sondern aus Klarheit.

    Weiche Stabilität als gemeinsamer Nenner

    Hört man genauer hin, erzählen Neurowissenschaft, Qigong und Achtsame Kommunikation dieselbe Geschichte. Es geht um eine innere Verfassung, die man als weiche Stabilität beschreiben könnte. Nicht hart aber auch nicht weichgespült, sondern sanft und klar zugleich.

    Wenn wir unsere Grenzen kennen, können wir Verbindungen zulassen, ohne uns zu verlieren. Wenn wir in unserer Mitte stark sind, müssen wir uns nicht verteidigen. Und wenn wir uns ausdrücken können, ohne andere zu beschuldigen, entsteht Klarheit und Konsens.

    Qigong Übung für den Alltag

    Zwei kleine Übungen, um Abgrenzung weich, lebendig und wahrhaftig zu erleben.

    Die Lemniskate

    Die liegende Acht als weiches Mittel der Abgrenzung.

    Diese Übung verbindet Qigong, Achtsamkeit und das Flussprinzip. Die Lemniskate hilft dir, dich abzugrenzen, ohne Verbindungen zu unterbrechen. Sie lässt das Qi in einem kontinuierlichen Fluss kreisen und schenkt gleichzeitig einen Moment zum Prüfen: Was entspricht meiner inneren Wahrheit und was nicht?

    Schritt 1

    Stelle dich aufrecht hin. Die Hände ruhen vor dir, leicht angehoben, als würdest du etwas Unsichtbares halten.

    Schritt 2

    Beginne nun, mit beiden Händen eine liegende Acht in die Luft zu zeichnen. Ganz weich, ganz rund. Die Bewegung kommt aus dem Zentrum, nicht aus den Schultern.

    Schritt 3

    Lass die Acht größer oder kleiner werden, bis sie sich natürlich anfühlt. Spüre, wie dein Qi gleichmäßig fließt, ohne anzuhalten oder auszubrechen.

    Schritt 4

    Richte deine Aufmerksamkeit auf den Schnittpunkt der Lemniskate, die Mitte. Jedes Mal, wenn deine Hände dort vorbeikommen, stell dir eine dieser Fragen:

    Passt das zu mir?
    Ist das stimmig?
    Entspricht das meiner inneren Wahrheit?

    Der Schnittpunkt ist deine innere Klärungsstelle, der Moment, in dem du spürst, ob etwas für dich richtig ist oder nicht.

    Schritt 5

    Lass die Acht noch ein paar Atemzüge weiterfließen. Wenn du aufhörst, spüre nach. Du wirst oft bemerken, dass der Körper ganz von selbst klarer weiß, was zu ihm gehört und was nicht.

    Diese Übung ermöglicht Abgrenzung ohne Trennung, Klarheit ohne Härte und Verbindung ohne Überforderung.

    Schlussgedanke

    Grenzen sind wie die Ufer eines Flusses. Sie halten das Wasser nicht gefangen, sondern geben ihm eine Form, in der es frei fließen kann. Ohne Ufer gäbe es nur Sumpf. Mit ihnen entsteht Bewegung, Richtung und Lebendigkeit.

    Wenn wir unsere inneren Ufer pflegen, entsteht ein Raum aus Begegnung, Klarheit und Verbundenheit. Qigong und Achtsame Kommunikation helfen uns genau dabei. Sie erinnern uns daran, dass gesunde Grenzen nicht das Ende von Kontakt sind, sondern die Voraussetzung für ein gutes Miteinander. So wächst in uns ein natürlicher Raum, in dem Nähe und Freiheit gleichzeitig möglich sind.

  • Wenn die Tage kürzer werden: Licht finden in der stillen Zeit

    Wie wir mit der Qualität des Winters und der Kraft achtsamer Kommunikation innere Wärme und Verbundenheit bewahren

    Wenn die Tage kürzer werden

    Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit dehnt sich aus. Für viele Menschen ist das eine Herausforderung. Der Körper reagiert auf weniger Licht, der Geist sehnt sich nach Wärme und Lebendigkeit. Die Natur zieht sich zurück und wir spüren diesen Impuls in uns ebenso deutlich wie die Tiere und Bäume um uns herum.

    Im Jahreskreis von Qigong und chinesischer Medizin hat diese Zeit eine besondere Bedeutung. Sie lädt uns ein, innezuhalten und die feinen Zwischentöne unseres eigenen Lebensrhythmus zu hören.

