Kategorie: Energie,

  • „Ich bin (nicht) genug“

    „Ich bin (nicht) genug“

    – und was passiert, wenn dieser Gedanke leiser wird

    „Ich bin nicht genug.“
    Dieser Gedanke war viele Jahre mein treuer Begleiter. Wiederkehrend und hartnäckig zeigte er sich immer wieder. Er meldete sich zuverlässig, wenn ich davon träumte, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Mich selbstständig zu machen. Meine Erfahrung, mein Wissen und meine Haltung in die Welt zu bringen.

    Dann kam sofort die innere Bestandsaufnahme: nicht genügend ausgebildet, nicht gut genug, nicht mutig genug, nicht durchsetzungsfähig genug. Und natürlich gab es da noch die anderen. Die vielen, die es scheinbar besser konnten, souveräner, sichtbarer, erfolgreicher. Was sollte die Welt da noch mit mir?

    Wenn Sicherheit nicht vor Selbstzweifeln schützt

    Ja, ich hatte Angst vor Unsicherheit und dem Ungewissen. Vor schwankenden Einnahmen, vor Fehlentscheidungen, vor dem berühmten Sprung ins kalte Wasser. Aber wenn ich ehrlich bin, war das nicht der Kern. Der Kern war dieser leise, zähe Gedanke, der mir zuflüsterte, dass ich erst noch jemand anderes werden müsse, bevor ich losgehen dürfe.

    Dabei sah mein Lebenslauf auf dem Papier durchaus respektabel aus. Bankkauffrau, Volljuristin, viele Jahre Führungskraft in einer Bank, Kommunikationstrainerin und Coach. Genug Abschlüsse, genug Verantwortung, genug Leistung. Und trotzdem dieses innere Zögern. Leistung allein heilt keinen Zweifel.

    Qigong und die Rückkehr zur inneren Stimme

    Erst als Qigong ein wesentlicher Teil meines Lebens wurde, begann sich etwas zu verschieben. Ganz allmählich und nach und nach, wie ein inneres Aufräumen, das man anfangs kaum bemerkt. Mit jeder Praxis wurde es ein bisschen stiller in mir.

    Und in dieser Stille tauchte eines Tages ein neuer Gedanke auf. Ganz vorsichtig und ohne großen Anspruch: Vielleicht habe ich der Welt doch etwas zu geben.

    Dieser Gedanke blieb. Er wurde stärker. Und irgendwann gesellte sich der Mut dazu. Ein alltagstauglicher Mut. Einer, der sagt: Du darfst es versuchen. Du darfst scheitern. Und du darfst trotzdem losgehen.

    Die Entscheidung, die nicht frei von Angst war

    Am Ende stand eine Entscheidung an, die sich damals riesig anfühlte, aber andererseits auch unausweichlich war. Ich kündigte meinen Job in der Bank und machte mich selbstständig. Nicht, weil alle Zweifel verschwunden waren, sondern weil sie nicht mehr das letzte Wort hatten.

    Die innere Stimme, die mir zuflüstert, dass ich noch dieses oder jenes lernen, verbessern oder verändern müsse, um wirklich gut genug zu sein, gibt es übrigens immer noch. Sie meldet sich gerne dann, wenn ich Neues wage oder sichtbar werde. Der Unterschied ist: Sie ist heute nicht mehr die lauteste Stimme im Raum.

    Daneben steht inzwischen eine andere, freundlichere. Eine, die sagt: Du bist einzigartig. Deine Mischung aus Erfahrung, Tiefe, Humor und Menschlichkeit gibt es genau so nur einmal. Und das, was du teilst, hilft Menschen.

    „Dazu gibt es doch schon so viel“

    Dieses Muster ist kein Einzelfall. Ich begegne ihm ständig, bei Teilnehmenden in meinen Kursen, in Gesprächen mit Kolleginnen, im Freundeskreis. Ein schönes Beispiel ist mein Mann. Als ich ihn vor Jahren fragte, warum er eigentlich kein Buch schreibt, obwohl er so viel Kluges und Eigenständiges zu sagen hat, antwortete er ganz selbstverständlich: Zu dem Thema gibt es doch schon so viel. Was soll ich da noch liefern?

    Ein Satz, der so logisch klingt und gleichzeitig so viel verhindert. Als müsste man etwas völlig Neues erfinden, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Als würde der eigene Blick, die eigene Sprache, die eigene Geschichte nicht zählen.

    Spoiler: Das Buch ist kurz vor seiner Fertigstellung 😉.

    Warum Menschen nicht nach Perfektion suchen

    Dabei lesen Menschen keine Bücher, besuchen keine Kurse und suchen keine Begleitung, weil es davon zu wenig gäbe. Sie tun es, weil sie Resonanz spüren. Weil etwas in ihnen angesprochen wird, das genau dort abgeholt wird, wo sie gerade stehen.

    Wir unterschätzen systematisch den Wert unserer eigenen Perspektive. Wir vergleichen uns mit anderen, die sichtbarer oder lauter sind, und übersehen dabei, dass niemand unsere Geschichte gelebt hat. Niemand unsere Umwege gegangen ist, unsere Zweifel ausgehalten, unsere Erkenntnisse gewonnen hat.

    Nicht perfekt, sondern echt

    Qigong hat mir nicht beigebracht, perfekt zu sein oder immer selbstsicher aufzutreten. Es hat mir geholfen, mich zu spüren. Meine innere Wahrheit ernster zu nehmen als meine inneren Kritiker. Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen, nicht in eine äußere Sicherheit, sondern in mich selbst.

    Vielleicht kennst du diesen Gedanken auch. Dass du erst noch etwas werden musst, bevor du losgehen darfst. Noch eine Ausbildung, noch ein Zertifikat, noch ein bisschen mehr Mut. Und vielleicht ist manches davon sinnvoll. Lernen hört nie auf. Aber manchmal ist „noch nicht genug“ einfach nur eine gut getarnte Bremse.

    Eine Einladung zum Schluss

    Die Welt braucht keine perfekten Menschen. Sie braucht echte. Menschen, die bereit sind, mit dem, was sie heute sind, einen Schritt nach vorne zu gehen. Mit allem, was sie wissen, und allem, was sie noch lernen werden. Mit Herz, mit Humor und mit der Bereitschaft, sich selbst nicht länger zurückzuhalten.

    Und falls sich jetzt eine leise Stimme meldet, die sagt: Ja, aber bei mir ist das anders – dann lächle ihr ruhig zu. Sie meint es meistens gut. Du musst ihr nur nicht mehr alles glauben.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.