Kategorie: Christentum

  • Zuversicht – die Kunst, weiter nach vorn zu sehen

    Zuversicht – die Kunst, weiter nach vorn zu sehen

    Zuversicht. Was für ein wunderbares Wort.

    Eines dieser Wörter, die wir ganz selbstverständlich benutzen und bei denen es sich lohnt, einmal genauer hinzuschauen. Das Wort geht auf das mittelhochdeutsche Zuoversiht zurück und hatte mit Voraussehen zu tun, mit dem Blick auf das Kommende. In der Ursprungsbedeutung ist es verwandt mit dem Ausspruch „sich einer Sache versehen“. Der Ausspruch beinhaltet etwas Hoffnungsvolles und Vertrauen und Hingabe an eine höhere Bestimmung.

    Dieser Gedanke berührt mich gerade sehr. Denn manchmal fällt es schwer, nach vorn zu schauen. Der Ton in unserer Gesellschaft wird rauer, Menschen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Es herrschen Kriege, Weltpolitik macht sprachlos und die Veränderungen unseres Klimas sind längst keine abstrakten Szenarien mehr.

    Dazu kommen unsere ganz persönlichen Sorgen. Krankheit, Abschied, Menschen, um die wir uns sorgen, berufliche Unsicherheit, Veränderungen, die wir nicht wollten, und Entscheidungen, deren Folgen wir noch nicht kennen. Es gibt genügend Gründe, mit Sorge auf das Morgen zu schauen.

    Und dann kommt dieses Wort: Zuversicht.

    Zuversicht ist nicht: Es wird schon alles gut

    Zuversicht bedeutet nicht, die Augen vor dem zu verschließen, was ist. Sie ist kein „Denk doch positiv“ und auch kein Versprechen, dass schon alles gutgehen wird. Denn das wissen wir nicht.

    Für mich liegt genau darin der Unterschied zum reinen Optimismus. Optimismus richtet den Blick häufig auf den Ausgang: Es wird gutgehen. Zuversicht braucht dieses Versprechen nicht. Sie sagt:

    Ich sehe, was ist. Auch das, was nicht schön ist. Ich weiß nicht, was kommt. Und trotzdem gehe ich weiter.

    Das ist keine naive Haltung. Im Gegenteil. Zuversicht hält aus, dass wir nicht alles wissen. Sie erkennt an, dass vieles außerhalb unserer Kontrolle liegt, ohne deshalb der Angst und der Hoffnungslosigkeit das letzte Wort zu überlassen.

    Ziran – dem Leben seine eigene Bewegung lassen

    Dieser Gedanke führt mich unmittelbar zum Daoismus. Besonders zu einem Begriff, den ich in diesem Zusammenhang sehe: Ziran .

    Ziran wird meist mit „Natürlichkeit“ übersetzt. Wörtlich lässt es sich ungefähr mit „von selbst so“ oder „aus sich selbst heraus so“ wiedergeben. Darin liegt ein tiefes Vertrauen in die Eigendynamik des Lebens.

    Das Leben muss nicht vollständig von uns gemacht, gelenkt und kontrolliert werden. Es entfaltet sich. Es verändert sich. Es entstehen Wege, die wir vorher nicht sehen konnten. Tag wird zu Nacht, Sommer wird zu Herbst, Einatmen wird zu Ausatmen. Entstehen und Vergehen gehören zum Leben.

    Wir Menschen versuchen trotzdem unglaublich viel festzuhalten. Wir möchten wissen, wie etwas ausgeht. Wir planen, sichern uns ab und suchen Gewissheiten. Und wenn die Welt unübersichtlich wird, versuchen wir oft noch stärker, Kontrolle herzustellen.

    Nur: Das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren.

    Ziran bedeutet für mich deshalb nicht: Ich lehne mich zurück und überlasse alles seinem Schicksal. Es bedeutet auch nicht: Alles wird schon irgendwie richtig sein. Es ist vielmehr die Anerkennung, dass das Leben eine eigene Bewegung hat, die größer ist als meine Pläne.