    Die chinesischen Jahreszeiten und der Rhythmus von Yin und Yang

    Während wir im Westen vor allem in vier Jahreszeiten denken, kennt die traditionelle chinesische Medizin einen differenzierteren Zyklus. Hier entstehen fünf Phasen mit klar erkennbaren energetischen Qualitäten: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Zugleich wird betont, dass jede Jahreszeit eine Übergangszeit besitzt, die sogenannte Dojo-Phase, die dem Element Erde zugeordnet ist.

    In diesem System beginnt der Winter nicht erst mit dem kürzesten Tag des Jahres. Die Wintersonnenwende ist vielmehr die Mitte und der Höhepunkt des Winters.
    Sie markiert die tiefste Yin-Phase. Es ist der Moment größter Ruhe und Verdichtung, eine Zeit, in der die Natur nahezu unsichtbar atmet und im Inneren Kraft sammelt.

    Der Winter beginnt bereits 36 Tage vor dieser tiefsten Dunkelheit. Die Energie zieht sich nach innen zurück, die Tage wirken schwerer und der Körper meldet ein wachsendes Bedürfnis nach Rückzug.

    36 Tage nach der Sonnenwende öffnet sich die Dojo-Phase. Sie dauert 18 Tage und ist eine Erdzeit voller Vorbereitung, Klärung und Stillwerden. Danach beginnt der Frühling, also die Holzphase, deren Mitte wiederum die Tagundnachtgleiche bildet. Der Aufbruch beginnt also lange vor dem sichtbaren Zeichen der Gleichheit von Tag und Nacht.

    Dieses zeitliche Verständnis macht sichtbar, wie feinfühlig die chinesische Naturbeobachtung ist. Alles verläuft in Wellen und Übergängen. Kein Anfang fällt aus dem Himmel, kein Ende stürzt plötzlich ein. Die Natur achtet die Stufen. Und wir können lernen, unsere eigenen Übergänge ebenso achtsam zu begleiten.

    Die Qualität des Winters und des Elements Wasser

    Im Qigong ist der Winter dem Element Wasser zugeordnet. Wasser verkörpert Tiefe, Weisheit, innere Ruhe, Regeneration und die Fähigkeit, mit dem natürlichen Fluss des Lebens zu gehen.

    Das Wasser löst die Härte des Jahres in Stille auf. Es lehrt uns, loszulassen, langsamer zu werden und in der Ruhe Vertrauen zu finden.

    Der Winter ist nicht die Zeit des äußeren Erblühens. Er ist die Zeit, in der wir unsere Wurzeln nähren. Alles, was im Frühling wachsen soll, braucht jetzt Stille, Nahrung und innere Sammlung.

    Ein Blick in die Wissenschaft

    Auch die westliche Wissenschaft bestätigt diese Rhythmen.
    Weniger Tageslicht bedeutet, dass der Körper länger Melatonin bildet und gleichzeitig weniger Serotonin. Viele Menschen erleben dadurch Müdigkeit, weniger Antrieb oder eine gedämpfte Stimmung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine biologische Reaktion.

    Es hilft, sich nicht gegen diese Phase zu stemmen, sondern mit ihr zu gehen. Mehr Schlaf, mehr Pausen, mehr Wärme, mehr Nähe zu sich selbst. Selbstfürsorge ist in dieser Zeit keine Option, sondern ein natürlicher Bestandteil des Jahreszyklus.

    Winter und Kommunikation

    Auch unsere Kommunikation verändert sich im Winter. Während der Sommer oft extrovertiert und lebendig ist, lädt der Winter uns ein, mehr zuzuhören und weniger zu senden.

    Es ist eine Zeit der achtsamen Zwischentöne.
    Eine Zeit, in der wir innehalten, bevor wir reagieren.
    Eine Zeit, in der wir spüren dürfen, was ein Moment braucht, bevor wir ihn mit Worten füllen.

    Achtsame Kommunikation im Winter bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Stille nicht unangenehm ist, sondern nährt. Räume, in denen wir uns selbst hören, bevor wir sprechen. Räume, in denen Verbindung nicht nur durch Worte entsteht, sondern durch Präsenz.

    Ein Licht für jeden Tag

    Zum Abschluss ein kleiner Impuls, der dich sanft durch die dunkleren Wochen begleitet:

    Nimm dir jeden Abend etwas Lichtvolles für den kommenden Tag vor. Etwas, das Verbundenheit schafft und deinen Tag heller macht.

