Wenn das Leben scheinbar aus dem Ruder läuft

Das Leben stellt uns immer wieder vor Situationen, die wir nicht steuern können. Entwicklungen, die kommen, ob wir bereit sind oder nicht. Veränderungen, die sich unserem Wunsch nach Sicherheit entziehen. Manchmal sind es große Einschnitte, manchmal scheinbar banale Dinge wie das Wetter.

Ein Ereignis, viele Wirklichkeiten

Ein Wintereinbruch mit Glatteis. Warnungen sprechen von einer Unwetterkatastrophe und von Gefahr für Leib und Leben. Und sofort zeigen sich ganz unterschiedliche Reaktionen.
Die einen sagen gelassen oder genervt: vollkommen übertrieben, es ist halt Winter.
Andere sind froh über die Vorsicht, über Hinweise und Empfehlungen, und fühlen sich dadurch sicherer.
Wieder andere werden sehr ängstlich, sagen Termine ab, bleiben lieber zu Hause und hoffen, dass alles schnell vorübergeht.

Das Ereignis ist für alle gleich. Das Erleben ist es nicht.

Wenn andere anders reagieren als wir

Was oft noch dazukommt, ist etwas sehr Menschliches. Wir fühlen uns schnell angegriffen, wenn andere ganz anders reagieren als wir selbst. Wer die Warnungen ernst nimmt, versteht nicht, wie man das auf die leichte Schulter nehmen kann. Wer gelassen bleibt, fühlt sich bevormundet. Und wer Angst hat, wünscht sich, die anderen würden bitte endlich auch erkennen, wie gefährlich das alles ist.

Plötzlich geht es nicht mehr nur um Eis und Wetter, sondern darum, recht zu haben. Oder verstanden zu werden. Oder darum, die eigene Sichtweise bestätigt zu bekommen.

Der Wunsch nach Kontrolle und seine Grenzen

Das Leben fordert uns nicht nur durch das, was geschieht, sondern auch durch die Art, wie wir darauf reagieren und wie wir mit den Reaktionen der anderen umgehen. Wir sind es gewohnt zu glauben, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet. Wenn alle die Dinge so sehen würden wie wir, dann wäre die Welt doch schon viel übersichtlicher. Leider oder vielleicht auch zum Glück funktioniert das nicht.

Die daoistische Sicht auf Wandel

Daoistisch betrachtet ist das Leben ständiger Wandel. Alles ist in Bewegung, nichts bleibt, wie es ist. Das Dao folgt keinem Plan, den wir verstehen oder beeinflussen könnten. Es geschieht. Und jeder Mensch begegnet diesem Geschehen aus seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Ängsten und seinem Vertrauen heraus.

Qigong als Einladung zur inneren Klärung

Qigong lädt uns ein, einen Schritt zurückzutreten. Nicht weil wir gleichgültig sind, sondern achtsam. Wenn wir unseren Körper spüren, den Atem, die innere Bewegung, dann erkennen wir klarer, was wirklich im Außen liegt und was in uns entsteht.

Weich bleiben, ohne sich zu verlieren

Qigong bedeutet nicht, dass wir alles gut finden oder alles hinnehmen müssen. Es bedeutet, in Beziehung zu gehen mit dem, was ist. Flexibel zu bleiben, ohne uns zu verlieren. Standfest zu sein, ohne hart zu werden. Wie Wasser, das fließt, Umwege nimmt und trotzdem seinen Weg findet.

Weniger kämpfen, mehr atmen

Die Haltung des Dao macht das Leben nicht einfacher, indem sie Herausforderungen verschwinden lässt. Sie macht es leichter, weil wir weniger gegen das ankämpfen, was wir ohnehin nicht ändern können. Wenn wir aufhören, das Leben und die anderen Menschen ständig überzeugen zu wollen, entsteht etwas Entlastendes.

Eine leise Vereinfachung des Lebens

Vielleicht ist das die eigentliche Vereinfachung. Nicht weniger Herausforderungen, sondern mehr Gelassenheit im Umgang mit ihnen. Nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Vertrauen. Und manchmal beginnt all das ganz unscheinbar. Mit einer Übung. Mit einem Atemzug. Oder mit der Erkenntnis, dass wir nicht alle das Gleiche denken müssen, um gemeinsam durchs Leben zu gehen.

Kommentare

2 Antworten zu „Wenn das Leben scheinbar aus dem Ruder läuft”.

  1. Avatar von Susanne
    Susanne

    Ein wunderbarer Impuls nach dem gestrigen Tag. Danke dafür. Ich habe schon bei den ersten Warnungen über das Thema „Kontrolle“ und „Sicherheit“ nachgedacht. Es ist so simpel und logisch: Niemand kann das Wetter kontrollieren. Aber wir wollen es doch so gerne. Ich bin der absolute Kontrollfreak gewesen, habe die Kontrolle über die Atmung von Menschen und so über ihr Leben sogar zum Beruf gemacht. An einem Punkt konnte und wollte ich nicht mehr in diesem Beruf arbeiten. Und mit der Zeit – es ist ein jahrelanger Prozess – lasse ich immer mehr Kontrolle los und atme selbst bewußt und tief. Dadurch ist soviel Leichtigkeit und Freiheit in mein Leben gekommen. Und ich finde auf diesem Weg immer mehr Tiefe und spirituelle Erkenntnis. Und ich finde immer mehr Vertrauen, dass die Dinge, die passieren, gut werden.

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    1. Avatar von energieraumhs

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Schön, dass du auf dem Weg des Vertrauens bist! Und schön, dass wir uns kennengelernt haben;-)

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