    Zuversicht heißt dann nicht: Ich vertraue darauf, dass alles so kommt, wie ich es möchte. Zuversicht heißt: Ich vertraue darauf, dass Leben sich entfaltet – und dass ich ihm begegnen kann.

    Und dann kommt Wu Wei

    Hier begegnet Ziran dem Wu Wei. Wu Wei wird oft mit „Nichtstun“ übersetzt, doch das greift zu kurz. Es geht nicht darum, passiv zu werden oder alles hinzunehmen. Es geht darum, nicht ständig gegen das anzukämpfen, was gerade ist, und nicht mit aller Kraft etwas erzwingen zu wollen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

    Wir nehmen wahr, was ist. Wir unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Und dann handeln wir angemessen aus der jeweiligen Situation heraus. Nicht aus Panik und nicht aus dem Bedürfnis, die gesamte Zukunft kontrollieren zu müssen.

    Ziran beschreibt das Vertrauen in die natürliche Entfaltung. Wu Wei beschreibt eine Art, darin zu handeln. Und Zuversicht verbindet für mich beides.

    Ich muss nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht, um meinen Platz darin einzunehmen. Ich kann darauf achten, wie ich mit anderen Menschen spreche, wo ich widerspreche, wem ich zuhöre, was ich unterstütze, wie ich mit unserer Erde umgehe und was ich selbst in diese Welt hineintragen möchte.

    Ich kann keinen Krieg allein beenden und nicht im Alleingang das Klima retten. Ich kann die Weltpolitik nicht bestimmen. Aber daraus folgt nicht, dass mein Handeln bedeutungslos ist.

    Wir müssen nicht die ganze Zukunft überblicken. Es reicht, den nächsten Schritt zu sehen und ihn bewusst zu gehen.

    Zuversicht lässt sich üben

    Hier wird aus einem schönen Gedanken, einem altmodischen Wort etwas ganz Praktisches. Zuversicht lässt sich stärken. Nicht, indem wir uns einreden, dass alles gut wird, sondern indem wir immer wieder aus unseren Gedanken über das Morgen in den gegenwärtigen Moment zurückkehren.

    Dafür tragen wir ein wunderbares Werkzeug ständig bei uns: unseren Atem.

    Wenn Sorgen groß werden, sind unsere Gedanken oft längst in der Zukunft. Was passiert, wenn …? Wie soll das weitergehen? Was wird aus …? Der Atem dagegen findet immer jetzt statt.

    Und auch darin steckt für mich Ziran. Bevor wir den Atem bewusst vertiefen oder verändern, können wir etwas ganz Einfaches wahrnehmen: Er ist schon da. Er geschieht. Wir müssen nicht jeden Atemzug herstellen. Wir können ihn für einen Moment einfach kommen und gehen lassen.

    Halte also inne und spüre zunächst den Boden unter deinen Füßen oder deinen Körper auf dem Stuhl. Dann nimm deinen Atem wahr, ohne etwas daran zu verändern. Spüre, wie er kommt und wie er wieder geht.

    Nach einigen Atemzügen kannst du ihn mit zwei einfachen Sätzen verbinden:

    Einatmen: Ich bin hier.
    Ausatmen: Ich lasse los, was ich gerade nicht lösen kann.

    Nicht, um die Welt auszublenden. Nicht, um Probleme wegzuatmen. Sondern um wieder dort anzukommen, wo du tatsächlich handeln kannst: hier und jetzt.

    Und dann stell dir eine einzige Frage:

    Was ist jetzt mein nächster Schritt?

    Nicht: Wie löse ich alles? Nicht: Wie wird mein Leben in einem Jahr aussehen? Nicht: Wie bekomme ich die Zukunft wieder unter Kontrolle? Nur der nächste Schritt.