    Das kann ein kurzer Dank sein, ein bewusstes Lächeln, ein liebevoller Gedanke am Morgen, ein Spaziergang im ersten Licht oder ein warmes Wort für jemanden, der dir begegnet.

    Je bewusster du diese kleine Flamme setzt, desto leichter fällt es, morgens aufzustehen, ganz gleich wie dunkel, neblig oder nass der Tag beginnt.

    Denn das Licht, das du suchst, wohnt längst in dir.

  • Den Stürmen des Lebens trotzen und Leichtigkeit im Loslassen finden

    Manchmal schickt uns das Leben genau das Wetter, das wir brauchen, auch wenn es ganz anders ist, als wir es uns vorgestellt hatten.
    Als ich vor Kurzem eine Woche Bildungsurlaub auf Borkum leitete, war alles sorgfältig geplant: Qigong am Strand, Atmung im Rhythmus der Wellen, die Kraft der Weite spüren. Doch kaum waren wir angekommen, fegte ein Sturm über die Insel. Orkanböen, peitschender Regen, aufgewühltes Meer.

    Qigong im Freien? Kaum denkbar. Statt sanfter Bewegungen in der Meeresbrise gab es drinnen eng zusammenrückende Menschen, tropfende Regenjacken und das Heulen des Windes in den Fenstern.

    Mein Widerstand

    Ich spürte, wie sich in mir Widerstand regte. Ich hatte ein Bild von Ruhe, Leichtigkeit und Bewegung in der Natur im Kopf und nun passte nichts davon. Ich wollte den Wind vertreiben, die Wolken auflösen, das Programm „retten“. Doch der Sturm ließ sich nicht beeindrucken.

    Irgendwann merkte ich: Das, was da draußen tobte, tobte auch in mir. Und genau das wollte gesehen werden.

    Loslassen heißt:  mich selbst nicht mehr festhalten

    Im Qigong üben wir, körperlich, geistig und emotional loszulassen. Es klingt leicht, doch in Momenten, in denen wir etwas anders haben wollen, zeigt sich, wie tief das Thema wirklich geht. Ich begann, meinen Plan, meine Vorstellungen, ja, auch meinen Perfektionismus loszulassen. Stattdessen versuchte ich, mich dem Geschehen anzuvertrauen: dem Wind, der Unruhe, dem Unplanbaren.

    Wir übten drinnen, improvisierten, lachten über den Lärm draußen. Ich spürte, wie mit jedem Tag mehr Weichheit in mir entstand. Kein heroisches „Ich trotze dem Sturm“, sondern eher ein inneres „Ich tanze mit dem Sturm“.

    Geschehen lassen – der natürliche Fluss

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist alles in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist. Wind ist Veränderung. Er ist manchmal mild, manchmal heftig, aber immer eine Einladung, flexibel zu bleiben. Ich begann, diesen Wind nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als Lehrer. Er erinnerte mich daran, dass ich nicht alles kontrollieren kann und muss.

    Loslassen heißt nicht, etwas wegzugeben, sondern es fließen zu lassen. Und manchmal bedeutet das einfach: sich hinsetzen, tief atmen und das, was gerade passiert geschehen lassen.

    Das Licht danach

    Erst nach der Woche, auf meiner Rückreise, riss der Himmel auf. Die Sonne brach durch, die Landschaft, durch die ich fuhr, zeigte ihre liebliche Seite. Das Licht war wieder da, sowohl draußen als auch in mir. Nicht, weil der Sturm vorbei war, sondern weil ich aufgehört hatte, gegen ihn anzukämpfen. Und auf einmal fühlte sich mein Herz so voll an, als wollte es überlaufen.

    Fazit: Mit dem Wind gehen

    Diese Woche auf Borkum hat mich erinnert, dass Leichtigkeit nicht entsteht, wenn alles ruhig ist, sondern wenn wir bereit sind, uns im Unruhigen zu entspannen. Loslassen, geschehen lassen, Leichtigkeit finden. Das ist kein Ziel, sondern eine Haltung.

    Vielleicht ist das die Essenz von Qigong und vom Leben selbst: Nicht starr zu werden, wenn der Wind weht, sondern mitzuschwingen. Nicht alles festhalten zu wollen, sondern dem Wandel zu vertrauen. Denn das Licht ist immer da, manchmal nur verborgen hinter den Wolken.

