Kategorie: Abgrenzung

  • Frieden beginnt bei dir

    Sanfter Umgang mit dir selbst als Akt der Selbstfürsorge

    In einer Zeit, in der Nachrichten uns täglich mit Konflikten, Unsicherheit und Sorgen konfrontieren, sehnen sich viele von uns nach Frieden. Wir wünschen uns Ruhe inmitten der Unruhe, Klarheit inmitten der Komplexität und ein Gefühl von Sicherheit, das nicht vom Weltgeschehen abhängt.

    Doch Frieden beginnt nicht erst draußen in der Welt. Er beginnt drinnen, bei uns selbst. In der Art, wie wir mit uns umgehen, wie wir uns selbst wahrnehmen und uns selbst begegnen – mit Freundlichkeit, Wertschätzung und einem Hauch Humor. Wenn wir lernen, inneren Frieden zu kultivieren, strahlt er nach außen und prägt unsere Begegnungen, Entscheidungen und Handlungen.

    Freundlichkeit nach innen ist kein Luxus

    Guter Umgang mit dir selbst ist keine Luxusdisziplin. Er ist die Basis für alles, was du in die Welt bringst. Für deine Präsenz, deine Klarheit und auch für deine Fähigkeit, dich sanft abzugrenzen. Im Qigong sagen wir, dass sich innere Haltung im Qi zeigt. Wenn der Umgang mit dir selbst hart ist, wird auch der Atem enger und der Körper hält mehr fest. Frieden beginnt dort, wo du weich wirst und wieder Raum entstehen darf.

    Wenn der innere Ton schärfer ist als nötig

    Viele von uns haben gelernt, freundlich zu sein. Geduldig. Verständig. Oft erstaunlich tolerant mit anderen. Und gleichzeitig erstaunlich streng mit sich selbst. Der innere Ton ist dann eher Ausbilder als Verbündeter. Mach schneller. Reiß dich zusammen. Das kannst du besser. Der Körper reagiert darauf sofort. Schultern heben sich, der Kiefer spannt, der Atem wird flacher. Wahrnehmen ist der erste Schritt zur Veränderung. Ohne Urteil, einfach mit neugieriger Präsenz.

    Sanfte Abgrenzung beginnt mit einem Ja zu dir

    Sanfte Abgrenzung beginnt genau hier. Nicht beim Nein zum anderen, sondern beim Ja zu dir. Im Qigong üben wir, das eigene Feld zu spüren. Wo endet mein Raum, wo beginnt der des anderen. Müde ist müde. Überfordert ist überfordert. Freude darf Freude sein, ohne gleich nützlich sein zu müssen. Wenn du dich selbst ernst nimmst, entsteht Abgrenzung ganz natürlich. Still, klar und ohne Kampf.

    Wertschätzung darf klar sein

    Ein wertschätzender Umgang mit dir selbst ist kein weichgespültes Schönreden. Er ist klar. Freundlich und wahrhaftig. Du darfst dir Grenzen zugestehen, ohne dich zu rechtfertigen. So wie eine Qigong Bewegung eine klare Form hat und gleichzeitig weich bleibt. Stabil in der Mitte, durchlässig nach außen. Diese Qualität darf auch dein innerer Dialog haben.

    Ein bisschen Humor entspannt das Qi

    Humor hilft dabei ungemein. Besonders dann, wenn du bemerkst, dass dein Kopf gerade wieder ein sehr engagiertes Verbesserungsgespräch mit dir führt. Ein inneres Lächeln, wie wir es aus dem Qigong kennen, löst Spannung schneller als jedes Argument. Ah ja, da bist du ja wieder. Nicht alles muss gelöst werden. Manches darf sich einfach im Atem ordnen.

    Ermutigung als nährende Kraft

    Ermutigung ist eine nährende Kraft. Nicht laut, nicht antreibend, sondern wie ein ruhiger Strom. Ich bin da. Ich höre dir zu. Wir gehen Schritt für Schritt. Diese Haltung reguliert dein Nervensystem und stärkt deine innere Mitte. Aus ihr wächst die Fähigkeit, dich auch im Außen sanft abzugrenzen. Klar, ruhig und verbunden.

    Frieden fängt im Körper an

    Wenn du beginnst, dir selbst mit mehr Toleranz und Herz zu begegnen, verändert sich etwas Grundlegendes. Dein Atem wird freier. Dein Stand sicherer. Deine Grenzen klarer. Frieden ist dann kein fernes Ideal mehr, sondern eine spürbare Qualität in deinem Alltag. Er beginnt dort, wo du aufhörst, gegen dich zu kämpfen, und anfängst, dich von innen heraus zu unterstützen

    Miniübung: In deiner Mitte ankommen

    Stell dich aufrecht hin oder setz dich bequem hin. Die Füße haben Kontakt zum Boden, der Scheitel ist leicht nach oben ausgerichtet. Nichts machen, nur ankommen.

    Lege eine Hand auf den Unterbauch, die andere auf den Brustraum oder lass beide Hände locker ruhen. Spüre den Atem, so wie er jetzt fließt. Nicht tiefer, nicht ruhiger. Einfach da.