    Mit dem Leben

    Genau darin liegt für mich die Kraft der Zuversicht. Sie entsteht nicht daraus, dass wir die Zukunft kennen. Sie wächst aus dem Vertrauen, dass wir dem begegnen können, was kommt.

    Ziran erinnert uns daran, dass Leben sich entfaltet und nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegt. Wu Wei erinnert uns daran, dass wir trotzdem handeln können – ohne alles erzwingen zu müssen.

    Und unser Atem erinnert uns daran, dass Leben längst geschieht.

    Ich sehe, was ist. Ich weiß nicht, was kommt. Und trotzdem gehe ich weiter.

    Atemzug für Atemzug. Schritt für Schritt.

    Mit dem Leben.

  • Ostern in unserer Zeit

    Ostern in unserer Zeit

    Ein leiser Hoffnungsschimmer zwischen Unsicherheit und Sehnsucht

    Es ist deutlich zu spüren, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Vieles ist unsicher geworden und Vertrautes hat Risse bekommen. Die Nachwirkungen von Corona, Bilder von Krieg, wirtschaftliche Spannungen und dieses leise Gefühl von Ungewissheit begleiten viele von uns. Und gleichzeitig bleibt da etwas anderes. Eine Sehnsucht nach Halt, nach Sinn, nach einem inneren Ort, der ruhiger ist als das Außen. Vielleicht ist genau hier der Punkt, an dem Ostern eine neue Bedeutung bekommt.

    Ostern beginnt im Dunkeln

    Im christlichen Sinne erzählt Ostern keine Geschichte von einer heilen Welt. Es beginnt im Dunkeln, in Angst, in Verlust, in einem Moment, in dem vieles zerbricht. Und genau dort geschieht Wandlung. Still und fast unbemerkt. Wie ein erstes Licht, das sich ganz vorsichtig zeigt. Ein Licht der Hoffnung, das nicht alles sofort hell macht, aber dennoch sichtbar wird. Das Leben kehrt zurück, nicht als fertige Lösung, sondern als Möglichkeit.

    Hoffnung als innere Bewegung

    Vielleicht können wir Ostern heute so verstehen. Hoffnung ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist eine Bewegung. Eine Bewegung, die wir auch aus dem Qigong kennen, wenn etwas in uns wieder ins Fließen kommt, wenn Enge sich ein wenig weitet und der Atem tiefer wird, ohne dass wir ihn zwingen. Im Dao heißt es, dass alles im Wandel ist und dass Festhalten zu Stagnation führt, während Loslassen Raum schafft für Neues. Ostern erinnert uns genau daran, dass Wandlung nicht entsteht, weil wir sie machen, sondern weil wir aufhören, uns dagegen zu stellen.

    Achtsam bleiben im Ungewissen

    In einer Zeit, die so viele Fragen offenlässt, ist das vielleicht die eigentliche Praxis. Achtsam zu bleiben, nicht innerlich zu verhärten, sondern wahrzunehmen, was gerade da ist, auch wenn es Unsicherheit oder Angst ist. Und gleichzeitig offen zu bleiben für das, was sich zeigen will. Vielleicht ist das eine sehr moderne Form von Auferstehung. Immer wieder neu in Kontakt zu kommen mit dem eigenen Atem, mit dem eigenen Körper, mit dem, was lebendig ist.

    Ein leises Trotzdem

    Ostern sagt nicht, dass alles gut wird. Aber vielleicht sagt es, dass Leben möglich bleibt. Dass sich etwas in uns aufrichten kann, selbst in schwierigen Zeiten. Nicht als große Geste, sondern als leises Trotzdem. Ein Atemzug, der wieder etwas freier wird. Ein Moment, in dem wir weicher werden. Ein kleines inneres Ja zum Leben. Und vielleicht ist genau das das Licht der Hoffnung, das wir gerade brauchen. Still, unaufgeregt und getragen von einer tiefen, kaum sichtbaren Kraft.