    Wie Qigong uns dabei unterstützt

    Qigong lehrt uns, in Bewegung und in Ruhe gleichermaßen präsent zu bleiben. Mit jedem Atemzug, mit jeder sanften Bewegung erinnern wir unseren Körper daran, dass Leichtigkeit nicht von außen kommt, sondern aus dem freien Fluss des Qi entsteht. Wenn wir üben, weich zu bleiben, wie etwa die Äste einer Weide, lernen wir, mit den Stürmen des Lebens zu wachsen, statt ihnen zu widerstehen.

    So wird Loslassen zu einer Quelle von Kraft. Und vielleicht ist genau das die wahre Leichtigkeit: nicht die Abwesenheit des Windes, sondern die Fähigkeit, mit ihm zu tanzen.

  • Loslassen

    Die Kunst des Wandels in der TCM und im Qigong

    Herbstzeit – Zeit zum Loslassen

    Der Herbst ist die Zeit des Loslassens. Die Natur zeigt uns jedes Jahr aufs Neue ganz selbstverständlich , wie Wandlung aussieht . Die Blätter verfärben sich, lösen sich vom Baum, und nichts daran ist traurig. Es ist einfach der Lauf der Dinge.

    Auch für mich persönlich ist in diesem Herbst Loslassen das große Thema. Wir geben das Pachtgrundstück auf, das ich zu Coronazeiten gepachtet hatte, um dort im Freien weiter Kurse geben zu dürfen. Fünf Jahre lang haben wir diesen Ort mit Leben gefüllt: Bäume gepflanzt, Früchte geerntet, gemeinsam geübt, gelacht und viele Sonnenuntergänge genossen.

    Dieses Stück Erde war für mich mehr als nur ein Platz. Es war ein Ort des Wachstums, der Begegnung und der Verbindung mit der Natur. Und doch spüre ich: Jetzt ist es Zeit, loszulassen.

    In meinen Kursen und Workshops höre ich von neun von zehn Teilnehmenden, dass ihnen das Loslassen schwerfällt. Das hätte ich vor zehn Jahren genauso gesagt. Damals klang Loslassen für mich nach Verlust, nach Aufgabe, nach Ende. Heute erkenne ich: Loslassen ist Teil des Wandels und Wandlung ist Leben.

    Der Herbst in der TCM – Zeit des Metalls und der Klarheit

    In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Herbst dem Metall-Element zugeordnet. Es steht für Klarheit, Struktur und das Loslassen von Überflüssigem. So wie die Natur sich jetzt zurückzieht und Ballast abwirft, dürfen auch wir innerlich Ordnung schaffen und loslassen, was nicht mehr zu uns gehört – alte Muster, Erwartungen oder Verpflichtungen.

    Das Metall-Element ist eng verbunden mit der Lunge und dem Dickdarm – zwei Organe, die das Ein- und Ausatmen, das Aufnehmen und Abgeben verkörpern. Wenn wir nicht loslassen, staut sich Energie. Wenn wir zu sehr festhalten, kann das die Energie des Metalls schwächen und uns traurig oder eng machen.

    Im Qigong üben wir genau das: den Wandel zuzulassen. Mit jedem Atemzug nehmen wir Neues auf und geben Altes ab. So entsteht Harmonie zwischen Innen und Außen, Körper und Geist, Mensch und Natur.

    Loslassen als Bewegung – nicht als Verlust

    Loslassen ist kein passives Geschehen, sondern eine bewusste Bewegung – sanft, aber kraftvoll. Es bedeutet, Vertrauen zu haben: dass das, was gehen darf, seinen Sinn erfüllt hat, und dass Neues entstehen kann.

    Die Natur hält sich nicht am Sommer fest. Sie folgt ihrem Rhythmus, ihrem tiefen Wissen um den Wandel. Wenn wir uns darauf einlassen, spüren wir, dass Loslassen nicht Verlust bedeutet, sondern Befreiung.

    Loslassen ist die Voraussetzung für Neubeginn. So wie jeder Herbst den Samen für den nächsten Frühling in sich trägt, so trägt auch jedes Loslassen den Keim für etwas Neues.

    Loslassen lernen – Schritt für Schritt

    Loslassen fällt uns oft schwer, weil es mit Emotionen wie Trauer oder Angst verbunden ist. Doch wir können lernen, die Perspektive zu verändern: weg vom Verlust, hin zur Leichtigkeit.

    Diese Fragen können dir helfen:

    • Was darf jetzt gehen, damit Platz entsteht für Neues?
    • Was halte ich fest, obwohl es mich mehr kostet als nährt?
    • Und: Was könnte leichter werden, wenn ich loslasse?