    Mit dem nächsten Einatmen nimm innerlich wahr:
    „Ich bin hier.“
    Mit dem Ausatmen:
    „Ich darf Raum haben.“

    Stell dir vor, dein Atem weitet deinen inneren Raum sanft nach allen Seiten, wie ein Feld um dich herum, weich und klar zugleich.

    Bleib für drei ruhige Atemzüge in diesem Gefühl von Mitte und Weite. Wenn Gedanken auftauchen, lass sie vorbeiziehen wie Wolken. Ein inneres Lächeln darf helfen.

    Zum Abschluss nimm wahr: Was brauche ich jetzt? Ohne Antwort zu erzwingen. Dann öffne langsam die Augen oder richte dich neu aus und nimm diese Qualität von Klarheit und Freundlichkeit mit in deinen nächsten Schritt.

  • Abgrenzung ist keine Einbahnstraße

    Wie oft fühlen wir uns müde und erschöpft und können gar nicht verstehen, warum! Manchmal liegt es daran, dass wir ungefragt mehr geben als uns und anderen gut tut.

    Wenn gute Absichten zu viel werden

    Neulich in einem meiner Kurse sagte eine Teilnehmerin: „Ich kenne so viele, die genau das brauchen und es macht mich wahnsinnig, dass sie das nicht machen.“ Mein erster Gedanke: Jeder geht in seinem eigenen Tempo. Manche schnell, manche langsam und manche im Rückwärtsgang. Doch es bleibt ihr Tempo, nicht unseres.

    Manchmal wundern wir uns, warum wir erschöpft sind. Wir versuchen, anderen alles zu geben, was wir für richtig halten. Dabei haben wir nur die besten Absichten im Sinn. Die harte Wahrheit: Viele dieser Geschenke sind gar nicht gefragt, nicht nötig oder schlicht unerwünscht. Genau wie bei einem Geschenk, das man ungebeten überreicht, steht es nutzlos herum oder belastet im schlimmsten Fall sogar den Beschenkten. Und wir fühlen uns am Ende leer und erschöpft.

    Wünsche nur für das eigene Herz

    Beim Lesen eines Buchs über die Raunächte stolperte ich über den Satz: „Niemals formuliere einen Wunsch für jemand anderen.“ Ich nickte innerlich sofort. Wir können nur unsere eigenen Bedürfnisse wirklich erkennen. Ein Wunsch für jemand anderen klingt liebevoll, trägt aber oft die versteckte Botschaft: Ich weiß besser, wie dein Leben laufen sollte. Eine Form der Übergriffigkeit mit Glitzer und Schleifchen.

    Die Falle gut gemeinter Fürsorge

    Ich selbst bin ein sehr fürsorglicher Mensch. Ich teile gern Rat, Socken und Seelenpflaster. Und doch überschreite ich damit manchmal unbemerkt eine Grenze: Ich greife in den Verantwortungsbereich anderer ein. Nicht aus Absicht, sondern aus Fürsorge. Wenn wir nicht aufpassen, stapeln wir die Geschenke. Wir geben unsere Energie, aber niemand hat danach gefragt. Das dient niemandem.

    Abgrenzung ist ein doppeltes Ja

    Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Abgrenzung ist keine Einbahnstraße. Sie schützt nicht nur mich vor den Erwartungen und Energien anderer. Sie schützt auch andere vor meiner ungebetenen Fürsorge. Ich darf mich selbst aus dem Leben anderer heraushalten. Raum lassen ist manchmal die schönste Form von Wertschätzung. Ein Ja zu mir und ein Ja zur Selbstbestimmung des anderen.

    Was Qigong uns lehrt

    Im Qigong üben wir genau diese Haltung. Wir stehen in unserer Mitte, verwurzelt und klar. Wir lenken unsere Energie, aber nicht die der anderen. Wir beobachten, ohne zu korrigieren und lassen los, was nicht in unserer Zuständigkeit liegt. Wer Qigong praktiziert, kennt dieses befreiende Gefühl, wenn man akzeptiert, dass nicht alles in den eigenen Händen liegt.

    Achtsame Kommunikation als Beziehungskunst

    Achtsam kommunizieren heißt: begegnen, ohne zu steuern. Wir hören zu, ohne zu reparieren. Wir lassen Raum, ohne ihn mit gut gemeinten Ratschlägen zu möblieren. Und wir atmen tief durch, bevor wir handeln. Loslassen und Bleibenlassen fällt oft schwerer als Festhalten und Handeln.

    Vertrauen statt Einmischen

    Vielleicht ist die schönste Form der Fürsorge die, die von Vertrauen getragen ist. Vertrauen, dass jeder Mensch seinen Weg kennt. Vertrauen, dass unser Beitrag nicht darin besteht, ihr oder sein Leben mitzugestalten, sondern klar und liebevoll bei uns selbst zu bleiben. Und Vertrauen, dass harmonisches Miteinander gelingen kann, wenn alle Seiten ihr eigenes Tempo leben dürfen.

    Abgrenzung ist also kein kaltes Nein, sondern ein warmes Ja zu uns selbst. Und manchmal die eleganteste Art, die Welt nicht zu retten, sondern zu respektieren.