    Wenn wir den positiven Aspekt des Loslassens in den Mittelpunkt stellen, wird es zu einem Akt der Selbstfürsorge.
    Loslassen bedeutet dann nicht, etwas aufzugeben, sondern uns selbst Raum zu schenken.

    Fazit: Der Atem des Lebens

    In der TCM und im Qigong ist der Atem Symbol für das Leben selbst: ein ständiges Kommen und Gehen, ein rhythmischer Wechsel von Aufnehmen und Abgeben.

    Loslassen ist kein Ende. Es ist ein Atemzug des Lebens.
    So wie die Natur sich wandelt, dürfen auch wir im Wandel wachsen.

  • Die 8 Bagua als Helfer im bewussten Leben

    Wir alle sehnen uns nach Orientierung, nach einem inneren Kompass, der uns durch die Herausforderungen des Lebens leitet. In der daoistischen Philosophie gibt es ein uraltes Werkzeug, das genau dabei helfen kann: die 8 Bagua. Sie sind mehr als nur ein Bestandteil des Feng Shui oder hübsche Symbole auf einem Kompass – sie sind Ausdruck von Lebensprinzipien, innerer Dynamik und universeller Ordnung.

    Die Bagua stammen aus dem I Ging (Buch der Wandlungen) und symbolisieren grundlegende Kräfte des Lebens. Sie können uns dabei unterstützen, die Welt und unser eigenes Leben besser zu verstehen – und bewusster zu gestalten.

    Was sind die Bagua?

    Die Bagua (auch: Ba Gua) sind acht archetypische Wandlungsbilder oder Lebensaspekte. Sie setzen sich jeweils aus drei durchgezogenen oder unterbrochenen Linien (Trigrammen) zusammen. Diese Linien stehen für Yang (durchgezogen) und Yin (unterbrochen) – die beiden Grundprinzipien der daoistischen Weltanschauung. Aus ihrer Kombination entstehen acht Trigramme, die jeweils für einen bestimmten Lebensbereich, eine Naturkraft und einen inneren Zustand stehen.

    In ihrer Gesamtheit bilden sie eine Art Landkarte des Lebens – innerlich wie äußerlich. Sie laden uns ein, in Balance zu kommen und bewusst mit den natürlichen Zyklen und Qualitäten des Lebens umzugehen.

    Die 8 Bagua im Überblick

    Hier eine kurze charakterisierende Beschreibung jedes Trigramms – verbunden mit einer Einladung zur Reflexion und Anwendung im Alltag:

     Qian – Der Himmel

    Bedeutung: Schöpferkraft, Führung, Durchsetzung, Vaterprinzip
    Element: Himmel
    Qualität: Yang pur – aktiv, initiierend, kraftvoll
    Impuls: Wo kann ich Verantwortung übernehmen und bewusst gestalten? Wo lebe ich meine schöpferische Kraft?

     Dui – Der See

    Bedeutung: Freude, Kommunikation, Offenheit, jugendliche Leichtigkeit
    Element: See
    Qualität: Heiter, inspirierend, verbindend
    Impuls: Wo darf mehr Leichtigkeit in mein Leben kommen? Wo kann ich mehr Freude zulassen?

     Li – Das Feuer

    Bedeutung: Klarheit, Erkenntnis, Leidenschaft, Vision
    Element: Feuer
    Qualität: Leuchtend, durchdringend, bewegend
    Impuls: Was entfacht mein inneres Feuer? Wo wünsche ich mir mehr Klarheit?

     Zhen – Der Donner

    Bedeutung: Neubeginn, Veränderung, Impuls, Aufbruch
    Element: Donner
    Qualität: Plötzlich, kraftvoll, erschütternd
    Impuls: Wo bin ich zu sehr in der Komfortzone? Wo wartet ein Neuanfang auf mich?

     Xun – Der Wind

    Bedeutung: Sanfte Durchdringung, Einfluss, Weisheit, Flexibilität
    Element: Wind
    Qualität: Still und stetig wirkend, tief
    Impuls: Wo kann ich sanfter, aber beharrlich wirken? Wo wünsche ich mir mehr Tiefe?

     Kan – Das Wasser

    Bedeutung: Tiefe Gefühle, Intuition, Krise, Wandlung
    Element: Wasser
    Qualität: Fließend, geheimnisvoll, durchdringend
    Impuls: Welche Ängste oder Unsicherheiten darf ich anschauen? Was will durchflossen werden?

     Gen – Der Berg

    Bedeutung: Ruhe, Rückzug, Kontemplation, Grenze
    Element: Berg
    Qualität: Stabil, ruhig, bewahrend
    Impuls: Wo brauche ich mehr Rückzug und Klarheit? Wo darf ich eine Grenze setzen?

     Kun – Die Erde

    Bedeutung: Hingabe, Fürsorge, Empfang, Mutterprinzip
    Element: Erde
    Qualität: Yin pur – nährend, empfangend, tragend
    Impuls: Wo darf ich mich mehr hingeben? Was braucht Fürsorge – in mir oder im Außen?

    Die Bagua im Alltag leben

    Die Bagua sind keine abstrakten Konzepte, sondern kraftvolle Spiegel des Lebens. Du kannst sie ganz praktisch nutzen:

    Reflexion: Spüre regelmäßig in dich hinein. Welcher Lebensaspekt ruft gerade nach Aufmerksamkeit? Nutze die Bagua als Spiegel für deine innere Verfassung.

    Meditation: Nimm dir jeden Tag ein Trigramm und erforsche, wie es sich in deinem Leben zeigt. Was will gelebt werden? Was braucht Balance?

    Ein Weg zu mehr innerer Balance

    Die acht Bagua erinnern uns daran, dass das Leben aus unterschiedlichen Qualitäten besteht und dass jede davon ihren Platz hat. Es geht nicht darum, immer in Harmonie zu sein, sondern im Wandel bewusst zu leben. So, wie sich Tag und Nacht, Sonne und Regen, Aktivität und Ruhe abwechseln, so bewegen wir uns auch innerlich durch verschiedene Phasen und Themen.

    Die Bagua können dabei zu einem liebevollen Wegweiser werden und uns lehren, bewusster, weiser und verbundener mit dem großen Ganzen zu leben.

    Für die Kurse im Energieraum habe ich zu jedem der Bagua Meditationen geschrieben, die ich nach und nach in die Kurse und Workshops einbinde. Damit möchte ich dabei unterstützen, einen Zugang zu diesem alten Wissen der Daoisten zu finden.

  • Wu Wei: Die Kunst des Nicht -Handelns

    Hast du alles unter Kontrolle oder fließt du schon? Wann war das letzte Mal, dass du alles Streben, alles Wollen einfach losgelassen hast und die Lösung wie von selbst zu dir kam? Erinnerst du dich an diesen Moment? Das war Wu wei, die Kunst des Nichthandelns.

    Was bedeutet Wu Wei?

    Wu Wei ist ein zentraler Begriff aus der taoistischen Philosophie und bedeutet wörtlich „Nicht-Handeln“ oder „Handeln ohne Zwang“. Dabei geht es nicht um Passivität oder Faulheit, sondern um ein natürliches, müheloses Handeln, das im Einklang mit der Welt und ihren natürlichen Prozessen steht. Wu Wei beschreibt eine Haltung, bei der man nicht gegen den Fluss der Dinge ankämpft, sondern mit dem natürlichen Rhythmus fließt. Es ist zu vergleichen mit dem Überlassen der Strömung, wenn man zu weit hinausgeschwommen ist. Kämpfe ich gegen den Sog an, ist meist alle Anstrengung vergebens, ich verbrauche meine Kraft und verliere letztlich. Lass ich mich jedoch mit der Strömung treiben, spare ich Kraft und komme aus der Situation heraus. Vielleicht erreiche ich das rettende Ufer an anderer Stelle als geplant, aber ich erreiche es.

    In der Praxis bedeutet Wu Wei, in Harmonie mit den Umständen zu agieren und sich der natürlichen Ordnung des Universums anzupassen. Es steht für das Loslassen von zwanghaftem Streben, Kontrolle und unnötigem Eingreifen, was oft zu größerem Erfolg und innerem Frieden führt.

    Die Lebensanschauung hinter Wu Wei

    Wu Wei ist fest im Taoismus verankert, einer chinesischen Philosophie und Spiritualität, die auf den Lehren von Laotze und seinem Werk, dem Tao Te King, basiert. Der Taoismus betont die Bedeutung des „Tao“, was so viel wie „Weg“ oder „Pfad“ bedeutet. Das Tao ist die allumfassende natürliche Ordnung des Universums, und Wu Wei ist der Schlüssel, um sich in dieser Ordnung mühelos zu bewegen.

    Alles hat nach dieser Philosophie seinen eigenen natürlichen Rhythmus, und wenn man versucht, diesen zu erzwingen oder zu kontrollieren, schafft man eher Chaos oder Widerstand. Wu Wei bedeutet, diesen Rhythmus zu erkennen und sich ihm anzupassen.

    Wu Wei lädt dazu ein, das eigene Ego und den Wunsch nach Kontrolle zu hinterfragen. Oft ist es unser Drang, alles zu kontrollieren, der Stress und Konflikte erzeugt. Wer nicht arbeitet, um bestimmte Hierarchiestufen zu erreichen, die das Ego sich wünscht, sondern die Arbeit um ihrer selbst willen tut, mag überrascht sein, wieviel Frieden und Zufriedenheit sich einstellen können.

    Die Überzeugung der Philosophie des Wu Wei ist, dass man durch weniger Anstrengung oft mehr erreichen kann. Ein Handeln, das im Einklang mit der Situation steht, führt oft zu besseren Ergebnissen als ein erzwungenes Vorgehen.

    Wu Wei ermutigt dazu, darauf zu vertrauen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sollen. Es lehrt Geduld und Akzeptanz (siehe auch Blogartikel zum Thema Akzeptanz).

    Achtsamkeit und Wu Wei

    Sich im Lebensprinzip des Wu Wei zu üben, führt automatisch auch zu einer achtsameren Lebensweise. Wer weniger plant, strebt und mit dem Kopf durch die Wand will, ist eher im Hier und jetzt, präsent und achtsam im gegenwärtigen Moment.

    Wie wende ich Wu Wei im Alltag an?

    Konzentriere dich immer auf eine Sache. Praktiziere weniger Multi Tasking und fokussiere dich mehr auf eine wichtige Sache.

    Gib deinen fruchtlosen Widerstand auf. Akzeptiere die Dinge, die du nicht ändern kannst und spare dir deine Kräfte für die Dinge, bei denen du etwas bewirken kannst und die dir Freude bereiten. (Artikel über Akzeptanz).

    Vertraue deinem Bauchgefühl und entscheide und handle intuitiv. Mit achtsamer Präsenz im Augenblick erkennst du Chancen besser, die sich dir bieten. Wenn du nicht permanent einem bestimmten Plan folgst und die Erreichung deiner Ziele im Blick hast, nimmst du viel besser wahr, welche Geschenke sich dir jenseits des geplanten Weges anbieten.

    Stell dir vor, wie ein Fluss fließt. Meist wählt er den Weg des geringsten Widerstands und fließt so durch die Landschaft, wie die Landschaft es ihm anbietet. Denk dabei auch an die Überschwemmungen der letzten Jahre. Insbesondere dort, wo Planung, Kontrolle und der menschliche Wille Flussbetten in andere Formen gezwungen hatte sind die Schäden durch die Überschwemmungen besonders schlimm ausgefallen.

    Leichter Leben mit Wu Wei

    Zusammengefasst kann uns ein Leben mit mehr Wu Wei zu weniger Stress und mehr innerer Ruhe verhelfen. Dem Fluss des Lebens zu vertrauen kann eine tiefere Verbindung zu unserem Umfeld und uns selbst verhelfen. Schließlich erwarten uns häufig bessere Ergebnisse mit weniger Planung und mehr Loslassen.

    Vertrauen in den Fluss des Lebens bedeutet, anzuerkennen, dass nicht jede Antwort sofort sichtbar und nicht jeder Weg sofort klar ist. Wenn wir loslassen, entstehen Räume für Lösungen und Wege, die wir uns nie hätten vorstellen können. Vertraue darauf, dass jede Strömung dich lehrt, wachsen lässt und näher zu deinem wahren Selbst führt. Probiere einmal im Alltag ein wenig mehr Wu Wei aus und lass mich bei Gelegenheit wissen, wie es sich für dich angefühlt hat.

    Wu wu wei, er wu bu wei (Durch Nichthandeln bleibt nichts ungetan)

    Wer im Forschen wandelt, nimmt täglich zu.
    Wer im SINNE wandelt, nimmt täglich ab.
    er verringert sein Tun und verringert es immer mehr,
    bis er Anlangt beim Nichts-Tun.
    Beim Nichts-Tun bleibt nichts ungetan.
    Das Reich erlangen kann man nur,
    wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.
    Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt, das Reich zu erlangen.
    (Laotze, Tao te king, Kap. 48)

  • Akzeptanz

    Wir alle gehen mit einer gewissen Erwartungshaltung durchs Leben, wie es für uns zu laufen hat. Diese Erwartungshaltung wird jedoch zwangsläufig von der Realität nicht immer erfüllt. Es gibt Dinge, Verhalten, Menschen, Schicksalsschläge, die uns nicht gefallen. Unsere spontane Reaktion ist meist Abwehr: „Ich will das nicht!“ „Das ist doch nicht richtig!“, „Das darf so nicht sein!“ Häufig können wir jedoch diese Situationen, das Verhalten anderer Menschen oder bestimmte Zustände nicht ändern. Wir streiten also in diesen Momenten mit der Realität. Zurzeit erlebe ich viele unzufriedene Menschen. Der Frühling war verregnet und immer noch ist kein schönes und trockenes Wetter in Sicht. Wetter – Ein Fakt, auf den wir definitiv keinen Einfluss haben.

    Kraftraubender Kampf

    Streit kostet Kraft und tut uns nicht gut. Und wenn es sich um unabänderliche Dinge handelt, vergeuden wir unsere Kraft in einem Kampf, den wir nicht gewinnen können.

    Dabei verkrampfen und verspannen wir und fügen uns so weitere negative Empfindungen zu. Wir sind damit beschäftigt, in den Widerstand und die Abwehr zu gehen, anstatt zu lernen, wie wir mit der Krise umgehen können.

    Akzeptanz bedeutet, unveränderbare Zustände so anzunehmen, wie sie sind, statt gegen sie anzukämpfen.

    Dabei sollte Akzeptanz keineswegs mit Passivität verwechselt werden, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Statt in einem aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen anzukämpfen, nehmen wir mit bewusster Akzeptanz unser Schicksal aktiv in die Hand. Akzeptanz ist eine aktive Handlung, mit der wir uns bewusst von fruchtlosem Widerstand lösen und Themen bewusst loslassen, um Kraft für wirksame Handlungen zu bewahren.

    Bewusste Akzeptanz ist entspannend und heilsam für Körper und Seele und sorgt für inneren Frieden. Sie hilft dabei, dem Fluss des Lebens zu vertrauen.

    Gefühle annehmen

    Das Akzeptieren einer Situation heißt auch, dass wir alle Gefühle, die aufgrund der Situation in uns aufsteigen, annehmen. Mit den Gefühlen ist es genau so, wie mit aufmerksamkeitsbedürftigen Kindern! Je mehr wir sie ignorieren, umso quengeliger und präsenter werden sie. Drängen wir sie weg, tut es ihnen nicht gut und sie werden immer lauter und lauter, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Genauso verhält es sich mit den Gefühlen. Verdrängte Gefühle können uns beherrschen und überwältigen

    Das Leben hält immer wieder unvorhersehbare Ereignisse für uns bereit, die uns nicht gefallen. Eine akzeptierende Grundhaltung hilft dabei, mit dem Unabänderlichen umzugehen und macht so das Leben leichter.

    Die Akzeptanz bewahrt uns nicht vor den Tiefschlägen des Lebens, aber sie lässt uns leichter damit zurechtkommen.

    Körperlicher Bezug

    In der TCM ist das Thema Akzeptanz im Funktionskreis Lunge/Dickdarm angesiedelt. Die Lunge steht auf der seelischen Ebene für das vorbehaltlose Ja zum Leben und damit zu allem im Leben, ob es uns gefällt oder nicht. Der Dickdarm hingegen steht für das mutige und deutliche Nein. Beide Organe stehen für das Loslassen. Die Lunge für das Loslassen von Zweifeln und Kämpfen, der Dickdarm für das Loslassen von allem, was nicht guttut.

    Die Atmung spielt somit eine besonders große Rolle, wenn wir uns mit dem Thema Akzeptanz auseinandersetzen. Oft sind auch Symptome der Lunge und des Dickdarms zu beobachten, wenn man sich besonders schwertut, zu akzeptieren.

    Symptome der LungeSymptome des Dickdarms
    InfektanfälligkeitVerdauungsprobleme
    MüdigkeitNase/Nebenhöhlen verstopft
    AntriebslosigkeitNacken- und Schulterprobleme
    Zukunftsangst 
    Depressive Verstimmungen 
    Verspannungen in Schulter und Nacken 

    Eine akzeptierende Grundhaltung ist erlernbar. Meditationen können dabei unterstützen, ebenso wie regelmäßige Entspannungsübungen und bewusstes Atmen.